15.01.2021 - 17:14 Uhr
AmbergOberpfalz

Seit der Coronapandemie kommt mehr bio in die Kiste

Wenn es so etwas wie einen Gewinner der Coronakrise gibt, dann sind es wohl die Biolandwirte beziehungsweise Vermarkter. Schon länger achten Kunden darauf, was im Einkaufskorb landet. Doch die Pandemie verleiht der Entwicklung einen Schub.

Seit Beginn der Coronapandemie kommt bei den Deutschen verstärkt ökologisch angebautes Gemüse und Obst auf dem Teller. Hier wird gerade eine Hutzelhof-Kiste mit frischer Ware befüllt.
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

Den Trend gebe es schon länger, dass Kunden bewusst regionale und ökologische Lebensmittel einkaufen. „Seit März ist die Nachfrage von Privatleuten aber deutlich höher“, sagt David Kugler vom Hutzelhof in Weißenberg bei Edelsfeld. Biobauern und Produzenten von Biolebensmitteln – Gewinner der Coronakrise? „Wenn man es so ausdrücken möchte: Ja.“

Kugler ist der Sohn des Gründerehepaars Günter und Lisa Seidl-Kugler. Die grünen Kisten, die im Abonnement oder einmalig frische Bio-Lebensmittel bis nach Nürnberg, Bayreuth oder Weiden bringen, sind heiß begehrt. „Weil wir nach Hause liefern, die Leute nicht das Haus verlassen müssen und trotzdem mit frischer Ware dienen, haben wir sicher ein attraktives Angebot in der Pandemie“, erklärt Kugler die gesteigerte Nachfrage.

100 bis 120 Mitarbeiter beschäftigt das Bio-Unternehmen derzeit. Seit März musste deutlich mehr Personal eingestellt werden, um den Wünschen gerecht zu werden. Kugler sagt aber auch: „Privatkunden sind es mehr. Dafür sind uns die Lieferungen an Schulen und Kindergärten zwischenzeitlich weggefallen.“

Mit in "Post-Corona-Zeit" nehmen

Bio-Lebensmittel boomen. Das bestätigt auch Cordula Rutz, Geschäftsführerin der Landesvereinigung für den ökologischen Landbau in Bayern. Aber: „Trotz der insgesamt sehr positiven Entwicklung gab es im Bio-Bereich auch einzelne Marktsegmente, die mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen hatten, so zum Beispiel diejenigen unter den Bio-Brauereien, die vor allem Volksfeste und Restaurants beliefern“, erklärt sie. Das Konzept einiger Anbieter wie des Hutzelhofs hingegen funktionieren: „Bio-Abokisten sind momentan stark gefragt, manche mussten wegen des großen Ansturms die Aufnahme von neuen Kunden begrenzen.“ Klar sei der Branchenverband erfreut und hofft: „Das drückt eine große Wertschätzung für die Arbeit der Menschen in der Wertschöpfungskette für Bio-Lebensmittel aus. Die können Landwirte sicherlich in eine Post-Corona-Zeit mitnehmen“, ist Rutz optimistisch.

Hutzelhof-Mitarbeiterin Else packt robuste Waren wie Lauch und Möhren in die Kiste. Danach kommen empfindliche Sorten dazu wie Pilze und Tomaten.

Bis aus Nürnberg, Lauf, Hersbruck, aber auch aus Amberg kommen seit dem Beginn der Coronakrise die Kunden des Biohofs Pilhofer in Büchelberg bei Neukirchen. Einmal in der Woche, nämlich freitags, verkauft Chefin Annemarie Pilhofer vor allem Eier von freilaufenden Hühnern, Nudeln, Gemüse und seit einiger Zeit auch Rindfleisch. Gekauft wurde in den vergangenen Monaten querbeet. „Natürlich auch Nudeln“, sagt sie lächelnd und denkt an die Hamsterkäufe, die es in der Zeit zu trauriger Berühmtheit gebracht haben. Die Kunden seien kontinuierlich übers Jahr mehr geworden. „30 Prozent mehr Umsatz als sonst“, sagt Pilhofer. „So darf es gern weitergehen.“

Pilhofer glaubt, dass es damit zusammenhängt, weil die Kunden mehr Geld in der Tasche hätten. „Wirthäuser sind geschlossen, in den Urlaub konnte man auch nicht fahren.“ Man koche viel zu Hause, „die Zutaten sollen aber hochwertig sein“. Also achteten die Verbraucher sehr darauf, was sie kaufen und zu sich nehmen.

Auch in den Hofladen der Familie Walz in Schäflohe sind während der Coronapandemie "deutlich mehr Kunden" gekommen. Ungefähr doppelt so viele, schätzt Landwirt Andreas Walz. "Ich habe das Gefühl, dass die Leute mehr Zeit haben. Auch um sich über ihr Essen zu informieren." Nur bio allein reiche einigen nicht. "Sie suchen bäuerliche Strukturen, keine Großbetriebe. Sie wollen bio vor der Haustür haben und nicht 1000 Kilometer entfernt." Auch diejenigen, die "Anteile an Tieren haben" - der Biohof Walz betreibt eine solidarische Landwirtschaft - sind mehr geworden. "Die Nachfrage für Fleisch hat extrem zugenommen seit Corona."

Eier, Nudeln, Mehl, Wurst und Fleisch aus eigener Produktion: All das erwartet den Kunden im Hofladen, der freitags und samstags geöffnet hat. Die Walz' bauen aber auch alte und mittlerweile selten gewordene Getreidesorten an. Ihren Getreidereis verkauft die Familie an Kantinen, wie etwa der von Siemens Nordbayern. Ein Wermutstropfen in der ansonsten florierenden Coronapandemie: "Hier gab es einen Einbruch von 95 Prozent", erklärt Andreas Walz. Kantinen wurden geschlossen, die Konzernmitarbeiter ins Homeoffice geschickt.

Ein ausgeklügeltes Logistiksystem steckt dahinter

Bei seinem Rundgang schaut Kugler im Herzstück des Hutzelhofs vorbei: an den Packstationen, an denen fleißige Hände emsig die Kisten füllen und zum Abtransport bereit machen. Fünf Tage in der Woche wird ausgeliefert. Packerin Else nimmt beschwingt eine grüne Kiste mit Barcode in die Hand. Auf dem Bildschirm vor ihr erscheinen nacheinander „Blumenkohl“, „Lauch“, „Möhren“. Sie wiegt das Gemüse, dann fährt die Kiste zur nächsten Station, wo empfindliche Ware wie Austernpilze und rote Paprika die Bestellung komplettieren. Erst ganz am Schluss kommen die Packerinnen in den dicken Winterjacken im Kühlhaus zum Zug: „Kurz vor Auslieferung kommen Milch, Joghurt, Käse oder Fleisch in speziellen Kühlboxen zu den gepackten Kisten dazu“, erklärt Kugler. Das Treiben in der Halle und die vielen Lebensmittel: Es ist ein ausgeklügeltes Logistiksystem, das hinter einer Bestellung steckt.

Blick in ein Unternehmen in Mittelfranken

Kugler erzählt, dass zu Beginn der Coronakrise auch am Hutzelhof die Hefe eine heiß begehrte Ware war. Außerdem sei mehr Wurst und Käse gekauft worden. „Wir stellen fest, dass die Kunden gern saisonal und regional bestellen.“ Im Angebot habe daher seine Firma die Mixkiste, in welcher Obst und Gemüse landet, für das die richtige Zeit ist. „Das bringt mehr Abwechslung als beim Einkauf im Supermarkt und inspiriert, was auf die Teller gezaubert werden kann.“ Die zahlreichen (Neu-)Kunden von Biovermarktern achteten jetzt vermehrt darauf, woher die Lebensmittel stammen.

Wir stellen fest, dass die Kunden, gern saisonal und regional bestellen.

David Kugler

David Kugler

Kugler erklärt, dass 70 Lieferanten aus der Region seinen Hof belieferten. Auch Pilhofers Eier sind dabei, genau wie Waren vom Biohof Walz. „Wir können genau sagen, woher unser Angebot kommt.“ Denn geschützt ist der Begriff „regional“ nicht. „Erst einmal kann ich so alles nennen“, sagt Kugler. Doch die Kunden sind aufmerksamer, prüfen genau, lassen sich nicht leicht in die Irre führen. „Das wird auch so bleiben“, ist Kugler überzeugt.

Optimistisch ist auch Landwirt Andreas Walz. "Das ist im Kopf verankert. Es ist nicht hip, bio zu kaufen, sondern den Menschen wichtig." Zwar glaubt Walz, dass ein Umdenken auch ohne eine Viruspandemie stattgefunden hätte, "aber möglicherweise nicht so schnell". Der Biohof Walz nimmt aus den Erfahrungen selbst etwas für die Zukunft mit. "Wir überlegen, einen festen Verkaufsautomaten mit unseren Produkten aufzustellen." Aus einer spontanen Idee heraus habe man in den vergangenen Wochen Eier in einem Kühlschrank im Hof für Kunden abgelegt, die dann Geld in eine Box warfen. "Es kam gut an, rund um die Uhr Ware anzubieten."

Hintergrund:

Zahlen für das Jahr 2020 gibt es noch keine. Anhaltspunkte geben allerdings die Fakten aus dem Vorjahr.

2019 gaben die Deutschen knapp 10 Prozent mehr und damit insgesamt 11,97 Milliarden Euro für Biolebensmittel und -Getränke aus. Bio legte in allen Vertriebswegen (Naturkostfachhandel, Discounter, Vollsortimenter und Direktvermarkter) zu.

Im gleichen Jahr stieg der Umsatz in Geschäften wie Reformhäusern, Bäckereien, Metzgereien, Hofläden, bei Lieferdiensten und Wochenmärkten um 5 Prozent, das einen Wert von 1,66 Milliarden Euro bedeutet.

Im Jahr 2019 wirtschafteten 33.698 Betriebe (12,6 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland) ökologisch, das war ein Höfe-Plus von 6,3 Prozent.

 

 

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