Installation von Ottmar Hörl vor dem Germanischen Nationalmuseum
Madonna mit jugendlicher Ausstrahlung

Die Nürnberger Madonna war ursprünglich Teil einer für die Dominikanerkirche gefertigten Kreuzigungsgruppe, die aus drei Figuren bestand. (Foto: GNM)
Kultur
Nürnberg
11.07.2017
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Die Nürnberger Madonna entstand um 1510 und genoss vor allem im 19. Jahrhundert eine fast kultische Verehrung. Anfang September wird der international bekannte Konzeptkünstler Ottmar Hörl für zwei Wochen eine Installation mit rund 600 goldenen "Nürnberger Madonnen" realisieren.

Sie besticht durch ihre elegant geschwungene Körperhaltung und eine jugendliche Ausstrahlung. Die Arme hat sie vor der Brust verschränkt. Der Kopf ist leicht zur Seite geneigt. Ihre Augen blicken - in der ursprünglichen Konzeption - scheinbar in Richtung ihres toten Sohnes. Auch als Einzelfigur faszinierte die Nürnberger Madonna, die im 19. Jahrhundert als Inbegriff einer anmutig und still trauernden Frau galt. In Abgüssen, Nachbildungen und grafischen Vervielfältigungen fand sie weite Verbreitung.

Als Albert Christoph Reindel im Jahr 1811 die Leitung der Nürnberger Akademie übernahm, stellte er eine kleine Sammlung an Skulpturen und Zeichnungen zusammen, an denen seine Schüler ihren Blick schulen sollten. Zu ihnen gehörte auch die Nürnberger Madonna. So entstanden sowohl Zeichnungen, Stiche als auch Nachbildungen, die im Handel erworben werden konnten. Die Figur wurde bekannt, und auch die Nachfrage nach dem Original als Leihgabe für Ausstellungen nahm zu.

Mitte des 19. Jahrhunderts verkörperte die Nürnberger Madonna wie kaum ein anderes Werk die romantisch-verklärte Vorstellung von einer mittelalterlich-deutschen Kunst. Neben Figuren wie dem Bamberger Reiter und der Uta vom Naumburger Dom reihte sie sich ein in den Kanon des bürgerlichen Bildungsguts, der in Kleinskulpturen Aufstellung in zahlreichen privaten Wohn- und Repräsentationsräumen fand. Das Original wurde 1880 dem Germanischen Museum übergeben und dort dauerhaft aufgestellt.

Während der Inflationszeit war die Nürnberger Madonna sogar auf Zahlmarken der Nürnberger Straßenbahn zu sehen. 1923 erschien bei Reclam eine Novelle, die die - rein fiktive - Entstehungsgeschichte der Holzfigur romantisch verklärt erzählte. Noch im Jahr 1952 zierte ihr Konterfei eine Sonderbriefmarke.

Dieses mit der Kunst- und Kulturgeschichte vielfältig verknüpfte Phänomen der Vervielfältigung nimmt der Konzeptkünstler Ottmar Hörl zum Anlass, dem Werk im 21. Jahrhundert eine spektakuläre Renaissance zu widmen. Vom 1. bis 17. September verwandeln seine 600 goldenen Figuren den Kornmarkt vor dem Germanischen Nationalmuseum (GNM) in einen temporären, fast religiös anmutenden Kunst-Schau-Platz.
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