20.07.2021 - 15:45 Uhr
AmbergOberpfalz

Analyse zur Bundestagswahl: Die Chancen der Listenkandidaten aus dem Raum Amberg

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Warum auf Platz 59 antreten, wenn alles darauf hindeutet, dass niemand über die Liste in den Bundestag einzieht? Wir haben analysiert, welche Chancen die Kandidaten aus dem Wahlkreis Amberg haben und warum sie sich den Wahlkampf antun.

Selfie von der Nominierungskonferenz: Barbara Gerl (rechts) mit der Memminger Kandidatin Veronika Schraut (Platz 56).
von Uli Piehler Kontakt Profil

Susanne Hierl ist die Direktkandidatin der CSU im Wahlkreis 232 (Amberg/Neumarkt) und zieht als solche bei der Wahl im September sehr wahrscheinlich in den Bundestag ein. Was aber ist mit den Kandidaten, die versuchen, über die Liste einen Sitz im Parlament zu ergattern? Die ehemaligen Abgeordneten Barbara Lanzinger (CSU, Amberg) und Reinhold Strobl (SPD, Schnaittenbach) hatten einst auf diese Weise den Einzug in den Bundestag geschafft. Aus Amberg und dem Landkreis Amberg-Sulzbach stehen heuer sechs Kandidaten auf der Landesliste der CSU. Die beste Position und damit theoretisch die größten Chancen hat Barbara Gerl aus Freudenberg auf Platz 26.

Zur Erinnerung: als Barbara Lanzinger 2002 in den Bundestag kam, war sie auf Platz 34 der Landesliste angetreten. Doch die Ausgangslage vor 19 Jahren war eine völlig andere. Damals hatte der amtierende bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber als Kanzlerkandidat der Union versucht, die rot-grüne Bundesregierung abzulösen. Dies misslang ihm zwar knapp, dennoch verschaffte die Stoiber-Kandidatur der CSU in Bayern ein überragendes Ergebnis von 58,6 Prozent. Und ein solches ist entscheidend für die Frage, ob und wie viele Kandidaten über die Liste zusätzlich den Sprung in den Bundestag schaffen.

Beim jüngsten Bayern-Trend des Bayerischen Rundfunks vom 9. Juli kam die CSU auf rund 39 Prozent. "Das würde unter keinen Umständen reichen", erklärt Barbara Gerl im Gespräch mit Oberpfalz-Medien. Für den Fall, dass in der aktuellen Konstellation überhaupt jemand von der CSU-Liste das Berlin-Ticket lösen könnte, gilt die Faustformel: Die Partei müsste möglichst alle 46 Direktmandate im Freistaat holen und beim Zweitstimmen-Ergebnis deutlich mehr als 50 Prozent einfahren. Eine klitzekleine Chance gibt es noch als Nachrückerin, sollte ein(e) Abgeordnete(r) in den nächsten vier Jahren sein Mandat nicht mehr ausüben können. Aber auch in diesem Fall wären wohl fünf oder mehr Kandidaten vor Gerl an der Reihe.

Das sind Menschen, die aus innerer Überzeugung und aus dem Willen heraus, etwas positiv zu bewegen, kandidieren, obwohl sie keine Chance haben. Die Demokratie lebt von und durch diese Menschen.

Reinhold Strobl

Reinhold Strobl

Reinhold Strobl von der SPD aus Schnaittenbach durfte einst nachrücken. Bei der Bundestagswahl 1998 hatten die Sozialdemokraten mit Kanzlerkandidat Gerhard Schröder 40,9 Prozent der Zweitstimmen geholt, Strobl war auf Platz 33 der SPD-Landesliste angetreten, verpasste den Einzug haarscharf. Doch als ein Jahr später der Bundestagsabgeordnete Günter Verheugen aus Kulmbach in die EU-Kommission berufen wurde, war Strobl der erste Anwärter auf dessen frei gewordenen Platz. Heuer treten bei der SPD nur zwei Oberpfälzer auf aussichtsreichen Plätzen an: Uli Grötsch aus Waidhaus (Kreis Neustadt/WN) auf Platz eins und Marianne Schieder aus Wernberg-Köblitz (Kreis Schwandorf) auf Platz zwölf. Angesichts der aktuellen Umfragewerte (SPD in Bayern bei etwa 15 Prozent) würde es für Schieder wohl reichen, ein Einzug von Carolin Wagner aus Regensburg (Platz 22) erscheint unter diesen Vorzeichen aber aussichtslos.

Spannend wird es für die Grünen. Vorausgesetzt, die relativ hohen Umfragewerte für die Grünen schlagen sich im Wahlergebnis nieder, könnten diesmal mindestens zwei Oberpfälzer über die Liste in den Bundestag einziehen. Bezirksvorsitzende Tina Winklmann aus Wackersdorf (Kreis Schwandorf) tritt auf Platz 17 an. Der bereits mit Parlamentssitz ausgestattete Stefan Schmitt aus Regensburg rangiert auf Platz 10 und gilt damit als gesetzt.

Die Kandidaten der Grunen

Schwandorf

Florentin Siegert aus Hirschau wirft seinen Hut auf Platz 59 der CSU-Liste in den Ring, nachdem er, wie Barbara Gerl und Michaela Frauendorfer, bei der Kandidatur um das Direktmandat gegen Susanne Hierl unterlegen war - Einzug in den Bundestag extrem unwahrscheinlich. Wenn die Ausgangslage so ist, wieso tut man sich dann überhaupt einen Wahlkampf an? „Mir ist es wichtig, gerade auch junge Menschen von christ-sozialer Politik zu überzeugen. Mit der Listenkandidatur habe ich das Mandat, im ganzen Bundeswahlkreis um junge Wählerstimmen aktiv zu werben", erklärt er, warum er sich dennoch aufstellen ließ. Barbara Gerl verweist auf den Kern der Parteien-Demokratie: "Nach der internen Reihung versammeln sich alle Bewerber hinter dem Spitzenkandidaten und tragen die Liste gemeinsam mit. Wir wollen natürlich das bestmögliche Ergebnis für die CSU." Da sei auch eine Kandidatur auf den aussichtslosen Plätzen wertvoll. Und sie zahle sich auch für den einzelnen Bewerber aus: "Man macht sich bekannt, knüpft Kontakte, man sammelt Erfahrungen auf bundespolitischem Parkett." Reinhold Strobl zollt allen Listenkandidaten Respekt: "Das sind Menschen, die aus innerer Überzeugung und aus dem Willen heraus, etwas positiv zu bewegen, kandidieren, obwohl sie oft nur geringe oder gar keine Chancen haben. Die Demokratie lebt von und durch diese Menschen."

Nominierung bei der CSU im Wahlkreis Amberg/Neumarkt

Amberg

Nominierung bei der SPD im Wahlkreis Amberg/Neumarkt

Amberg

Die Bundestagswahl einfach erklärt

Info:

Listenkandidaten der Parteien

Im Wahlkreis 232 (Amberg-Neumarkt) treten 15 Kandidaten auch über die Landeslisten der Parteien an. Am 19. Juli mussten die Parteien ihre Landeslisten beim Landeswahlleiter einreichen.

  • Susanne Hierl (Berg, CSU, Platz 20)
  • Barbara Gerl (Freudenberg, CSU, Platz 26)
  • Marco Gmelch (Neumarkt, CSU, Platz 45)
  • Birgit Barth (Auerbach, CSU, Platz 50)
  • Florentin Siegert (Hirschau, CSU, Platz 59)
  • Susanne Herding (Amberg, CSU, Platz 70)
  • Florian Füger (Amberg, CSU, Platz 77)
  • Michaela Frauendorfer (Amberg, CSU, Platz 88)
  • Johannes Foitzik (Neumarkt, SPD, Platz 29)
  • Nils Jan Gründer (Neumarkt, FDP, Platz 15)
  • Sascha Renner (Velburg, FDP, Platz 44)
  • Jens Armin Rohn (Amberg, FDP, Platz 62)
  • Susanne Witt (Amberg, ÖDP, Platz 6)
  • Daisy Miranda (Lauterhofen, FW, Platz 18)
  • Klaus Steger (Sulzbach-Rosenberg, Die Basis, Platz 16)

Peter Böhringer von der AfD ist zwar Direktkandidat im Wahlkreis Amberg und tritt auch auf der Liste an (Platz 1), hat aber seinen Lebensmittelpunkt nicht in der Region.

 

 

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