Club-Trainer Michael Köllner über die Heimat, Liga eins und seinen Vertrag
"Meine Wurzeln sind mir wichtig"

Ein Club-Trainer, der einen Plan hat: Der Fuchsmühler Michael Köllner im Interview mit den Oberpfalz-Medien.
Sport
Nürnberg
20.04.2017
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Seit rund sieben Wochen ist der gebürtige Oberpfälzer Michael Köllner Cheftrainer beim 1. FC Nürnberg. Der 47-Jährige sagt: "Am Ende muss es der Anspruch des Club sein, vorne mitzuspielen." Bilder: Wilcke

100 Tage gibt man einem neuen Mann in verantwortlicher Position Zeit, um erstmals Bilanz zu ziehen. Michael Köllner hat schon nach nicht einmal 50 Tagen sehr viel zu erzählen. Der neue Trainer des 1. FC Nürnberg lebt jetzt auch in einer etwas anderen Fußballwelt.

Er war zuletzt der rasanteste Aufsteiger bei den Trainern im deutschen Profifußball. Im Sommer 2016 als Mann für die Neustrukturierung im Nachwuchsbereich geholt, steht Michael Köllner seit Anfang März auch bundesweit im Fokus: Als Cheftrainer der Profitruppe des 1. FC Nürnberg. Das hatte der 47-Jährige aus Fuchsmühl (Kreis Tirschenreuth) so nicht geplant, wie er im Interview mit den Oberpfalz-Medien verrät. Was treibt ihn an und bleibt er auch über das Saisonende hinaus Cheftrainer? Auch darüber spricht der Stiftländer. Und was es für Vorteile hat, auf dem Dorf aufzuwachsen oder ein Internat zu besuchen, auch davon erzählt der einstige DFB-Koordinator Jugendfußball für Ostbayern im Interview.

Herr Köllner, Sie haben das Augustinus-Seminar in Weiden besucht. Im "Semi" waren die Patres richtig fußball-begeistert. Hat sich eigentlich Pater Albrecht schon gemeldet, seitdem Sie Cheftrainer beim Club sind?

Michael Köllner: Vor einiger Zeit hatten wir mal Kontakt. Er hat verfolgt, dass ich im Fußballgeschäft unterwegs bin. Mit Pater Gisbert habe ich viel Kontakt. Ihn kenne ich, weil er auch Pfarrer in Fuchsmühl war. Ja, im Seminar haben wir immer fleißig Fußball gespielt.

Wenn Sie zurückblicken: Hätten Sie sich vorstellen können, einmal Trainer einer Profimannschaft zu werden?

Vorstellen konnte ich mir das sicherlich nicht, als ich im Nachwuchsleistungszentrum zu arbeiten begonnen habe. Die Aufgabe bei meinem Amtsantritt war, das NLZ so zu strukturieren, dass der Verein zukunftsfähig ist. Darauf lag mein voller Fokus. Daher war das Verlangen, eine Profimannschaft zu übernehmen, nicht so groß.

Warum nicht?

Cheftrainer zu sein, heißt auch, dass man viel umziehen und den Wohnort wechseln muss. Ich bin aber sehr heimatverbunden. Die sichere Variante wäre es, im Nachwuchsbereich zu arbeiten und lange im Verein zu bleiben. Es ist unser Ziel, Nachwuchs und Profimannschaft stärker miteinander zu vernetzen. Da passt es für mich hier sehr gut.

Was haben Sie in den vergangenen Wochen als Cheftrainer dazulernen müssen?

Es hat sich nicht viel verändert. Die Aufmerksamkeit hat sich erhöht, man muss vorsichtiger sein im Umgang mit Medien und am Trainingsplatz. Man muss sich stets mit Bedacht äußern. Dennoch bin ich mir sicher, dass ich mir selbst treu bleiben kann und werde.

Aber es ändert sich doch sicherlich der Lebensrhythmus noch viel mehr ...

Auch im Privatleben ist es ein Unterschied, sei es, wenn ich in der Stadt unterwegs bin, oder in der Heimat. Die Menschen erkennen mich oft. Erst am Wochenende war ich bei Illschwang unterwegs, um nach einer Möglichkeit für ein Sommertrainingslager zu schauen. Ich trank mit meiner Frau einen Kaffee, da habe ich schon gehört, wie die Leute am Nachbartisch gemurmelt haben: 'Das ist doch der neue Club-Trainer.' Mutig genug, um zu fragen, war aber keiner. Aber daran sieht man: Der Club hat schon noch eine intensive Wirkung auf die Region.

Wie wichtig ist Ihnen Ihre Oberpfälzer Heimat?

Ich bin in Süddeutschland beruflich schon viel herumgekommen, aber natürlich sind mir meine Wurzeln wichtig. Seit fünf Jahren lebe ich in München, zuvor in Regensburg, nun habe ich eine Wohnung in Nürnberg. Regensburg und München sind für mich auch Heimat geworden. Mein Charakter wurde aber sicher durch die Oberpfalz geprägt: Ich habe acht Jahre in einem katholischen Internat gelebt und bin in einem Dorf in einer Gemeinschaft aufgewachsen. Das erlebt zu haben, ist sehr wichtig für mich. Gefühlt bin ich in jedem Haus in Fuchsmühl zu Hause.

Wie ist der Kontakt heute?

Ich komme nicht mehr so oft nach Hause, da fehlt oft die Zeit. Aber ich freue mich immer, wenn mir die Leute von damals im Stadion oder hier beim Training begegnen.

Wie fühlen Sie sich als Oberpfälzer in Franken?

Ich habe schon oft in Franken gearbeitet. Zum Beispiel bei Bayern Hof, Greuther Fürth und nun also in Nürnberg. Mir gefällt die Stadt und ich fühle mich sehr wohl. Oft laufe ich meinen Spielern in der Stadt über den Weg. Mal Tobias Kempe, der mir mit dem Kinderwagen entgegenkommt, oder auch Abdelhamid Sabiri. Nürnberg ist überschaubar. Im Sommer zieht meine ganze Familie hierher.

Seit sieben Wochen stehen Sie an der Club-Spitze: Wie fällt Ihre Bilanz bisher aus?

Ich bin nicht undankbar über die Punkteausbeute (38 Zähler; Anm. die Red.). Natürlich hätten wir in Hannover und bei Union Berlin punkten können, allerdings hätten wir gegen Aue und Karlsruhe auch Punkte liegen lassen können. Insgesamt bin ich froh, dass wir von vier Heimspielen drei gewonnen haben und die Bigpoints gegen direkte Gegner geholt haben. Wichtig ist für mich auch die Erkenntnis, dass wir von solchen Mannschaften gar nicht so weit weg sind. Denn am Ende muss unser Anspruch sein, wieder vorne mitzuspielen.

Sie arbeiten sehr gerne mit jungen Spielern. Nehmen wir mal Eduard Löwen. Ist er ein Spieler mit einer großen Zukunft?

Man muss sich das Paket ansehen. Beim Club definieren wir nicht nach Positionen, sondern in Räumen. Positiv ist sicher seine Flexibilität. Wichtig ist die physische und psychische Stärke. Edu wird auch einmal ein Tal durchleben. Aktuell macht er Freude. Wir werden sehen, wie er eines Tages aus einem Tief herauskommt. Er braucht großes Vertrauen und Ruhe.

Welches Saisonziel geben Sie noch bis zum Ende heraus?

Wir wollen mindestens den 8. Platz halten, weil wir das beeinflussen können, indem wir unsere Spiele gewinnen. Es ist gut, die Saison positiv zu beenden, denn den Schub nimmt man mit in die Pause und die nächste Vorbereitung.

Wie weit ist der derzeitige Club von Konkurrenten wie VfB Stuttgart oder Hannover 96 entfernt?

Das sind von der Qualität her Bundesligamannschaften. Damit können wir uns nicht vergleichen. Aber in der kommenden Saison brauchen wir ein geschlossenes Team, das auf eine andere Art Fußball spielt. Die Jungen bringen den Enthusiasmus mit, die Älteren das Wissen und die Routine, kritische Situationen zu regeln. Bringen wir dann noch Tempo und Fitness ins Spiel und sind taktisch variabel, dann lässt sich vorne mitspielen.

Aber der Club ist ohnehin gefühlter Erstligist. Wie lange lässt sich der Platz 8 in Liga 2 verkaufen?

Die Voraussetzungen beim Club sind ja nicht schlecht. Für uns ist es wichtig, dass das Umfeld, also auch die Fans, erkennt, welche Mannschaft auf dem Platz steht. Ein Team mit Leidenschaft und Dampf, das sich Woche für Woche verbessert. Dann kommt auch die Akzeptanz.

Aber nach dem Quasi-Ligaerhalt ist doch der Dampf etwas raus ...

Die restliche Saison müssen wir nutzen, um zu zeigen, dass es Spaß macht einem Lukas Mühl und Eduard Löwen zuzuschauen. Die Fans wollen wieder Idole haben. Wenn Raphael Schäfer im Sommer von Bord geht, soll es die Aufgabe von jemandem wie Georg Margreitter werden, dem Club eine Identität zu geben.

Zuletzt gegen Aue war auffällig, dass dem Club bei der Vielzahl von jungen Spielern Führungsspieler fehlen ...

Das glaube ich nicht. In der Außenwahrnehmung mag das so ankommen. Aber vielen Spielern hat einfach der 3. Platz im vergangenen Jahr zugesetzt. Einerseits, was die Erwartungen betrifft, andererseits gab es eine enorme körperliche Belastung durch die verkürzte Saisonpause. Dazu kamen noch Misserfolge. Daran knabbert ein etablierter Spieler lange.

Als Sie den Trainerjob übernahmen, sagten Sie, dass Motivation eine wichtige Rolle spielen wird. Was geben Sie den Spielern in der Kabine mit auf den Weg?

Die Ansprachen sind sehr individuell gehalten und mit hohem taktischen Anspruch. An der Wand hängen Plakate mit den wichtigen Schlagwörtern und Standardsituationen. Abhängig sind die Inhalte natürlich auch von der Situation. Gegen Aue war das Zweikampfverhalten wichtig. Also wurde es emotional. Gegen Bielefeld war es sehr ruhig und eher allgemein.

Wie würden Sie sich als Trainer beschreiben?

Ich habe in der Vergangenheit anonyme Fragebogen an die Spieler ausgeteilt und ließ mich bewerten. Es kann ein Unterschied sein, wie man sich selbst wahrnimmt und wie es das Umfeld tut. Am Ende entscheidet letzteres. Ich habe immer den Anspruch, top vorbereitet zu sein und sehr gründlich vorzugehen. Das soll auch der Spieler merken.

In Ihrem Ratgeber für junge Fußballtalente fordern Sie, dass man sich immer fragen sollte: 'Was treibt mich an?' Was treibt Sie an?

Zu Beginn einer Verpflichtung zeige ich einem Spieler, egal welchen Alters, einen Weg seiner Entwicklung auf, damit er sich für den Club entscheidet. Wenn er das tut, sehe ich unsere Vereinbarung als eine Art beiderseitiges Versprechen an, das wir jeden Tag einhalten und umsetzen müssen. Es ist ein Riesenansporn, dem eigenen Versprechen gerecht werden zu wollen.

Wie sieht es mit Ihrer Zukunft aus? Bleiben Sie Cheftrainer über das Saisonende hinaus?

Sportvorstand Andreas Bornemann und ich stehen im ständigen Austausch. Aktuell sind aber Planungen, die den Kader und kommende Saison betreffen, wichtiger. Mein Vertrag als NLZ-Leiter bleibt unabhängig davon bestehen, in welcher Konstellation ich hier weitermache. Ich bleibe Nachwuchs-Chef und in jedem Fall beim Club.

Das Interview führten Stephanie Wilcke und Josef Maier.
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