07.07.2020 - 17:32 Uhr
KemnathOberpfalz

Heilfasten macht stark

Bereits vor 1000 Jahren empfiehlt Hildegard von Bingen auf das "rechte Maß in allen Dingen" zu achten und propagiert Fasten für das seelische und körperliche Wohlergehen des Menschen. Wie gut das auch heute noch funktioniert, weiß die Hauswirtschaftsmeisterin Johanna Eisner.

Hildegard-Expertin Johanna Eisner begleitet seit 30 Jahren Fastenkurse.
von Christa VoglProfil

Wenn es um das Thema Hildegard-Fasten geht, kann der gelernten Hauswirtschaftsmeisterin und Ernährungsfachfrau Johanna Eisner aus Kemnath niemand etwas vormachen. 31 Jahre ist es jetzt her, dass sie von einer befreundeten Ordensschwester zur Teilnahme am Kurs "Heilfasten nach Hildegard von Bingen" eingeladen wurde. Seit nunmehr 30 Jahren begleitet sie selbst regelmäßig Fastenkurse.

Fasten ist kein neuer Trend. In der katholischen Kirche gab es früher mit der "Fastenordnung" sehr strenge Regeln für die Zeit zwischen Aschermittwoch und Karfreitag. Auch in unserer Zeit werden die Gläubigen dazu angehalten, in diesen Wochen Verzicht zu üben und karger zu leben. Davon ganz unabhängig empfehlen heute Ernährungsmediziner ihren Patienten regelmäßige Obst- und Gemüse-Tage. Und das nicht nur zur Gewichtsreduktion. "Aber ob nun mit oder ohne Religion: Beim Fasten geht es darum, den Körper zu entlasten", erklärt Johanna Eisner. Doch das sei eben nicht alles.

Heil-Reaktionen

Denn bei Hildegard von Bingen ist das "Fasten mit seinem bewussten Verzicht auf belastende Nahrungsmittel für eine begrenzte Zeit" nicht nur auf den Körper ausgerichtet. Durch den Impuls des Fastens soll der Körper mehr Energie für gesundheitsfördernde Entschlackungs- und Selbstheilungsprozesse erhalten, er soll eine positive Wirkung auf den gesamten Organismus haben. Oder kurz gesagt: Heilfasten löst Heil-Reaktionen aus. In ihren Büchern empfiehlt die Universalgelehrte und Mystikerin Hildegard von Bingen, Fasten als begleitende Übung zu praktizieren, wenn man sich von einem "Laster" befreien möchte, um zu einer "Tugend" zurückfinden zu können. Sie bezieht sich damit beim Fasten sowohl auf das körperliche als auch auf das seelische Wohlergehen des Menschen. Genau diese Besonderheit des Fastens nach Hildegard thematisiert Eisner, wenn sie davon spricht, dass es "darum gehe, sich selber besser kennen zu lernen". Und dass man ein Gespür dafür bekomme, "was mir gut tut und was mir nicht gut tut." Grundstein dafür seien diese Fastentage.

Eisners Fastenseminare haben einen festen Ablauf. Bei der Einführungsveranstaltung treffen sich die Interessenten das erste Mal und Johanna Eisner erklärt den genauen Ablauf der Fastentage, erzählt von eventuell auftretenden Problemen, wie Kopf- oder Muskelschmerzen und beantwortet Fragen der Kursteilnehmer. Dabei weist sie auch darauf hin, dass abhängig vom Gesundheitszustand jedes Einzelnen vor dem Fasten ein Gespräch mit dem Hausarzt ratsam sei. Acht Tage begleitet sie dann die Gruppe: drei Tage "vorbereitendes Fasten", in denen bereits auf tierisches Eiweiß verzichtet und die Menge an getrunkener Flüssigkeit aufgestockt wird. Gefolgt von fünf Tagen, an denen sich die Teilnehmer einmal täglich treffen.

Gebet und Gemüsesuppe

Der Ablauf ist hierbei immer identisch: Meditation, Gesprächsaustausch in der "Wie-geht's-mir-Runde", Verkostung von Maronen- oder Galgant-Honig und Hildegard-Gewürzen zur Stabilisierung, Gebet. Höhepunkt des Treffens ist das gemeinsame Essen der Gemüsesuppe, die mit Gries und Zutaten wie Bärwurz, Sellerie, Pelargonien-Gewürzmischung, Griechenklee und Diptam zubereitet ist. Grundgewürze sind dabei Galgant, Bertram und Quendel. "Jeder Kursteilnehmer bringt an diesen fünf Tagen zum Treffen einen Teller, einen Suppenlöffel, zwei Teelöffel, ein Schnapsglas und ein Trinkglas mit", erklärt Eisner. Nach dem Aufräumen trennt sich die Gruppe wieder bis zum Treffen am nächsten Tag. Als weitere Mahlzeit, die dann allerdings zu Hause eingenommen wird, dürfen die Teilnehmer ein Stück Dinkelbrot zusammen mit einem Glas warmem Apfelsaft - verfeinert mit Zimt und Nelken - zu sich nehmen oder alternativ Fencheltee mit einem Schuss Apfelsaft.

"Durch das Fasten wird vielen Kursteilnehmern erst bewusst, dass sie im Alltag die Mahlzeiten oft richtiggehend verschlingen und keine Wertschätzung mehr für die Nahrung haben", erklärt Eisner. Durch das aufmerksame Brotbrechen, durch das langsame Kauen und dem bewussten Schlucken erfahre das Essen auch plötzlich wieder mehr Wertschätzung. Ihre Gruppen, so fügt die Hauswirtschaftmeisterin hinzu, bestünden zu 90 Prozent aus Personen, die jedes Jahr fasten. "Das gehört zu ihrem Leben genauso wie zum Beispiel das Wallfahren. Die Menschen spüren, dass ihnen das Fasten gut tut, daher kommen sie immer wieder." Und eine weitere Erfahrung verrät sie: "Mit den Jahren fällt das Fasten immer leichter." Wenn erst einmal der Anfang gemacht sei, laufe die "Fastenuhr" wie von selbst.

Bratapfel zum Fastenbrechen

Sind die fünf Tage vorbei, wird gemeinsam das Fasten "gebrochen": mit einem Bratapfel, die ausgestochene Kernhaus-Höhlung gefüllt mit gehackten Mandeln, Zimt und Honig. Jeder Kursteilnehmer bekommt einen solchen Bratapfel, der wie die Suppe an den Tagen vorher, in der Runde verspeist wird. "Normalerweise ist ein Bratapfel für niemanden etwas Besonderes. Nach fünf Tagen Fasten ist er aber zu etwas ganz Besonderem geworden", erklärt die Hildegard-Expertin lächelnd.

Und danach? Geht man nach dem Fastenbrechen einfach nach Hause und führt sein Leben so wie bisher weiter? Die Kemnatherin muss nicht lange überlegen: "Nein, natürlich gibt es eine Veränderung. Die Teilnehmer nehmen etwas nach Hause mit. Durch die Enthaltsamkeit und den Verzicht während dieser fünf Tage erfährt die Nahrung eine neue Wertschätzung." Aber das Fasten stärke auch seelisch, es mache stärker. Johanna Eisner hält kurz inne und fasst dann ihre in den Kursen gesammelten Erfahrungen so zusammen: Man hat die Kraft, zu gewissen Dingen "nein" zu sagen. Und zwar nicht nur in Bezug auf Nahrung. Nein, das will ich nicht. Nein, das möchte ich nicht. Oder - um es mit den Worten von Hildegard von Bingen positiv auszudrücken - man lernt auf das zu verzichten, was man nicht braucht.

Durch den Impuls des Fastens soll der Körper mehr Energie für gesundheitsfördernde Entschlackungs- und Selbstheilungsprozesse erhalten, er soll eine positive Wirkung auf den gesamten Organismus haben.

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