01.08.2018 - 11:18 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Ein Krimi der besonderen Art

Die Geschichte hört sich an wie ein Groschenroman aus der untersten Schublade. Doch sie lief wohl real so ab und bildet nun die Plattform für eine Anklage, in der von erpresserischem Menschenraub die Rede ist.

Weil sie einen 21-Jährigen entführten und versuchten, Drogenschulden einzutreiben, müssen sich vier Angeklagte vor dem Landgericht verantworten.
von Autor HOUProfil

Vor der Ersten Strafkammer des Amberger Landgerichts sitzen drei junge Männer, 21 und 22 Jahre alt. Neben ihnen eine 26-jährige Frau. Sie sollen mit dabei gewesen sein, als heuer im Januar von Bodenwöhr aus ein 21-Jähriger in ein bei Neunburg vorm Wald stehendes Wochenendhaus entführt und dort wegen nicht bezahlter Schulden auf drastische Weise zur Rede gestellt wurde.

Die abenteuerliche Story wickelte sich an mehreren Schauplätzen ab. Zuerst im Raum Nittenau, wo die vier Angeklagten beheimatet sind. Zwei von ihnen hatten Geld von einem Bekannten aus dem Kreis Cham zu kriegen und erfuhren, dass er sich am 13. Januar in Bodenwöhr aufhielt. Sie nahmen einen Kumpel mit und brachen auf. Das Auto steuerte eine 26-Jährige, die damals mit einem der Männer liiert war.

2800 Euro Schulden

Es war dann nach 18 Uhr, als die beiden Hauptangeklagten den säumigen Zahler (es ging angeblich um insgesamt rund 2800 Euro) in einem Bodenwöhrer Mehrfamilienhaus stellten und den 21-Jährigen ins wartende Auto brachten. Dort bekam er eine Wollmütze über das Gesicht gezogen und konnte ab dann nicht mehr mitkriegen, wohin die Tour führte. Aber hören konnte er. Und zwar einen ihm vorgespielten Rap-Song, der sich um die Tötung eines Menschen drehte.

Ziel war ein offenbar komfortabel ausgestattetes Wochenend- und Ferienhaus am Stadtrand von Neunburg. Mit Sauna und mitten im Wald. Im Gebäude bekam der 21-Jährige die bis zum Hals gezogene Mütze abgenommen. Aber bald schon fesselte man ihm die Hände mit Schnürsenkeln. "Eigentlich eine angenehme Atmosphäre", hörte die Strafkammer jetzt von einem der Hauptbeschuldigten. Seinem Vater gehört das Haus. Angenehm war wohl anders. Es ging sehr rigide um die Begleichung der finanziellen Außenstände. "Ich hab' nur 20 Euro dabei", beteuerte der 21-Jährige und machte dann ein schier unglaubliches Angebot. Er teilte mit, beim Glücksspiel in einem sogenannten Online-Casino 64 000 Euro gewonnen zu haben und wollte die Hälfte davon an seine Gläubiger abtreten. Dazu unterschrieb er einen Schuldschein.

Hiebe nach Fluchtversuch

Seine mutmaßlichen Peiniger glaubten nicht so recht an diesen Gewinn. Also bekamen sie die Offerte, das Konto des 21-Jährigen auf dessen Laptop einzusehen. Allerdings bei ihm daheim in der Nähe von Roding. Dorthin wurde Minuten später aufgebrochen. Kaum eingetroffen, versuchte das Opfer, zu seinen in der Nachbarschaft wohnenden Eltern zu flüchten. Daraufhin bekam der Mann Hiebe und Tritte. Danach flüchteten die Täter. 48 Stunden später wanderten zwei von ihnen in U-Haft.

Fest scheint zu stehen: Zwei der Angeklagten waren aktiv am Geschehen beteiligt. Für sie geht es um erpresserischen Menschenraub und gefährliche Körperverletzung. Ihr männlicher Begleiter (22) und auch die 26 Jahre alte Frau nahmen wohl eher Statistenrollen ein. Ihnen wird von Staatsanwalt Wolfgang Doblinger Beihilfe vorgehalten. Eher nebulös ist bisher, ob es wirklich den besagten 64 000-Euro-Gewinn via Internet gab. Ja, sagte das Opfer, das Geld befinde sich auf seinem Konto. Doch verbraucht davon sei bisher nichts. Irgendwie vielleicht erklärbar. Denn seit dem Frühjahr sitzt der 21-Jährige eine Haftstrafe ab.

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