24.04.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Trauer um den Jesuiten Frans van der Lugt - Stimme der Menschlichkeit in der Hölle von Homs: Friedensbote in Zeiten des Terrors

Gehen wollte er nicht. Schon gar wegen des syrischen Bürgerkrieges. Im Gegenteil: Der Jesuit Frans van der Lugt blieb bis zum bitteren Ende bei den von den Kämpfen eingeschlossenen Menschen. Der Niederländer war die Stimme der Menschlichkeit in der Hölle von Homs. Am 7. April 2014, drei Tage vor seinem 76. Geburtstag, wurde der Geistliche von zwei Maskierten im Kloster in Homs ermordet.

Das Bild von Pater Frans van der Lugt im Eingang zu seinem Kloster in der belagerten Altstadt entstand Anfang Februar, zwei Monate vor seiner Ermordung. Archivbild: dpa
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Pater Frans lebte seit 48 Jahren in Syrien, und er fühlte sich längst als Einheimischer. "Ich bin der einzige Priester und der einzige Fremde in der Gegend, aber ich fühle mich nicht wie ein Ausländer." Seine Sorge galt den Menschen. Seine Nachbarn bauten auf ihn. "Ich sehe keine Muslime oder Christen", sagte er. "Ich sehe vor allem menschliche Wesen."

Wie kein anderer wies Pater Frans auf die Not der seit Mitte 2011 von den Kämpfen zwischen Rebellen und Regierungstruppen in der Altstadt von Homs eingeschlossen Menschen hin. Unvergessen sein dramatischer Appell an die Weltgemeinschaft vom Januar: "Ich werde nicht akzeptieren, dass wir vor Hunger sterben. Ich werde nicht akzeptieren, dass wir in einem Meer aus Hunger ertrinken", sagte er in seiner Videobotschaft. "Wir lieben das Leben. Wir wollen leben und wir wollen nicht in einem Meer aus Schmerzen und Leiden versinken."

Als jedoch auf Vermittlung der Vereinten Nationen im Februar im Zuge eines Waffenstillstandes rund 1400 Menschen die belagerte Altstadt verlassen konnten, blieb er. Bis zu seinem Tod harrte er im teilweise zerstörten Kloster aus. "Ich bin der Abt des Klosters. Wie kann ich es verlassen? Wie kann ich gehen? Das ist unmöglich." Die zwei Dutzend Christen, die auch nach der Evakuierung der belagerten Altstadt von Homs nicht gehen wollten, wollte Pater Frans nicht im Stich lassen.

Dialog der Religionen

Die Begegnung mit den Menschen, der Dialog und die Aussöhnung waren Anliegen von Pater Frans. Er baute das Jesuitenzentrum "Al Ard" (Das Land) auf. Auf dem Landgut außerhalb von Homs bot der ausgebildete Psychotherapeut jungen behinderten Menschen Arbeit und Begleitung. Nach und nach entwickelte sich das Projekt zu einer Begegnungsstätte zwischen Christen und Muslimen.

So wie sein zweites Projekt "Al Maseer" (Wandern). Seit den 1980er Jahren lud Pater Frans alle zwei bis drei Monate junge Menschen verschiedener Religionen zu mehrtägigen Wanderungen durch Syrien ein. Dabei beeindruckte er durch seine Spiritualität, aber auch durch seine Ausdauer. Klagen über Müdigkeit beantwortetet er immer mit der Aufforderung: "Ilal aman" (Geht weiter).

Pater Frans war über die religiösen Grenzen hinweg von allen geliebt, aber von einigen gehasst, für die jeder Friedenstifter ein Problem ist. Die Extremisten, egal welcher Seite, mögen die Leute nicht, die vermitteln, die Frieden stiften. Der Krieg und seine Akteure wollen keine Friedenstifter.Pater Peter Balleis SJ, Internationaler Direktor des Flüchtlingsdienstes der Jesuiten (JRS)

Der Mord an Pater Frans am 7. April hat die Jesuiten weltweit tief erschüttert. Auch die Mitarbeiter der Jesuitenmission in Nürnberg trauern: "Pater Frans hat in Syrien vielen Menschen Kraft, Mut und Hoffnung gegeben, um auf den Krieg mit Menschlichkeit zu antworten. Das ist ein Vermächtnis, das der Tod nicht zerstören kann". Sie verstehen, wie alle Jesuiten in und außerhalb Syriens, das Vermächtnis als Ansporn weiterhin den Opfern zu helfen.

Balleis: Kein Märtyrer

Pater Peter Balleis SJ, der Internationale Direktor des Flüchtlingsdienstes der Jesuiten (JRS), der selbst viele Jahre bei der Jesuitenmission in Nürnberg gearbeitet hat, erinnert sich an einen Satz seines ermordeten Mitbruders: "Wir Christen müssen uns im Nahen Osten als Minderheit so verhalten, dass wir geliebt und gewollt sind." Das habe Frans getan, und sein Leben und Tod seien Zeugnis davon, betont Balleis.

"Pater Frans war über die religiösen Grenzen hinweg von allen geliebt, aber von einigen gehasst, für die jeder Friedenstifter ein Problem ist. Die Extremisten, egal welcher Seite, mögen die Leute nicht, die vermitteln, die Frieden stiften. Der Krieg und seine Akteure wollen keine Friedenstifter", sagt Balleis. Den Begriff "Märtyrer" lehnt der Jesuit aber ab, da dieser missbraucht werde: "Frans ist kein Märtyrer. Er hat das Schicksal der Vielen geteilt, die in diesem unsinnigen Krieg sterben."

Pater Paolo entführt

Der Niederländer ist nicht das erste Opfer, das die Jesuiten in Syrien beklage müssen. Seit Juli 2013 ist Pater Paolo Dall'Oglio verschwunden. Der Italiener, der das Jahrhunderte alte syrisch-katholische Dair Mar Musa al-Habaschi ("Kloster des heiligen Moses von Abessinien") in der Wüste nördlich von Damaskus wieder aufgebaut hat, wurde in der Stadt Raqqa im Nordosten verschleppt.

Der Pater, der gegen den Willen seines Ordensoberen nach Syrien zurückgekehrt war, wollte zwischen den Einheimischen und der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und Syrien (ISIS) vermitteln. Seither gibt es kein Lebenszeichen von ihm. Viele fürchten, dass Pater Paolo von ISIS ermordet worden ist.

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