"Wozzeck"-Inszenierung in Nürnberg aktuell und packend
Das Glück hängt am seidenen Faden

Als die Oper "Wozzeck" von Alban Berg im Jahr 1925 in Berlin uraufgeführt wurde, waren die Reaktionen gespalten. Jetzt ist eine Version von Bergs "Wozzeck" am Staatstheater Nürnberg zu sehen. Die Inszenierung von Georg Schmiedleitner mit beweglichen Räumen erhielt bei der Premiere lang anhaltenden Applaus. Bild: Ludwig Olah
Kultur
Nürnberg
22.02.2017
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Regisseur Georg Schmiedleitner interpretiert den Stoff von Georg Büchners Dramenfragment neu: In "Wozzeck" wird der Hauptdarsteller wieder Opfer. Das Drama spielt aber im 21. Jahrhundert. Enge, pendelnde Zimmer symbolisieren die haltlose Gesellschaft. Darüber prangt das Wort "Glück" - Inszenierung in Nürnberg ist aktuell und packend.

Das "Glück" kommt von oben. Langsam schwebt das Wort, von rot leuchtenden Lampen erhellt, von der Decke herab auf die Bühne: Fünf Buchstaben als Programm. Sowohl Georg Büchners Dramenfragment, als auch Alban Bergs Oper "Wozzeck" setzen dem glücklosen Anti-Helden ein zeitloses Denkmal. Die Story vom Soldaten Franz, der am unteren Ende der Gesellschaft angelangt ist und allein in seiner Geliebten und dem gemeinsamen unehelichen Kind Erfüllung findet, schrieb Geschichte.

Die These lautet: Eine Gesellschaft funktioniert nur dann, wenn man sie nicht vom Glück ausschließt. Regisseur Schmiedleitner nimmt diesen Gedanken in seiner Nürnberger Inszenierung auf, verwandelt den Soldaten aber in einen Zeitgenossen. Am Ende seines "Wozzeck" sind die fünf Buchstaben in schwarzes Licht getaucht: ist die Hoffnung auf Glück für immer begraben?

Ein Anti-Held


Auf den ersten Blick ist Wozzeck kein Versager. Er hat Familie, verdient Geld und besitzt ein trautes Heim. Wer allerdings genauer hinschaut, entdeckt die unzähligen Amazon-Pakete und all die unbeglichenen Rechnungen, mit denen die weißen Wände tapeziert sind. Klar, hier lebt jemand am Rand der Existenz, dessen Dasein einem klaffenden Abgrund gleicht. Um seine Familie zu ernähren, braucht er mehrere Jobs. So duldet er als Versuchskaninchen die medizinischen Tests eines skrupellosen Arztes und steht als "Dominus" zu Diensten. Anders als im Bergschen Original zückt er nicht den Rasierer, sondern eine Lederpeitsche, um den schmucken Herrn zu stimulieren. Wozzeck als Prostituierter, Liebesdiener und Sklave - ein Außenseiter, der sich immer wieder wehrt, aber letztlich untergeht.

Enge, pendelnde Zimmer


Nicht das Einzelschicksal steht bei Schmiedleitner im Vordergrund, sondern das unmenschliche und gnadenlose System dahinter. Der unterdrückte Mensch agiert in unterschiedlichen Räumen, steckt aber trotzdem in einem gesellschaftlichen Gefängnis. Bühnenbildner Stefan Brandtmayr lässt dazu drei hölzerne Quader auf- und abschweben, in denen sich die Protagonisten bewegen. Enge Zimmer, die von oben betrachtet Schwindel erzeugen. Sie pendeln haltlos hin- und her, ohne Sicherheit zu geben. Ein starkes Bild: alles ist in der Schwebe und doch räumlich fest verankert. Bergs atonale Musik, gewürzt mit 12-Ton-Passagen, ist Geschmackssache. Es fasziniert aber, wie der Schönberg-Schüler Text, Musik und Bühnengeschehen zu einem alptraumhaften und surrealen Szenarium verschmelzt. Klang und Wort stehen gleichberechtigt nebeneinander, ja interpretieren sich gegenseitig.

Es mutet fast gruselig an, wenn bekannte Melodien, Walzer, Ländler sowie ein Jägerchor schräg und schrill verfremdet werden oder der Narr ein paar Takte im Falsett anstimmt: "Ich rieche Blut..." Jochen Kupfer verleiht seinem Wozzeck schauspielerisch und stimmlich Flügel. Imponierend, wie er stets die angemessenen Zwischentöne zwischen unterschwelliger Angst und ausbrechender Wut findet. Katrin Adel, als solide Gesangspartnerin an seiner Seite, gewinnt ihrer Marie eine Vielzahl von Farben und Emotionen ab.

Lang anhaltender Applaus


Die Staatsphilharmonie unter Gábor Káli gestaltet Bergs Musik packend und bis ins Letzte ausdifferenziert. Ob delikate Zartheit oder erschütternde Crescendi - da wird Musik gezückt, die scharf ist wie ein Rasiermesser (das in der Anfangsszene fehlte). Nach rund 100 Minuten dankt das Premieren-Publikum mit lange anhaltendem Beifall. Schmiedleitner beweist, dass "Wozzeck" auch nach 90 Jahren nichts von seiner emotionalen Wirkungskraft verloren hat - unbedingt anschauen!
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