09.05.2018 - 08:54 Uhr
Oberpfalz

Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg zeigt Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert Licht und Leinwand im Wettstreit

Mit rund 260 Exponaten beleuchtet die Sonderausstellung "Licht und Schatten" im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (GNM) das spannungsvolle Verhältnis von Fotografie und Malerei. Sie umfasst die Zeit von 1840 bis 1910, konzentriert sich also vor allem auf die Epoche, in der die Fotografie erstmals als Kunstform anerkannt wurde. Zu sehen ist die Schau bis 9. September.

Generaldirektor Ulrich Großmann und Kuratorin Leonie Beiersdorf testen eine nachgebaute Fotobox.
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Von Günter Kusch

Nürnberg. Irgendetwas stimmt an diesem Bild nicht. Zwei Pferde im Galopp, die Vorder- und Hinterbeine weit vom Körper ausgestreckt - so springt doch kein Gaul. Nur echten Tierfreunden fiel der Fehler auf, als sie Franz Krügers Ölgemälde von 1851 näher unter die Lupe nahmen. Letztlich war es die Fotografie, die diese Darstellung als anatomische Absurdität entlarvten. Eadweard Muybridges Erfindung der Chronofotografie zeigte, wie der korrekte Gang eines Pferdes tatsächlich aussah und dass die Malerei zuvor über Jahrhunderte irrte.

Licht und Leinwand, Malerei und Fotografie - es dauerte lange, bis diese beiden Ausdrucksformen menschlicher Beobachtungsgabe miteinander Freundschaft schlossen. Die motivische Nähe, die Schnelligkeit und der günstige Preis der modernen Geräte schürten bei Malern Angst, die neue Technologie könnte ihre Existenz bedrohen. Sie verschärfte sich, als im Jahr 1839 die Daguerreotypie in Paris aufkam, die Belichtung versilberter Kupferplatten. Die Frage stellte sich: Wer vermag ein Motiv realitätsgetreu wiedergeben? Ist nur der Maler, der zu Leinwand und Pinsel greift, ein wahrer Künstler?

Die ästhetisch ansprechende Schau im GNM ist zugleich Zeugnis künstlerischer Trends im 19. Jahrhundert. Das Reisen wird durch Eisenbahn und Dampfschiffe einfacher. Ansichten fremder Landschaften, Bauwerke und Kulturgüter, wie sie beispielsweise Leopold Carl Müller in Ägypten malt, erfreuten sich großer Beliebtheit. Das neue Kollodium-Nassplatten-Verfahren ermöglichte es, mehrer Papierabzüge nach Glasplattennegativen anzufertigen. Mit der Stereokamera aufgenommene Reise-Motive bieten zusätzlich die Sensation eines räumlichen Seheindrucks.

Ende des 19. Jahrhunderts arbeitet die Mehrheit der Maler dann unter Zuhilfenahme von Fotografien. Groß ist die Bildauswahl, nach der Franz von Lenbach seine imposanten Bismarck-Porträts fertigt. "Kommerziell vertriebene Vorlagenmappen von Männer- und Frauenakten werden an Kunstakademien eingesetzt", erläutert Kuratorin Leonie Beiersdorf. Sie liefern gleich mehrere Haltungsvarianten und sind kostengünstiger als ein lebendes Modell. Lovis Corinth verkehrt das Prinzip ins Gegenteil: Als wäre es ein Schnappschuss, malt er ein Modell, das während einer Pause Kleidungsstücke ordnet.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert entsteht das neue Verfahren des Gummidrucks. Es erlaubt größere Formate, weichere Konturen und mehrfarbige Drucke. Alfred Stieglitz und Heinrich Kühn zitieren beispielsweise moderne Gemälde von Max Liebermann und Fritz von Uhde, unter anderem holländische Motive mit Wäscherinnen. Konkurrenz zwischen "Licht und Leinwand" entsteht später, als der Künstlerkult neu erblühte. Auf Selbstbildnissen inszenieren sich viele Maler in der Pose von Bohemiens, Malerfürsten und Genies. Fotografen wiederum bringen bei Selbstbildnissen die Kamera mit ins Bild.

Witzig unter den rund 260 Exponaten sind die Bezüge zur aktuellen Zeit. Schon 1909 hielt sich Joseph Byron die Kamera vor die Nase, um die Schönheit seines Angesichts der Nachwelt zu hinterlassen. Wer da an "Selfies" denkt, hat gar nicht unrecht. Die Selbstinszenierung als Kunstform nahm ihren Ausgang eben bereits im 19. Jahrhundert. Da ist die Fotobox im GNM nahezu heilsam. Besucher müssen 15 Sekunden lang still sitzen, wenn sie ein scharfes Bild von sich machen wollen. Es braucht Geduld - wie einst - um ein gelungenes Ergebnis zu bewundern. Wer will, kann die Aufnahme an die eigene Email-Adresse mailen - so ganz ohne moderne Technik geht es dann heutzutage doch wieder nicht.

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