12.06.2020 - 18:00 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

Nur brave Besucher in Flossenbürg?

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53 mal haben Rechtsradikale in den vergangenen vier Jahren KZ-Gedenkstätten in Deutschland Wände beschmiert, die Einrichtung zerstört, Besucher beschimpft. In der Sammlung der Taten fehlt jedoch: Flossenbürg.

Eine Schulklasse besucht lange vor der Coronakrise die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Die Zahl der antisemitischen Straftaten stieg 2019 auf einem Rekordhoch, wie Innenminister Horst Seehofer jüngst berichtete. Und die Berliner Tageszeitung "Taz" zählt 53 Taten von Rechtsradikalen auf, die KZ-Gedenkstätten in Deutschland seit Mai 2016 betrafen. In Flossenbürg ist in diesem Zeitraum nichts geschehen. Sind die Besucher dort braver als anderswo?

Die Taten von Rechtsradikalen betreffen große, aber auch kleine Orte, fasst Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, die Liste der "Taz" zusammen. Mehrmals kommen in der Chronologie, die 53 Taten von Rechtsradikalen zwischen Mai 2016 und Mai 2020 umfasst, symbolträchtige Orte wie Buchenwald und Sachsenhausen vor. Etwa weil dort im Juni 2019 Bäume, die an die Todesmärsche erinnern, zerstört wurden. Oder Bergen-Belsen, wo der Rechtsradikale Nikolai Nering im Januar 2019 eine Schülergruppe beschimpfte, sie würden "Schuldkult" betreiben. Einen Monat später drehte er in Dachau ein Video, in dem er sagte: "Ich fühle mich nicht schuldig."

"Wer Aufsehen erregen will, wählt einen Namen, der sehr bekannt ist", sagt Skriebeleit. Ist seine Einrichtung zu unbedeutend? Der Kulturwissenschaftler erkennt mehrere Gründe, warum die Oberpfälzer Einrichtung in kaum einer Statistik negativ auffällt.

Seit 2015 gab es keinen Vorfall in Flossenbürg. "Wir arbeiten sehr eng mit der Polizei und anderen Sicherheitsbehörden zusammen", erläutert Skriebeleit. Details möchte er nicht nennen. "Wir glauben, dass das zum Teil hilft, weil man rechnen muss, dass man erwischt wird."

Was wohl auch hilft: die offene Arbeit der Gedenkstättenmitarbeiter. "Wir wollen nicht die Leute bekehren, sondern irritieren", so lautet Skriebeleits Devise. Die Ausstellungen rufen bei den Besuchern Empathie hervor und sollen zum Gespräch anregen. "Das macht es sehr, sehr schwer, dagegen anzugehen. Dazu braucht es politische Gewalt und Überzeugung."

Ein Kommentar über das Verhindern von Rechtsradikalismus

Flossenbürg

Besuchern wollen die Mitarbeiter Fragen ermöglichen. Äußert sich etwa ein Schüler problematisch, sieht sich Skriebeleit in vielen Fällen mit Unwissenheit und pubertären Reizfragen konfrontiert. "Selten habe ich mit Menschen zu tun, die Dinge offen infrage stellen." Die AfD hat sich zu Flossenbürg noch nicht geäußert oder die Gedenkstätte offiziell besucht.

Taten von Rechtsradikalen "beschäftigen uns als Thema, ohne dass wir viele Einzelfälle haben". Dennoch wird das Besucherbuch täglich kontrolliert. Etwa "einmal im Vierteljahr ist ein blöder Spruch reingeschrieben, den man als NS-Ehre auslegen kann". Oft gebe es schon Gegenkommentare anderer oder Durchstreichungen. Nazi-Verehrungen überklebt ein Mitarbeiter mit einem Hinweis.

Jörg Skriebeleit vor der früheren Schlosserei des KZ-Steinbruchs in Flossenbürg.

Auch Vorfälle in Flossenbürg

Den ein oder anderen Vorfall gab es auch in Flossenbürg. Skriebeleit erinnert sich an den 70. Jahrestag der Befreiung im Jahr 2015. Er sollte am 9. April, dem Todestag Dietrich Bonhoeffers, begangen werden. In der Nacht zuvor hatten Unbekannte Schilder, die den Weg von Floß zur KZ-Gedenkstätte weisen, beschmiert. "Wenn wir in Flossenbürg größere Vorfälle hatten, dann hat sich der Täter eine Prominenz gesucht": Etwa einen Gedenktag, wenn auch zu erwarten sei, dass die Presse anwesend ist und der oder die Täter davon ausgehen können, dass über ihre Aktion ebenfalls berichtet wird. Zum Beispiel 2007, als die erste Dauerausstellung in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg eröffnet wurde. Die Feier sollte im Fernsehen übertragen werden, erinnert sich Skriebeleit. Am frühen Morgen, vor der Eröffnung, entdeckte die Polizei ein Transparent hinter dem ehemaligen Arrestbau. Darauf stand: "Stoppt den Schuldkult. Deutschland ist kein Tätervolk". Die Polizei entfernte das Plakat. Aus "Fürsorge und Schutz der Anwesenden" entschieden Polizei und Gedenkstätte gemeinsam, die Tat nicht öffentlich zu machen.

Bewegende Geschichten in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Flossenbürg

Täter nicht gefasst

Die Täter konnten in beiden Fällen nicht ermittelt werden. Waren es Rechtsradikale, Holocaust-Leugner, Antisemiten, Rassisten? Der Gedenkstätten-Leiter äußert Vermutungen. Er denkt an die Jungen Nationaldemokraten, die 2007 "äußerst aktiv waren, auch in der Region". Skriebeleit erwähnt Patrick Schröder, einen in der Region bekannten Neonazi. Für die beschmierten Schilder könnten Anhänger der NPD-Jugendorganisation "Freies Netz Süd" verantwortlich sein. Dieses gab es im Kreis Tirschenreuth, einzelne Personen auch im Kreis Neustadt/WN.

"Wir sind nicht naiv, wir sind sehr aufmerksam", fasst der Kulturwissenschaftler zusammen. Durch ihre offene, niedrigschwellige, selbstreflexive Arbeitsweise hat sich die Gedenkstätte in der Region eine hohe Reputation erarbeitet, findet er. Die Einrichtung sei in der Region sehr präsent, führe sie aber nicht vor. "Leute, die reizen wollen, haben hier keinen Erfolg."

Zum Artikel der "Taz"

So läuft ein Schulbesuch in der KZ-Gedenkstätte ab

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