20.08.2018 - 16:32 Uhr
KemnathOberpfalz

Ein Gewehr erzählt Geschichte

Völlig überraschend wird Josef Leypold Besitzer eines Fallschirmjägergewehres, Modell 1942. Die Waffe erzählt die Geschichte der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs.

Der leidenschaftliche und sachkundige Sammler historischer Militärwaffen Josef Leypold aus Kemnath bekommt völlig überraschend und unerwartet ein Fallschirmjägergewehr, Modell 1942 anvertraut. Doch damit nicht genug, er begibt sich auch auf Spurensuche.

(br) Dem Sammler historischer Militärwaffen aus Kemnath wurde dieses Spezialgewehr der deutschen Fallschirmtruppe anvertraut. Als sachkundiger Waffensammler gab er sich jedoch mit dem Besitz dieses militärischen Relikts nicht zufrieden und begab sich auf Spurensuche nach dem Ursprung sowie Einsatz und Verwendung der Waffe. Daraus entwickelte sich eine dramatische weitreichende Vergangenheitsbewältigung.

Der Besitzerwechsel dieses Fallschirmjägergewehrs nahm bei einer Waffenausstellung von Leypold bei der Reservistenkameradschaft Speichersdorf seinen Anfang. Dabei unterhielt er sich mit einem Fremden mehr als eine Stunde über alle möglichen Waffen der Wehrmacht. Ein Jahr später erhielt Leypold einen Anruf von der Ehefrau des Gesprächspartners, dessen "Tage gezählt seien" und er das Gewehr ihm anvertrauen wolle. Tatsächlich starb der Waffensammler vier Wochen später und der Kemnather bekam das Gewehr.

Unbrauchbar gemacht

Die Waffe selbst, ein Scheunenfund, war stark korrodiert und deshalb auch nicht mehr schussfähig. Aufgrund des Waffengesetzes wurde das Gewehr in den wesentlichen Teilen nach Vorschrift unbrauchbar gemacht. Somit erteilte das Bundeskriminalamt (BKA) auch eine Ausnahmegenehmigung. Folglich war damit für Leypold der Weg frei für einen Vortrag bei den Speichersdorfer Reservisten. Diese Waffe wurde 1945 in einer Stückzahl von 2101 in Suhl in Thüringen von der Firma Krieghoff hergestellt, die ein verschlüsseltes Herstellerzeichen "fzs" verwendete. Dies ist auf der Waffe oberhalb der Seriennummer angebracht. Bei der Übergabe des Gewehres erfuhr Leypold auch den Namen jenes "älteren Herrn", der etwa zehn Jahre zuvor die Waffe an den letzten Besitzer verkauft hatte. Der Kemnather Militärwaffenexperte besuchte den Mann im Fichtelgebirge und brachte Unbeschreibliches in Erfahrungen.

So gehörte jener "ältere Herr" einer deutschen motorisierten Pionierkompanie der 3. Panzerdivision an, die nach der Ardennen-Offensive (1944) ein Jahr später nach Ungarn verlegt worden war. Er nahm zuletzt an einer Offensive im Raum Veczprem/Velencesse (Stuhlweissenburg) teil. Als Pioniere hatten sie den Befehl, beim Durchbruch russischer Truppen wichtige Brücken und andere Objekte zu sprengen. Meistens wurden Fliegerbomben mit Zeitzündern verwendet, mangels Zünder auch mit Tellerminen. Es war ein risikoreiches Unterfangen, wenn der Russe stark "drückte". Die russische Luftwaffe ebenso die Artillerie beschossen die zurückweichenden deutschen Truppen.

Die Pionierkompanie war mit Schützenpanzerwagen motorisiert, die mit Maschinengewehr (MG) und Zwei-Zentimeter-Flakkanonen bewaffnet waren. Jener "ältere Herr", damals 22 Jahre alt, schilderte die Geschehnisse eines jenen Tages, Ende Februar/Anfang März 1945, als im Raum Graz (Niederösterreich) eine Brücke gesprengt werden sollte. Zwar war die Brückensprengung vorbereitet, doch immer wieder zogen deutsche Einheiten darüber. Rotkreuzwagen und Versorgungs-Lastwagen sowie Lkw mit Verwundeten passierten diese Brücke. Diese wurden dann auch im letzten Moment, als eine Lücke im Verkehrsstrom entstand, in die Luft gesprengt. Der damals 22-Jährige rauschte im letzten Schützenpanzer mit Höchstgeschwindigkeit unter dem Panzerfeuer feindlicher T-34-Panzer davon. Nach einem Kilometer passierten sie eine von russischen Geschützen zusammengeschossene deutsche Einheit.

Schuss in die Stirn

Sehr viele Tote lagen herum, darunter eine gefleckte Gestalt, die ihre Hand hob: Es war ein verwundeter Hauptmann der Fallschirmtruppe. Er wurde in den nächsten Sanitätspark gebracht. Dort schenkte der Hauptmann dem 22-Jährigen sein Gewehr mit den Magazinen in den Taschen, die er um den Hals getragen hatte. Der "neue" Besitzer erinnerte sich, es war ein nagelneues Gewehr unbekannter Bauart, kurz gehalten und kompakt. Beim Ausprobieren war er überrascht vom geringen Rückstoß aber lauten Schussknall der Waffe. Sie schoss halbautomatisches Feuer und auch Feuerstoß. Bis auf den Handschutz aus Holz bestand das Gewehr ganz aus Metall. Er hütete diese Waffe wie seinen Augapfel.

Bei einer von einem Hauptmann befohlenen Aufklärungsfahrt in der Nähe des Ortes Buchkau mit einem Kettenkrad und einem Kübelwagen wurden sie von einem vorgeschobenen Beobachter (VB) der Sowjets erspäht. Plötzlich "hagelte" es Granaten. Als das Feindfeuer abflaute, riskierte er einen Blick aus der Deckung hervor. Um besser sehen zu können, schob er seinen Helm zurück in den Nacken. Dies wurde ihm zum Verhängnis, doch es rettete ihm auch sein Leben. Eine von einem russischen Scharfschützen abgefeuerte Kugel traf ihn mitten in die Stirn. Doch er hatte Glück; die Kugel schlug direkt unter dem Helm ein, schrammte zwischen Schädelknochen und Helmdach hindurch und trat hinten wieder aus. Das ganze Gesicht voll Blut ließ seine Kameraden zu den Schluss kommen "Kopfschuss - nichts mehr zu machen".

Doch die Verletzung war nicht so schwer wie vermutet. In stockdunkler Nacht erwachte er nach Stunden mit schmerzendem Kopf. Sein Gewehr hing noch um seinen Hals. Mit starken Sehstörungen und Schwindelanfällen hörte er das Brüllen einer Kuh. Vorwärts kriechend schleppte er sich Richtung Tierrufe. Wie lange er brauchte, bis er den rettenden Viehstall erreichte, wusste er nicht mehr. Dort angekommen, entledigte er sich seines Helmes und ernährte sich drei Tage von Kuhmilch.

Nach etwa vier Tagen hörte er plötzlich Stimmen: Auf russisch suchte jemand Futter für die Tiere. Der Verletzte verkroch sich im Stall, das Spezialgewehr versteckte er unter einem Bett im Boden. Dann wurde es wieder still. Obwohl immer wieder ohnmächtig, hörte er Fahrzeuggeräusche und Deutsch. Er schöpfte Mut und machte sich bemerkbar. Mit Fahrzeugen und einem Zug kam er in ein Lazarett. Zwei Wochen später war der Krieg verloren.

Insgesamt fünfmal verwundet hatte er den Krieg überstanden. Wegen seiner schweren Verwundungen kam er nicht in Kriegsgefangenschaft, sondern 1945 zurück in die Heimat, in die Oberpfalz. Daran anschließend wurde er Viehhändler und später wie sein Vater Fuhrunternehmer. Eines Tages machte er sich nach Österreich auf, um jene Stelle zu erkunden, an der er angeschossen worden war und er seinen letzten Kriegseinsatz hatte. Der Bauernhof war unverändert. Zwar hatte der Zahn der Zeit an "seinem" Gewehr genagt, die Holzteile waren verfault, das Metall verrostet. Nichtsdestotrotz nahm er das Erinnerungsstück mit nach Hause.

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