29.08.2017 - 21:22 Uhr
Oberpfalz

Immer mehr Deutsche suchen sich Minijobs Schichtbeginn nach Feierabend

Die Arbeitsmarktzahlen sind gut, die Arbeitslosigkeit ist niedrig. Trotz einer festen Stelle gehen aber immer mehr Menschen nach Feierabend zum Beispiel in den Supermarkt - und zwar hinter die Kasse.

Viele Betriebe bieten Minijobs an, und viele Deutsche wollen sie - obwohl sie eine Vollzeitstelle haben. Doch nicht alle entscheiden sich aus finanzieller Not für eine Nebenbeschäftigung. Bild: Stefan Sauer/dpa
von Agentur DPAProfil

Immer mehr Menschen in Deutschland gehen zusätzlich zu ihrem Hauptberuf einem Nebenjob nach. Laut Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit gingen im Dezember 2016 insgesamt fast 2,7 Millionen Arbeitnehmer im Nebenjob einer geringfügigen Beschäftigung nach.

Mehr als die Hälfte der angestellten Nebenjobber macht den Minijob zusätzlich zur Vollzeitbeschäftigung. In den vergangenen Jahren habe es einen starken Anstieg bei Nebenjobbern gegeben, sagt der Forscher Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB): "Seit den Hartz-Reformen hat sich die Zahl mehr als verdoppelt", sagte Weber der Deutschen Presse-Agentur. Im Jahr 2003 gingen lediglich 1,2 Millionen Menschen im Nebenberuf einem Minijob nach.

"Brutto wie netto"

Vor allem Menschen mit einem unterdurchschnittlichen Verdienst im Hauptjob hätten einen zusätzlichen Minijob, meint der Forscher. Doch nicht immer sei die finanzielle Not der Grund. Viele empfänden die geringen Abgaben auch als praktisch, denn "brutto ist wie netto".

Geringfügige Nebenbeschäftigungen auf 450-Euro-Basis wurden durch die Hartz-Reformen begünstigt: Minijobber zahlen mit Ausnahme der Rentenversicherung keine Sozialabgaben - von der Rentenversicherung kann man sich allerdings befreien lassen, "und das tun auch die meisten", sagt Weber. Was heute aus finanzieller Sicht hilfreich sei, könne für die Zukunft allerdings kritisch sein, meint er. Bei der Rente könne es dann ein böses Erwachen geben.

Die meisten Nebenjobs gibt es im Einzelhandel und Gastgewerbe, in anderen wirtschaftlichen Dienstleistungen und im Gesundheits- und Sozialwesen. Ihre Hauptjobs haben die Nebenjobber zum Teil in den gleichen Branchen. Am häufigsten arbeiten sie laut der Analyse jedoch hauptberuflich im verarbeitenden Gewerbe. Aus Sicht des Arbeitsmarktforschers Weber sind Minijobs nicht mehr sinnvoll.

Im Sinne einer nachhaltigen beruflichen Entwicklung müsste man Geringverdiener bei ihren Hauptberufen entweder steuerlich oder bei den Sozialabgaben stärker entlasten, meint er. Würden Minijobs wegfallen, dann entstünden voraussichtlich auch mehr sozialversicherungspflichtige Jobs, schätzt der Arbeitsmarktforscher. Bei den Hartz-Reformen wurden gegen die Massenarbeitslosigkeit alle Register gezogen, um Bewegung in den Arbeitsmarkt zu kriegen. Weber meint: "Mittlerweile ist das nicht mehr nachvollziehbar. Es wäre angesagt, das abzuschaffen."

Job neben dem Job: Hauptarbeitgeber immer informieren

Wer neben seiner regulären Arbeit einen Minijob ausüben will, sollte vorher immer mit dem Hauptarbeitgeber sprechen. In der Regel steht im Arbeitsvertrag, ob und wie Arbeitnehmer den Chef über Nebentätigkeiten informieren müssen und ob sie dafür eine Genehmigung brauchen.

"Selbst wenn man keine benötigt, sollte man besser auf Nummer sicher gehen, erklärt Alexander Bredereck, Fachanwalt für Arbeitsrecht. "Ich würde mir dafür immer die schriftliche Erlaubnis einholen." Das gilt vor allem für Vollzeitbeschäftigte - bei Teilzeit sind die Regeln meistens weniger streng. "Ich muss immer schauen, was ich dem Arbeitgeber verkauft habe", erklärt Bredereck. Bei einer Vollzeitstelle steht dem Arbeitgeber die ganze Arbeitskraft zur Verfügung. Geht jemand dann nach acht Stunden im Büro noch vier Stunden kellnern, kann der erste Arbeitgeber das wahrscheinlich zu Recht verbieten.

Auch andere Gründe für ein Verbot sind denkbar - etwa wenn ein Arbeitnehmer mit seinem Nebenjob dem ersten Arbeitgeber Konkurrenz macht. Oder wenn er dadurch dessen Ruf oder dessen Interessen schädigt. Mit solchen Begründungen ist ein Verbot bestimmter Nebentätigkeiten auch bei Teilzeitstellen möglich.

Verbietet der Arbeitgeber den Nebenjob, sollten sich Beschäftigte daran halten - oder das Verbot gerichtlich prüfen lassen. Es zu ignorieren, ist keine gute Idee. "Das kann heute schnell rauskommen", erklärt Bredereck. "Durch SteuerkartenBeispiel, durch Kollegen oder in sozialen Netzwerken." Hält sich jemand nicht an das Verbot, droht sogar die Kündigung. (dpa)

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