14.04.2021 - 09:33 Uhr
Kaibitz bei KemnathOberpfalz

Der Raubmord von Kaibitz - Todesurteil im Schatten von Hinterkaifeck

Diesen Artikel lesen Sie mit
Alle Informationen zu OnetzPlus

Im Schatten der Tragödie von Hinterkaifeck steht ein brutaler Raubmord im Jahr 1922 im Kreis Tirschenreuth. Mitten in den Irrungen und Wirrungen der Weimarer Republik treffen zwei Männer aufeinander - ihr Verhängnis. Am Ende sind beide tot.

Folge 2 des True-Crime-Podcasts "Tödliche Oberpfalz" dreht sich um einen brutalen Raubmord im Jahr 1922 in Kaibitz, der ganz im Schatten der bekannten Tragödie von Hinterkaifeck steht. Die Tat sollte nicht nur dem Opfer das Leben kosten.
von Vanessa Lutz Kontakt Profil

Heinrich Hösl hat am frühen Morgen des 26. August 1922 vermutlich nicht damit gerechnet, dass sein Leben hier und jetzt so enden würde. Gemeinsam mit seinem Räuberkumpanen, dem 19-jährigen Peter Michl, wollte er auf Diebestour gehen. Von den umliegenden Höfen Gemüse stehlen. Am Ende ist Heinrich Hösl tot. Getötet durch die Hand Michls. 35 innere und 36 äußere Verletzungen trug er davon, am Ende stirb er durch einen Axthieb auf den Kopf. Der Täter, Peter Michl, raubte unter anderem Schuhe und eine Jacke und machte sich auf und davon in Richtung Nürnberg.

Hier geht's zur aktuellen Folge

alternativer_text

alternativer_text

alternativer_text

alternativer_text

Kennengelernt haben sich die beiden Männer im Kemnather Gefängnis. Beide sind Gauner. Michl ein Kleinkrimineller, einer, der schon immer die Arbeit gescheut hat. Sein Lehrer stellte ihm ein deutliches Zeugnis aus, nennt ihn einen "verzogenen bösen Buben". Von Klein auf habe der Lehrer prophezeit, dass wenn Michl so weitermache, er im Zuchthaus sterben würde.

Heinrich Hösl dagegen war ein anderes Kaliber. Seine Familie, im ganzen Ort bekannt und verrufen, wurde von den Bewohnern peinlichst gemieden. Denn die Familie Hösl hatte sich einer Straftat schuldig gemacht, die zur damaligen Zeit mit als das Schlimmste galt, das man tun konnte: Die Mutter hatte gemeinsam mit ihren beiden Söhnen im Jahr 1884 skrupellos eine Kirche ausgeraubt und ein Feld der Verwüstung hinterlassen. Sie wollten damit Geld machen, über die Runden kommen.

Folge 2 ist nun online - hier gehts zu den Links

Kaibitz bei Kemnath

Die Menschen versuchten zu überleben

Straftaten wie diese, Raubdelikte und Gewalttaten, waren in der damaligen Zeit der Weimarer Republik an der Tagesordnung. Das sagt Johann Walter, Bürgermeister aus Kastl und Experte im Fall Kaibitz. "Es war eine harte, raue Zeit. Die Menschen versuchten, nach den Wirren des Ersten Weltkrieges irgendwie über die Runden zu kommen und zu überleben."

Das dürfte, so Walter, auch bei Heinrich Hösl und Peter Michl der Fall gewesen sein. Die beiden haben sich zusammengetan, um Lebensmittel zu stehlen. Offenbar, so hat es Walter nach Durchsicht zahlreicher Akten herausgefunden, sei aber irgendetwas schiefgelaufen an jenem 26. August im Jahr 1922. Peter Michl hat versucht, sich heimlich aus dem Staub zu machen, als Heinrich Hösl schläft. Doch der knapp 61-Jährige wird wach. Es kommt zur Konfrontation, zu harten Raufereien, bei der der junge Michl den Hösl sogar in einen nahegelegenen Bach wirft. Am Ende rangeln sie in der Scheune des Hösl - und ein kräftiger Axthieb auf den Kopf des Älteren beendet dessen Leben.

Hier gehts zu all unseren Podcasts von Oberpfalz Medien

Michl wurde schnell gefasst. Der findige Ermittler Matthäus Flechseder galt als "scharfer Hund", sagt Experte Johann Walter. Und Michl gestand die Tat unumwunden. "Ja, ich hab den Michl erschlagen", gab er in seiner Vernehmung zu Protokoll. War es Naivität? Dachte Michl, er käme, wie bisher immer, nur mit einer kurzen Strafe davon? Oder schreckte ihn die Aussicht auf eine Haftstrafe gar nicht mehr ab? "Immerhin hatte man da ein Dach über dem Kopf und Essen", sagt Experte Walter.

Die erste Folge drehte sich um den Mord an Christa Mirthes in Schwandorf

Oberpfalz

Doch es sollte anders kommen. Zum Abschluss der Beweisaufnahme vor dem Volksgericht Weiden erklärte der Staatsanwalt, „...dass es das scheußlichste Verbrechen gewesen sei, das jemals in diesem Saal als Gegenstand zur Verhandlung stand und heute seine Sühne finden soll!“

Peter Michl wurde nach seiner Verhandlung zum Tode verurteilt. Sein Verteidigers Dr. Joseph Pfleger versandt ein Gnadengesuch. Er wollte das Urteil in eine lebenslange Zuchthausstrafe umwandeln. Die Antwort von der Staatsanwaltschaft war deutlich: „Was seine Jugend anbelangt, so ist im Gegenteil mit Bestimmtheit zu erwarten, dass die Vollstreckung der Strafe einen dauernden heilsamen Einfluss auf andere junge Leute ausüben wird, die heute in der Mehrheit nur noch den Tod, sonst aber keine andere Strafe fürchten.“ Das Gnadengesuch hatte keinen Erfolg. Peter Michl musste sterben.

„Was seine Jugend anbelangt, so ist im Gegenteil mit Bestimmtheit zu erwarten, dass die Vollstreckung der Strafe einen dauernden heilsamen Einfluss auf andere junge Leute ausüben wird, die heute in der Mehrheit nur noch den Tod, sonst aber keine andere Strafe fürchten.“

Staatsanwalt Gerber, Ministerrat Bayern, 1922

Die historischen Zeitungsartikel, die Experte Johann Walter für seine Recherchen ausgewertet hat, belegen, dass auch über den Mordfall im oberbayerischen Hinterkaifeck wenige Monate vor dem Kaibitz-Mord intensiv in den lokalen Medien berichtet worden ist. "Und es liegt nahe", so Walter, "dass das Urteil gegen Michl aufgrund dieses Kriminalfalls deutlich härter ausgefallen ist, um ein Exempel zu statuieren." Der Mörder, der damals sechs Menschenleben brutal ausgelöscht hatte, ist bis heute unbekannt.

Am 30. November 1922 wurde Peter Michl um 7.30 Uhr im Innenhof des Gefängnisses von einem elfköpfigen Erschießungskommando hingerichtet. Nicht nur Hösl sollte also jene Augustnacht zum Verhängnis werden, sondern auch Michl. Er war, so laut Kenntnis des Experten Walter, einer der letzten Täter, der in Weiden nach einem Gerichtsurteil erschossen worden ist.

Das Team hinter dem Podcast

Oberpfalz
Hintergrund:

Unsere True-Crime-Community

Im Podcast "Tödliche Oberpfalz" wollen nicht nur die Moderatoren miteinander diskutieren, sondern auch mit den Hörerinnen und Hörern. In der Facebook-Gruppe "Tödliche Oberpfalz" gibt es immer wieder spannende Hintergrundinformationen und Einblicke in die Arbeit der Redakteure. Außerdem kann sich die Community über die Folgen austauschen und mit den Moderatoren diskutieren.

Auf den Fall Kaibitz wurde die Redaktion aufmerksam durch einen Hinweis von Johann Walter. Wenn auch ihr spannende Themenideen habt, dann schreibt eine E-Mail an: ToedlicheOberpfalz[at]oberpfalzmedien[dot]de

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.