03.09.2020 - 14:52 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

Häftlingswand der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg gefährdet

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„In den letzten Tagen sind erneut mehrere große Granitbrocken gegen die denkmalgeschützte Häftlingswand geprallt“, kritisiert Stefan Krapf in einem E-Mail an verschiedene Behörden die Gefährdung des Denkmals beim Flossenbürger Steinbruch.

Geröll und Abraum aus dem Steinbruch Flossenbürg soll die denkmalgeschützte Häftingsmauer gefährden.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Seit vielen Jahren setzt sich Stefan Krapf für die Beendigung der Arbeiten im Steinbruch des ehemaligen Konzentrationslagers Flossenbürg und dessen Einbeziehung in die bereits vorhandene Bodendenkmalfläche ein. 75 Jahre nach der Befreiung des ehemaligen Konzentrationslagers schien der von der Gemeinschaft überlebender KZ-Häftlinge und Angehöriger mit einer Medaille ausgezeichnete Flossenbürger sein Ziel erreicht zu haben: Im Januar entschied der Ministerrat, dass die Gedenkstätte 2024 Zugriff auf den Steinbruch am Wurmstein bekommen soll. Sobald der Pachtvertrag ausläuft, soll das rund 20 Hektar große Gelände in die Gedenkstätte mit einbezogen werden.

Bis dahin aber haben die Granitwerke Baumann das Abbaurecht. Und Krapf dokumentiert auf seiner Website steinbruch-wurmstein.de akribisch, wie das ortsansässige Unternehmen mit den Auflagen zum Schutz der Häftlingsmauer umgeht. Seinen Schilderungen zufolge nicht allzu sorgsam. In einem E-Mail an den Weidener Oberstaatsanwalt Gerd Schäfer schreibt Krapf: „Im August 2017 habe ich zusammen mit Herrn Clisson (französiche Häftlingsvereinigung) die Ablagerung von Gesteinsschutt an der denkmalgeschützten Häftlingswand zur Anzeige gebracht Seit dieser Zeit sind bereits mehrmals weitere tonnenschwere Abraumbrocken gegen das Denkmal geprallt – zuletzt im Juli/August 2020 (Bilder anbei).“ Er fordert darin die Staatsanwaltschaft Weiden bis zum 16. September um eine Auskunft über den Stand der strafrechtlichen Ermittlungen gegen die Firma Baumann.

Staatsanwalt: "Verfahren eingestellt"

So begeht die Gedenkstätte des KZ Flossenbürg virtuell den 75. Jahrestag der Befreiung

Flossenbürg

Gegenüber Oberpfalz-Medien äußert sich Schäfer zur Einstellung des Verfahrens: „Diese Einstellungsmitteilung wurde an die französische Häftlingsvereinigung geschickt“, erklärt der Oberstaatsanwalt. Ob die jetzt beschriebenen Vorwürfe eine neue rechtliche Bewertung zulassen, müsse die zuständige Sachbearbeiterin überprüfen. Sie sei derzeit im Urlaub. „Es handelt sich um einen Konflikt, bei dem erst einmal festgestellt werden müsste, ob es zu einer Beschädigung gekommen ist, und wenn, ob strafrechtlich relevanter Vorsatz vorliegt.“

Für Krapf eine unverständliche Haltung: „Für jeden aufmerksamen Beobachter ist es offensichtlich, dass die Firma Baumann im historischen Steinbruch einen rücksichtslosen Raubbau betreibt“, schreibt er an den bayerischen Kunst- und Wissenschaftsminister. Gegenüber Oberpfalz-Medien bezieht Bernd Sibler Stellung. Die Sorgen um die denkmalgeschützte Häftlingswand nehme er sehr ernst: „Wir müssen alle gemeinsam dafür sorgen, dass die Gräueltaten des Dritten Reiches nie wieder geschehen können. Daher setze ich mich seit langem für eine aktive Erinnerungsarbeit ein.“ Die bayerische Staatsregierung komme dieser Verantwortung sichtbar nach: „So wurde beispielsweise das ehemalige Direktionsgebäude des KZ Flossenbürg auf Kosten des Staates durch die Immobilien Freistaat Bayern gesichert und konnte bereits für Ausstellungen genutzt werden.“ Die zuständigen Ressorts seien intensiv um konkrete Lösungsmöglichkeiten bemüht. „Selbstverständlich muss mit einem denkmalgeschütztem Areal entsprechend sorgsam umgegangen werden.“

Kultusministerium: "Gesetzliche Vorgaben verpflichten"

Und auch das für die Gedenkstätte zuständige Kultusministeriums betont auf Anfrage: „Die Firma Baumann ist ihm Rahmen der vertraglichen Bedingungen und gesetzlichen Vorgaben verpflichtet, auf dem gepachteten Areal des Steinbruchs besondere Rücksicht zu nehmen.“ Mit Beschluss des Ministerrates vom 21. Januar 2020 werde der bis 2024 wirksame Pachtvertrag mit der Firma Baumann nicht verlängert.

Naturgemäß nah dran am Geschehen ist Gedenkstellenleiter Jörg Skriebeleit, Mitglied einer Konzeptgruppe, die erste konkrete Schritte für die Gedenkarbeit im Bereich des Steinbruchs erarbeitet: „Bis zum nächsten Doppelhaushalt weiß man, auf welcher finanziellen Grundlage wir planen, dann können erste konkrete Beschlüsse gefasst werden.“ Er selbst beobachte im Steinbruch, dass die Abbauarbeiten deutlich zugenommen hätten. Ich gehe davon aus, dass das alles gesetzeskonform ist, aber das muss das Denkmalamt abklären.“ Der zuständige Beamte, Walter Irlinger, sei aber derzeit im Urlaub. „Je früher der Abbau endet, desto besser“, hofft Skriebeleit auf Deeskalation am historisch belasteten Gelände.

Etappen:

KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

  • 1949 wird Flossenbürg auf Initiative polnischer Überlebender zur allerersten KZ-Gedenkstätte
  • In den Folgejahren geriet das Lager, in dem 30 000 von 100 000 Häftlingen ihr Leben verloren, zusehends in Vergessenheit
  • 1995 fängt Jörg Skriebeleit als Ein-Mann-Instanz an. Heute hat er einen Stab von rund 25 festen und über einem Dutzend freier Mitarbeiter um sich. Deren Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet.

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