02.05.2017 - 19:18 Uhr
Oberpfalz

Christian Greiner führt angeschlagenes Bekleidungshaus - Filialen in Amberg und Weiden Wöhrl: Zurück zu alten Stärken

Alles bleibt in der Familie. In der dritten Generation führt Christian Greiner als Alleininhaber das Bekleidungshaus Wöhrl. Nach der Beinahe-Insolvenz will der Sohn von Hans Rudolf Wöhrl und Enkel von Unternehmensgründer Rudolf Wöhrl wieder zu alten Stärken zurückfinden.

Statt des bekannten Knopfes leuchtet ein rotes Herz: Das Symbol soll gleichsam für das Herzblut stehen, mit dem die Familie Wöhrl ihr Unternehmen in die Zukunft führen möchte. Links der neue Inhaber Christian Greiner (38) und rechts sein Vater Hans Rudolf Wöhrl (69) mit Mizzi Wöhrl (80), Witwe von Unternehmensgründer Rudolf Wöhrl. Die Filialen Amberg und Weiden gelten als nicht gefährdet. Bild: cf
von Clemens Fütterer Kontakt Profil

"Ohne Spaß ist kein Erfolg möglich", sagt der 38-jährige neue Chef der R. Wöhrl Holding GmbH. So heißt das Unternehmen nach fast neunmonatigem Insolvenzverfahren. Wie berichtet, hatte Wöhrl 2016 Eigenantrag gestellt, nachdem sich ein Schuldenberg von 50 Millionen Euro aufgetürmt hatte.

Restrukturierungs-Vorstand Dr. Christian Gerloff bezifferte bei einer Pressekonferenz am Dienstag den gesamten Finanzierungsbedarf sogar auf 100 Millionen Euro. Nach bewegtem Investoren-Hin und -Her - schließlich funkte auch noch der Bundesfinanzhof dazwischen - kam es Ende April mit Zustimmung der Gläubiger zur Familien-internen Lösung. Die Forderungen, auch der Bundesagentur für Arbeit, werden zu 20 Prozent bedient. Die Wöhrls buttern aus ihrem privaten Vermögen ordentlich zu. "Wöhrl kann nicht nur in Mode, sondern auch in Spannung und Emotion", umschrieb Gerloff tapfer das dramatische Geschehen und das Ziel, den stationären Einkauf wieder zum Erlebnis zu machen.

Hans Rudolf Wöhrl machte aus seinem Stolz über seinen Sohn Christian (er trägt den Familiennamen der Mutter) keinen Hehl. Ebenso vernehmbar war indirekt Kritik an Bruder Gerhard. Hans Rudolf sprach von einem "grundlegenden Meinungsunterschied, wer Wöhrl führen soll". Nachdem sich bereits 2002 die brüderlichen Wege getrennt hatten, überwarfen sich deshalb Hans Rudolf und Gerhard 2010 massiv. "Nach der Trennung habe ich von der Firma Wöhrl nichts mehr erfahren." Um so erstaunter sei er 2016 über die finanziellen Engpässe gewesen. Jedenfalls bekundete Hans Rudolf Wöhrl ("ich bin ohne offizielle Funktion hier") Stolz und Genugtuung über den Einstieg seines Sohns als nunmehr alleinigen Inhaber: "Das gab es seit dem Jahr 1970 nicht mehr." Eine wahrlich turbulente Familien-Saga ...

Christian Greiner sieht in seinem Vater den "besten Freund" und Ratgeber. Er kündigte an, Wöhrl auf das Wesentliche - Kunde, Ware und Service - zu konzentrieren. Das Bekleidungshaus sei in den letzten Jahren "auf zu vielen Hochzeiten getanzt". Bei den Marken dürfe man sich nicht verzetteln. Wöhrl sei ein in Franken verankertes Unternehmen, das für jeden Kunden nahbar sein wolle. Aus den Filialen werde er keine Luxus-tempel machen. "Wir wollen keine gekünstelte Schickimicki-Welt zeigen, sondern sehr bodenständig sein." Wöhrl sei bei einem "fairen Preis-Leistungs-Verhältnis" für die ganze Familie da. Greiner erwartet durch seine Verantwortung bei Ludwig Beck durchaus Synergieeffekte, die Wöhrl zugutekommen könnten.

Hans Rudolf Wöhrl äußerte Verwunderung über die Rolle der Gewerkschaft Verdi, die vor wenigen Wochen zu einem Streik für Tariflöhne aufgerufen hatte. Nur ein Prozent der Belegschaft habe sich an dem Arbeitskampf beteiligt. Greiner erklärte, das Gros der Mitarbeiter werde bereits deutlich über Tarif bezahlt - und mit einem Tarifvertrag schlechter gestellt. Von den Arbeitsplätzen würden 95 Prozent erhalten. Der zuletzt massiv auf 280 Millionen Euro geschrumpfte Umsatz soll "wieder wachsen". Momentan sei Wöhrl "cash-positiv" unterwegs.

Wöhrl, Ludwig Beck und Wormland

Das Vermögen der Unternehmer-Familie Wöhrl wird auf mehrere Hundert Millionen Euro taxiert. Dass sich die neue Holding nicht nur fremdfinanziert, sondern Familien-Vermögen eingebracht wird, bestätigte am Dienstag der neue Inhaber Christian Greiner. Der 38-Jährige kommt aus der Branche. Der Kunst- und Kulturliebhaber trug schon von 2004 bis 2007 bei Wöhrl die Verantwortung für das junge Konzept U 1. Greiner stieg 2011 zum Vorstandsmitglied der Kaufhaus-Kette Ludwig Beck auf, an der wiederum Vater Hans Rudolf Wöhrl rund 30 Prozent der Anteile hält. Greiner ist außerdem Geschäftsführer des Herrenbekleiders Wormland, der zu Beck gehört.

Einen Verlust von 80 Prozent müssen die Zeichner der Wöhrl-Anleihe aus dem Jahr 2013 verkraften. Mit den 30 Millionen Euro zu 6,5 Prozent Zinsen und einer Laufzeit bis Ende 2018 finanzierte Wöhrl den Kauf der Karstadt-Tochter Sinn Leiffers. Der Verfall der Anleihe (damals mit BB bewertet) zeigt wieder einmal das enorme Risiko von Mittelstands-Schuldpapieren auf. (cf)

Unser Filial-Portfolio ist eine solide Basis für die Zukunft.Christian Greiner
Das Heil liegt nicht im E-Commerce. Das Gros des Umsatzes im Einzelhandel erfolgt nach wie vor stationär.Christian Greiner (Sohn von Hans Rudolf Wöhrl), Eigentümer der R. Wöhrl Holding GmbH
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