01.08.2018 - 11:39 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Wider die Parolen und Angstmacher

Friedvolle Geschichten von und über Menschen in Europa erlebt Tanausú Herrera seit Tausenden von Kilometern als wirkliche Realität. Mit seiner fast wahnsinningen Pilgertour hat er Außergewöhnliches im Sinn.

Seit ihm in Spanien ein ausrangierter Kinderwagen geschenkt wurde, muss Tanausú Herrera sein Gepäck nicht mehr tragen.
von Josef ForsterProfil

(fjo) Vor der Verunsicherung vieler Menschen durch eine Masse an Falschmeldungen, schnell nachgesagter Parolen und Angstmacher-Szenarien ekelt es den 40-Jährigen. Um auf die zunehmende Untergrabung eines friedlichen Europas aufmerksam zu machen, startete der in Teneriffa geborene Profi-Fotograf am 24. Mai 2017 eine einzigartige Wanderung: Zu Fuß. 8000 Kilometer liegen bislang hinter dem ehrgeizigen Projektanden. 8 Paar Turnschuhe lief er mittlerweile bis auf die Fußsohlen durch.

Wer einen Blick auf jene Europakarte alter Prägung im Maßstab von 1:2500 000 wirft, wird sich zweimal die Augen reiben. Da ist von Hand eine blaue Linie eingezeichnet, welche von London aus durch Wales hinüber nach Nordirland und wieder zurück auf das britische Festland führt, um es von Norden bis nach Dover vollständig zu durchqueren. Nach der Überfahrt mit der Fähre geht der blaue Strich ab Calais weiter über Brüssel, Paris, Bordeaux, Lourdes und San Diago nach Fatima. Ohne Unterbrechung geht es über Madrid und Saragossa nach Katalonien mit Barcelona, dann über die Pyrenäen durch die Schweiz mit Bern und Flüeli nach München und Altötting.

In der Modebranche hatte es der Spanier weit gebracht, fotografierte Top-Models für hochrangige Auftraggeber. Dazu reiste er um die halbe Welt. Vor 19 Jahren verlegte er seinen Wohnsitz nach London, wo er ein eigenes Studio mit renommierten Namen aufbaute. Getauft sei er zwar nicht, doch sehe er sich als einen sehr spirituellen Menschen.

Menschen treffen

Allein die Themen, die ihn immer mehr beschäftigten, führten Herrera nun auf jene Reise mit Vohenstrauß als "glücklichem" Zwischenziel. Die durch ganz Europa führenden Jakobswege haben es dem Weltenbummler angetan. "Ich möchte Menschen treffen." Bewusst weicht er von den Strecken ab, um Plätze, Städte Pilgerstätten oder spirituelle Orte aufzusuchen. Mitte Juli streifte er Nürnberg, um das Friedensmuseum einbinden zu können und einstige Stätten der NS-Zeit. Dort erfuhr er von Flossenbürg, was ihn nun in die Oberpfalz brachte.

"Ich möchte, dass die Leute aus der Geschichte lernen und ihnen diese wieder bewusst wird. Das darf man nicht vergessen, denn vieles lässt sich wieder auf das Heute übertragen. Ich laufe für die Menschen, für den Frieden. Weil so viele Leute versuchen, den Frieden und die Gemeinschaft zu zerbrechen und zu zerstören, wo es doch mehr denn je um Zusammenhalt ginge. Immer mehr keimt nationales Gedankengut auf. Attacken gegenüber der EU, wie etwa der Brexit mehren sich. Europa geht rückwärts; ich vorwärts."

Nun ist der 40-jährige auf den Weg zum Heiligen Berg Pribram in Böhmen. Über die Tillyschanze verließ er Bayern. Dann will er weiter über Prag nach Berlin. " Migranten stehen längst überall als Sündenböcke da. Es passiert so viel Negatives in ganz Europa. Es kocht und gärt an so vielen Stellen."

Alle sind gleich

Lange habe er gebraucht, bis die Reise in ihm keimte. Inspiriert habe ihn Mildred Norman, die in den 1940er und 1950er Jahren 38 Jahre lang für den Frieden durch Amerika wanderte. Im Vergleich zu jener Zeit sieht Herrera aktuell "noch viel mehr Krisen, als damals". Unterwegs zu sein als Friedenspilger sei die für ihn geeignete Methode, "weil man dabei auf viele Menschen trifft. Man diskutiert und versucht für den Frieden zu werben." Fließend spricht er italienisch, französisch, englisch und spanisch. "Menschen, die ich treffe, sollen in Bewegung kommen. Ich möchte deutlich machen, dass wir alle gleich sind. Die Regionen sollen sich vereinen und gemeinsam weiterentwickeln. Meine Wanderung weist zugleich politische, spirituelle und kulturelle Komponenten auf."

Landstraßen sind seine Favoriten: "Man will ja schließlich ins Gespräch kommen und gesehen werden." Nie fehlt das T-Shirt mit dem Aufdruck in Großbuchstaben: "Walking for Peace, beyond Borders". Weil er möchte, dass Autofahrer und andere Verkehrsteilnehmer das sehen.

Obwohl er beteuert "auch so alles dabei" zu haben, ist seine Ausrüstung äußerst schmal gehalten. Das Zelt nutzte er schon viele Male zum Übernachten, zumeist im Wald, ansonsten konnte er in Gemeindehäusern und Privat unterkommen. So auch übers vergangene Wochenende in Vohenstrauß bei Enikö Nagy und Bernhard Balk. Mit Spenden und durch die kostenfreien Unterkünfte komme er mit wenig Geld aus. Anfeindungen habe er in all den Monaten bislang nirgends erdulden müssen; vielleicht eine Prise Unverständnis. Gerne möchte er auch Andere dazu animieren.

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"Peace Pilgrim, walking for Peace beyond borders" bei Facebook

Mit Bildern wie diesen, möchte der Friedenspilger an die leidvolle Geschichte erinnern und für Frieden werben.

Ein außergewöhnlicher Reisender zog in diesen Tagen durch die Oberpfalz.

"Pilgern für den Frieden" hat sich der 40-jährige zum Lebensinhalt gemacht. Bild: fjo

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