28.06.2020 - 11:07 Uhr
GrafenwöhrOberpfalz

110 Jahre Truppenübungsplatz Grafenwöhr: Vom bayerischen Schießplatz zur multinationalen Training Area

Die Verfügung für den "Truppenübungsplatz Grafenwöhr" gab Prinz Prinzregent Luitpold von Bayern im März 1908. 1910 riss dieser Truppenübungsplatz das einstige „Ackerbürger-Städtchen“ Grafenwöhr aus dem Dornröschenschlaf. Mit einem Knall.

Für die bayerische Artillerie wurde offiziell 1910 der königlich Bayerische Schießplatz Grafenwöhr mit einer Größe von 9000 Hektar errichtet.
von Autor MORProfil

Der erste Artillerieschuss am 30. Juni 1910 gilt als offizielle Geburtsstunde des Truppenübungsplatzes in Grafenwöhr. Rund 250 Gebäude werden im Truppenlager Grafenwöhr für das III. Bayerische Armeekorps aus Nürnberg errichtet. Nur vier Jahre später beginnt der Erste Weltkrieg. Währenddessen diente der Platz der bayerischen Armee zur Aufstellung und Ausbildung. Grafenwöhr wurde aber auch mit rund 24.000 Häftlingen zum größten Kriegsgefangenenlager in Bayern. In Zeiten des 100.000-Man-Heeres fand nur eine geringe Übungstätigkeit statt. Doch dann wurde das Areal erweitert.

Königlich Bayerische Soldaten 1911 vor den Fachwerkbauten der Garnison Grafenwöhr.

Wegen Platzerweiterung verlieren Menschen ihr Zuhause

1936 entschloss sich das Reichskriegsministerium des Nazi-Regimes für eine entscheidende Erweiterung auf insgesamt 23.365 Hektar. 3500 Menschen aus 58 Ortschaften, Gehöften und Weilern verloren ihre angestammte Heimat. Die Schaffung neuer Kasernen sowie der Bau eines Bunkersystems, des „kleinen Westwalls“ folgten, bei Vilseck wurde das Südlager 1937 realisiert.

Verheerende Bombenangriffe auf Grafenwöhr

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurden nacheinander auf dem Truppenübungsplatz neue Divisionen für den Fronteinsatz aufgestellt, auch verbündete ausländische Kontingente, Spanier und Italiener waren dabei. Das traurige Finale des Zweiten Weltkrieges markierten in Grafenwöhr die beiden verheerenden Bombenangriffe vom 5. und 8. April 1945. Es begann die amerikanische Zeit.

Von Besatzungsmacht zum größten Arbeitgeber

Am 19. April 1945 besetzten amerikanische Truppen das Lager und die Stadt Grafenwöhr. Noch im gleichen Jahre wurde der Schieß- und Übungsbetrieb wieder aufgenommen. 1947 entschied die amerikanische Besatzungsmacht, den Truppenübungsplatz Grafenwöhr neu anzulegen und auszubauen. 1950 bis 1953 wurden die großen Camps Aachen, Algier und Normadie aus genormten Steinbaracken sowie die Zeltlager Tunesia, Cheb und Kasserine errichtet. Aus der Besatzungsmacht wurde im Laufe der Zeit Schutzmacht, Verbündeter und insbesondere größter Arbeitgeber der Region.

Die neuere Geschichte von 110 Jahre Truppenübungsplatz Grafenwöhr

Grafenwöhr

Die Bundeswehr kommt nach Grafenwöhr

1956 zogen die ersten Einheiten der Bundeswehr in Grafenwöhr ein, sie sind heute mit dem Deutschen Militärischen Vertreter (DMV) der Juniorpartner zur amerikanischen Administration und auch im Übungsgeschehen. 1958 und 1960 verschlug es auch Elvis Presley zu einem Manöveraufenthalten nach Grafenwöhr.

Noch immer Spuren von Elvis Presley

Netzaberg: Wohnprojekt für Soldaten und ihre Familien

US-Außenminister Mike Pompeo zu Gast in Grafenwöhr

Umfangreiche Modernisierungsmaßnahmen in Höhe von über 100 Millionen US-Dollar gab es ab dem Jahr 1982. Schießbahnen und Übungseinrichtungen machten Grafenwöhr schließlich zum modernsten Truppenübungsplatz in Europa. Der Aus- und Neubau des Südlagers Vilseck ab dem Jahr 1985 brachte erneut einen Aufschwung. Seit 2006 ist Vilseck Heimat des 2. US-Kavallerieregiments.

Zur Optimierung ihrer Standorte in Europa begann bei der US-Armee 2004 das Programm „Effizient Basing Grafenwöhr“. Für einen neuen Gefechtsverband von über 3500 Soldaten und etwa 5000 Familienangehörigen wurde ein enormes Bauprogramm gestartet. In einem privaten Mietwohnungsprojekt entstand auf dem Netzaberg eine neue Stadt. Kasernen und der private Mietwohnungsbau bildeten ein Gesamtvolumen von nahezu einer Milliarde Euro.

Netzaberg: Für Amerikaner eine neue Stadt in der Stadt

100-Jahr-Feier mit großem Zapfenstreich

100. Geburtstag des Truppenübungsplatzes: Grafenwöhr lässt es krachen

Unter der Federführung der US-Armee entwickelte sich die Training Area Grafenwöhr zum Platz für Multinationale Ausbildungen und Übungsvorhaben.

2010 wird das 100-jährige Bestehen des Übungsplatzes mit Paraden, großem Zapfenstreich, internationalen Stars, Vorführungen und Rundfahrten groß gefeiert. Im Mai 2012 wird die 172. US-Infanteriedivision in Grafenwöhr aufgelöst, neue Stationierungen erfolgen. Erst 2018 wird mit der Aufstellung der 41. US-Feldartilleriebrigade begonnen. Unter der Führung des 7. US-Armee Ausbildungskommandos (7th ATC) finden internationale Übungen mit Partnern aus bis zum 38 Gastnationen statt, Grafenwöhr ist der Dreh- und Angelpunkt des amerikanischen Heeres in Europa.

Viel Wild im Sperrgebiet

Auch der Wolf ist auf dem Übungsplatz daheim

Das militärische Sperrgebiet beherbergt große Rotwildvorkommen und hat sich im Laufe der Jahrzehnte auch zu einem riesigen Naturschutzgebiet mit vielen geschützten Spezies entwickelt. Ranghohe Besuche wie 1950 der spätere US-Präsident Dwight D. Eisenhower, der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl 1984, deutsche Verteidigungsminister bis zu US-Amtskollegen, wie Ashton Carter 2015 und 2019 der amerikanische Außenminister Mike Pompeo belegen die Bedeutung des Übungsplatzes Grafenwöhr. Ankündigungen und Drohungen des US-Präsidenten zur Reduzierung der US-Truppenpräsenz in Deutschland sind im Jahr des 110-jährigen Jubiläums keine Geburtstagsgeschenke für das „Little America in der Oberpfalz“.

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.