02.08.2018 - 06:53 Uhr
KümmersbruckOberpfalz

Der Hype mit dem Ei [Video]

22 Spieler, die einem Ball hinterherjagen - klingt nach Fußball. Doch der Ball ist nicht rund, das Spiel dauert mehr als 90 Minuten und statt ins Tor muss der Ball in die Endzone: American Football ist in Europa eine Nischen-Sportart. Noch.

Der Beginn eines neuen Spielzugs - Offense und Defense der gegnerischen Teams stehen sich wortwörtlich gegenüber.
von Redaktion ONETZProfil

Video zum Thema

Was in Europa das Champions-League-Finale ist, heißt in Amerika Super Bowl. Das wichtigste Turnier im American Football hat weltweit 800 Millionen Zuschauer - Tendenz steigend. Denn die amerikanische Volkssportart, die dort an jeder Highschool zum Standard-Schulsport gehört, wird bekannter und beliebter, auch in der Oberpfalz.

Amberg-Sulzbach ist dabei beinahe ein Football-Hotspot: Gleich zwei Teams gibt es hier, nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Die Amberger haben sich den Namen "Mad Bulldogs" gegeben, die Kümmersbrucker Kontrahenten heißen "Red Devils". Aktuell mischen beide Teams in der Landesliga mit. Die Saison startete mit einem Derby, das die Amberger Bulldogs für sich entscheiden konnten - wie auch die anderen sieben Spiele in diesem Jahr.

Teamgeist ist gefragt

Die Red Devils tun sich in dieser Saison ein wenig schwerer, doch der Verein kann auf eine lange Geschichte zurückblicken: Schon seit 1991 gibt es ein Football-Team in Kümmersbruck. Damals spielte Football hierzulande kaum eine Rolle. In den vergangenen drei Jahren aber haben die Spieler bemerkt, dass sich etwas rührt in Sachen Football in Deutschland. "Es kommen immer mehr Vereine", sagt Michael Smolka, der bei den Red Devils spielt.

An Spielern mangelt es nicht - obwohl ein gut funktionierendes Footballteam ungefähr 40 Mitglieder braucht. Zwar stehen immer nur elf gleichzeitig auf dem Platz, doch um erfolgreich zu sein, braucht es mehr, weiß Tim Gruber, der seit zwei Jahren die Mad Bulldogs verstärkt. "Man muss sich darauf verlassen, dass die anderen ihren Job machen. Die Verantwortung und der Zusammenhalt, der da sein muss, stärkt das alles."

Das Team steht im Mittelpunkt. Für viele Spieler ist es das, was Football als Sportart ausmacht. Und auch das, was Trainer Bernhard Wennicke seinen Jungs mitgeben möchte. "Man muss zusammenarbeiten, die Leistung von einem einzelnen Spieler zählt nicht so viel. Aber wenn einer im Team nicht mitarbeitet, funktioniert der Spielzug nicht."

Nicht nur Kopf auf Kopf

Peter Witt von den Red Devils ist schon seit 13 Jahren dabei, trotzdem findet er: "Football ist eine Lernsportart." Ein, zwei Jahre brauche es schon, bis man die Spielweise und die unzähligen Regeln verinnerliche.

Denn entgegen vieler Vorurteile ist Football keine kopflose, aggressive Sportart - im Gegenteil. "Es ist körperbetont", gibt Denzel Howard von den Mad Bulldogs zu. "Aber es ist auch eine Sportart, die extrem viel mit Technik zu tun hat." Es sei schade, dass viele ein Bild von "nur dumm Kopf auf Kopf" hätten. Nach dem ersten Mal Zusehen gehört dieses Bild der Vergangenheit an. Zwar erschließt sich das komplexe Regelwerk nicht unbedingt - ständig wird abgepfiffen, die Schiedsrichter verhängen irgendwelche Strafen, die Spieler auf dem Feld wechseln fliegend. Aber mit der Zeit und dank dem in Amberg schon etablierten Stadionsprecher begreifen auch Fußball-Fans die Kniffe und Strategien, die hinter der Sportart stecken.

Ein Touchdown gibt sechs Punkte, da kann sich der Spielstand schnell verändern. Ein unvollständiger Pass kann das Aus bedeuten, eine Unaufmerksamkeit des Gegners den Sieg. Football-Spiele sind also trotz der vielen Unterbrechungen alles andere als langweilig. Und die Time-Outs werden außerdem in der Regel von den Cheerleadern mit Tanz und Akrobatik gefüllt.

Elf gegen elf heißt es auch beim Football - doch es geht ein wenig härter zur Sache als beim Fußball.

Das Publikum zieht mit

Dieses Konzept begeistert auch mehr und mehr Zuschauer. Die Mad Bulldogs haben mit einigem Werbeaufwand schon bis zu 800 Leute ins Stadion am Schanzl gelockt. Das sind deutlich mehr als bei den Fußballspielen des FC Amberg. Die Spieler freuen sich über diesen Trend. "Ich höre von vielen Zuschauern, dass Football einfach interessanter zum Anschauen ist. Auch wenn man vielleicht nicht alles versteht, es passiert was auf dem Feld", meint Denzel Howard.

Immer mehr Leute kommen auf den Geschmack, der Football wächst - in der Region sogar in besonderem Maße. Ob er irgendwann den Fußball ablösen wird, darüber sind sich die lokalen Experten uneinig. Niemals, glaubt zum Beispiel Peter Witt. "Es ist einfach zu viel Geld im Fußball, da werden wir die nächsten 30 Jahre nicht ranschmecken können."

Doch sein Teamkollege Sven Lohmann sieht das anders: "Der Hype, der im Moment da ist, kann auf jeden Fall zu einer großen Welle werden." Und Daniel Meggers von den Mad Bulldogs ist sich sogar ziemlich sicher, dass der Football den Sprung auf die Nummer eins schaffen wird. "Regensburg, Weiden, Nürnberg, Kümmersbruck, Amberg haben eine Mannschaft. Immer mehr Leute interessieren sich dafür, irgendwann überholen wir den Fußball."

Die Tribüne des Stadions am Schanzl in Amberg ist nahezu voll - 800 Leute haben sich teilweise die Spiele der Mad Bulldogs angesehen.

DIe REGELN:

American Football

Mit rund 700 Regeln ist American Football wohl eine der komplexesten Sportarten überhaupt - und zusätzlich weichen die Regeln in den verschiedenen Football-Ligen voneinander ab. Das Grundprinzip ist aber gar nicht so kompliziert.

Das Ziel der angreifenden Mannschaft ist, den Spielball über die gegnerische "Goalline" (Ziellinie) zu bringen. Dabei versuchen die Spieler der Offense (Angriff), durch Werfen und Laufen Raum zu gewinnen. Die Defense der Gegner (Verteidigung) versucht, sie daran zu hindern.

Immer vier Versuche hat das angreifende Team, um mindestens zehn Yards (gut neun Meter) nach vorne zu kommen. Abgepfiffen wird, sobald die Defense den Spieler mit dem Ball stoppt, sprich zu Boden bringt (Down). Hat die angreifende Mannschaft nach vier Downs zehn Yards an Raum gewonnen, bekommt sie erneut vier Versuche. Ansonsten geht das Angriffsrecht auf den Gegner über.

In Deutschland gibt es eine Zusatzregel, die verhindern soll, dass der Football auch hier fest in amerikanischer Hand ist: Jedes Team darf maximal vier US-Amerikaner in seinen Reihen haben, zwei dürfen gleichzeitig auf dem Platz stehen. (jle)

Manchmal sieht das Training auch so aus: Die Mad Bulldogs bereiten sich mit einer Theoriestunde auf die Playoffs vor.

Auch beim Football kommt es zu Zweikämpfen - wie hier bei dem Spiel der Mad Bulldogs gegen die Nürnberg Rams II.

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