09.05.2018 - 15:02 Uhr
Oberpfalz

Fall Tsavaris: Mutmaßliche Mittäter sagen aus Ahnungslos im Zeugenstand

Die Höflichkeit, so heißt es in der Märchenstunde, gebiete es, nicht näher nachzufragen, wenn nach langer Reise drei Mitfahrer in Amberg aussteigen und nicht mehr erscheinen. Von einem organisierten Raubverbrechen will der Zeuge keine Ahnung haben.

Erst kürzlich in Litauen verhaftet, jetzt aus der JVA Stadelheim nach Amberg gebracht: Vladimiras K. (27) war wohl mit dabei, als in Amberg ein Juwelierladen überfallen wurde. Er möchte vor einer Aussage noch mit seinem Anwalt sprechen. Deswegen muss der Mann aus Kaunas am 17. Mai erneut von der Isar an die Vils gefahren werden. Unter erhöhten Sicherheitsbedingungen. Denn er könnte einer der Bandenköpfe gewesen sein. Auf dem Zeugenstuhl saß der Mann direkt vor Staatsanwältin Jennifer Jäger. Bild: hou
von Autor HWOProfil

Es war wohl eher Zufall: Als der Prozess gegen drei Litauer, die am 31. Juli letzten Jahres das Juweliergeschäft Tsavaris in Amberg überfielen und ausraubten, längst anberaumt war, wurden in ihrer Heimat mit internationalen Haftbefehlen zwei mutmaßliche Mittäter festgenommen. Einer sitzt jetzt in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim, der zweite wurde erst am letzten Wochenende in Frankfurt deutschen Behörden überstellt. Auf Weisung von Landgerichtspräsident Harald Riedl mussten beide am Mittwoch nach Amberg gebracht werden. Aus Stadelheim ließ die Justiz Vladimiras K. herfahren. Der 27-Jährige nahm auf dem Zeugenstuhl Platz und signalisierte völlig überraschend, er wolle Angaben machen. Aber nur nach einem Gespräch mit seinem Anwalt. Der hat seine Kanzlei mehrere Hundert Kilometer entfernt. Also konnte der Litauer, unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen vorgeführt, zunächst wieder gehen. Am Donnerstag, 17. Mai, beim nächsten Prozesstag, muss er abermals erscheinen.

Möglicher Drahtzieher

Als er gefesselt weggeführt wurde, kam drunten im Hof des Landgerichts einer an, der wie Vladimiras K. in dem Verdacht steht, eine Regie-Rolle bei dem Überfall auf das Geschäft eingenommen zu haben. Vitalijus M., 32 Jahre alt und ebenfalls sofort gesprächsbereit. Fast schon mit dem Ton der Entrüstung. Danach begann vor der Großen Jugendstrafkammer eine Art Märchenstunde. Der Litauer ließ per Dolmetscherin schildern, wie man damals zu sechst in Kaunas aufbrach, um eine Art Vergnügungsreise zu unternehmen. Sie führte seinen Angaben zufolge zunächst nach Prag, dann aber auch zu Zielen in Deutschland wie Amberg, Frankfurt, Berlin und Leipzig. Auf der Suche nach "ein bisschen Rauschgift" und "zum Besuch einer Tante" in der Bundeshauptstadt.

Richter Harald Riedl interessierte Amberg ganz besonders. "Was war hier?", bohrte er nach und erfuhr, dass eigentlich nichts weiter passierte, als dass drei der ihm vorher eher unbekannten Leute ausgestiegen seien. Schon zu diesem Zeitpunkt wunderte sich der Vorsitzende und fragte: "Glauben Sie an den Weihnachtsmann?" Das empörte Vitalijus M. Er fühlte sich falsch übersetzt, ließ eine andere Dolmetscherin an seiner Seite Platz nehmen und fuhr mit seinen wundersamen Erzählungen fort. Mit der Anmerkung: "Jeder begreift das, nur Sie nicht." Zu begreifen wäre wohl auch gewesen, warum die an der Unteren Nabburger Straße abgesetzten Räuber nicht zurückkehrten. Weshalb habe er sich als Fahrer darüber nicht gewundert? Das, hieß es, sei vorher so abgemacht gewesen. Sie hätten wohl in der Stadt bleiben wollen. "Und weshalb haben Sie nicht nachgefragt?", hakte Rechtsanwalt Rudolf Pleischl nach. Pleischl, Verteidiger von einem der Angeklagten, bekam eine schroffe Abfuhr. "Für solch neugierige Leute wie Sie ist das vielleicht wichtig", erfuhr er und hörte, dass es in Litauen üblich sei, keine Fragen zu stellen.

Neuer Prozess steht an

"Bringen Sie ihn weg", reagierte der Gerichtsvorsitzende. Vitalijus M. kam in eine Zelle nach Oberfranken. Doch in Amberg wird er wieder ein Gastspiel geben. Dann nämlich, wenn man ihm und seinem mutmaßlichen Mittäter und Begleiter Vladimiras K. den Prozess wegen der Beteiligung an einem besonders schweren Raubverbrechen macht. Zum Schaden der Eheleute Tsavaris, die von den Tätern übel malträtiert wurden.

Glauben Sie an den Weihnachtsmann?Vorsitzender Richter Harald Riedl

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