22.07.2021 - 18:20 Uhr
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Alarmkette: Oberpfalz rüstet sich für mehr Extremwetter

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Bei den Überschwemmungen im Westen Deutschlands haben die Warnsysteme versagt. Experten erklären, ob die Oberpfalz besser gerüstet wäre, wie die Alarmkette in der Region funktioniert und warum Keller eine Todesfalle sind.

Überschwemmung in Weiden bei der Einmündung der Gemeindeverbindungsstraße von Ahornberg in die Staatsstraße 2177. Hochwasser 4 und 5: Ein neuralgischer Punkte ist schon immer der Mühlweg beim Kindergarten. Er stand einmal mehr unter Wasser
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Hannah Cloke, Professorin für Hydrologie an der britischen Universität Reading, kritisiert das Versagen der Warnkette. Vier Tage vor den Fluten in Westdeutschland habe das Europäische Hochwasser-Warnsystem (Efas) die Regierungen der Bundesrepublik und Belgiens vor Hochwasser an Rhein und Meuse gewarnt.

24 Stunden vorher sei den deutschen Stellen nahezu präzise vorhergesagt worden, welche Distrikte von Hochwasser betroffen sein würden, darunter Gebiete an der Ahr, wo später mehr als 100 Menschen starben.

„Kein zentrales Warnssystem“

Meteorologe Andy Neumaier bemängelt gegenüber Oberpfalz-Medien: „Wir haben kein zentrales Warnssystem.“ Der staatliche Deutsche Wetterdienst DWD publiziere im Internet oder über die App Nina. Dazu kämen zahlreiche private Wetterdienstleister wie Kachelmann-Wetter, Wetter-Online, die Wetterzentrale oder wetter123.com. „Alle geben Unwetter- und Gewitterwarnungen raus“, sagt Neumaier, „die Brisanz geht unter.“

Der Mitterteicher wünscht sich ein konzertiertes Vorgehen wie bei Tornado-Warnungen in den USA: „Dort bekommen alle Betroffenen eine SMS und in allen Fernsehprogrammen werden Warnungen eingeblendet.“ Das funktioniere, weil den Leuten die Brisanz klar sei: „Auch wenn der Tornado mal vorbeizieht, ist jeder froh, dass er informiert wurde.“

Neumaier selbst habe schon am 8. Juli prognostiziert, dass ein Starkregen mit bis zu 300 Litern Niederschlag pro Quadratmeter bevorstehe: „Man ging zunächst davon aus, dass das irgendwo in Süddeutschland zwischen Würzburg und Erfurt niedergeht.“ Die Wettermodelle konnten das Szenario in der Folge immer besser verorten: „Es hat sich von Bayern Richtung Rheinland verlagert, 48 Stunden zuvor war es eingrenzbar auf das Gebiet um Eiffel und Ruhr.“

Alarmierung hat in vielen Orten versagt

24 Stunden vor der Katastrophe gingen in Hagen (Nordrhein-Westfalen) bereits 100 Liter Regen pro Quadratmeter nieder: „Da hatte man eine konkrete Stadt, selbst 12 Stunden vorher hätte es noch gereicht, Warnungen im Programm einzublenden, die Flussgebiete zu verlassen.“ Doch in vielen Ortschaften habe die Alarmierung völlig versagt: „Nicht einmal eine Durchsage der Feuerwehr gab es, das kann man kaum Alarmkette nennen.“

Konkrete Hilfsmaßnahmen seien erst angelaufen, als bereits Häuser davonschwammen: „So ein Gebirgsbach steigt innerhalb weniger Stunden um 6 Meter an, wenn er ein komplettes Haus wegschwemmt, ist es zu spät“, sagt Neumaier. Schon Tags zuvor hätte man gefährdete Stellen mit Dammmaterial und Sandsäcken sichern müssen. Erschwerend sei hinzu gekommen: „In der Nacht dauert es noch länger, bis jemand den Wasserstand bemerkt.“

Freistaat gut gerüstet

Eine Sprecherin des bayerischen Innenministeriums sieht den Freistaat auf Anfrage von Oberpfalz-Medien gut gerüstet. Man setze auf einen gut ausgewogenen Warnmix, der verschiedenste Warnmultiplikatoren beinhalte: „Hier sind Sirenen, Lautsprecherwagen, Radio und Fernsehen zu nennen.“ Im Zuge der fortschreitenden Nutzung digitaler Medien seien zudem Warn-Apps wie Nina oder Katwarn, Internetseiten, Soziale Medien und Digitale Werbetafeln im Einsatz. „Dieser Warnmix hat bislang in Bayern durchaus gut funktioniert, wie die Ereignisse der letzten Jahre zeigen.“

Auch das gut ausgestattete Katastrophenschutzsystem habe sich bewährt. Man nehme das extreme Wetterereignis im Rheinland aktuell aber zum Anlass, die Systematik der Warnungen sorgfältig zu analysieren, auszuwerten und sinnvolle Weiterentwicklungen zu prüfen.

Gesprächsbedarf in der Oberpfalz

Tirschenreuths Landrat Roland Grillmeier sieht Gesprächsbedarf auf Oberpfalzebene und auf Ebene des Landkreistages, um gemeinsam Lösungen zu finden und die Vorschläge der Praktiker vor Ort einzubringen. „Von Ministerpräsident Söder gibt es ja bereits erste Vorstellungen, die es nun zu besprechen und die es schnellstmöglich anzugehen gilt.“ Bisher sei die Region von größeren Naturkatastrophen weitgehend verschont geblieben. „Aber wie die Ereignisse zeigen, können auch kleine Bäche zur großen Gefahr werden.“

Walter Brucker, Sprecher des Landratsamts Tirschenreuth, teilt mit, dass sich der Bund nach Ende des kalten Krieges aus den regelmäßigen Sirenen-Probealarmen zurückgezogen habe. „Die Sirenen gingen in das Eigentum der Landkreise und Kommunen über, die sie vielerorts abgebaut haben.“ Auch im Landkreis Tirschenreuth gebe es mittlerweile keine Katastrophenschutzsirenen mehr. Sirenen auf Feuerwehrhäusern heulten nicht. Die Warnung erfolge jetzt über Warn-Apps. „Wie der letzte bundesweite Alarmtest zeigte, funktioniert diese elektronische Alarmierung aber noch nicht zuverlässig.“ Ein Wiederaufbau der Sirenen sei überlegenswert.

Schwandorf noch Sirenen-bewehrt

„Die Warnkette in Bayern ist vielfach beprobt und hat sich bei vielen Übungen und Einsätzen gut bewährt“, sagt Hans Prechtl, Sprecher des Landratsamts Schwandorf. „Bei uns im Landkreis gibt es auch noch sehr viele Sirenen.“ Ob man es im Ernstfall besser mache als im Rheinland, sei eine hypothetische Frage. „Wenn Sie vor vier Wochen die zuständigen Stellen im Rheinland gefragt hätten, hätte man diese Katastrophe auch nicht für möglich gehalten.“

Die Aussage „Wir machen alles besser“ dürfe als Manifest im Sinne einer Zielsetzung verstanden werden, nicht als Kritik an den zuständigen Behörden in Rheinland-Pfalz. „Denn es verbietet sich, das dortige Leid, das das Ergebnis einer Naturkatastrophe ist, auf Versäumnisse im Vorfeld zu reduzieren.“

Katastrophenschutz hat in NEW Priorität

„Dem Thema Katastrophenschutz wird bei uns im Landkreis Neustadt/WN und in der Region eine sehr hohe Priorität eingeräumt“, teilt Claudia Prößl, Pressesprecherin des Landrats mit. „Das erkennt man unter anderem an der Einrichtung des modernen Katastrophenschutzzentrums in Neuhaus mit gemeinsamer Atemschutzübungsanlage mit Weiden und Tirschenreuth und die erfolgreichen Bemühungen um die Ansiedlung des Bayerischen Zentrums für besondere Einsatzlagen direkt daneben.“ Den Erfolg könne man an der Bewältigung der Corona-Krise seit dem Frühjahr 2020 ablesen: „Hier wurde mit allen beteiligten Organisationen hervorragend zusammengearbeitet, die gute Infrastruktur, Ausbildung und Netzwerke haben sich sehr bewährt.“

„Die Leistungsfähigkeit des Katastrophenschutzes hat sich gerade in Weiden und Neustadt in den letzten beiden Jahren während des Katastrophenfalls Corona gezeigt und bewährt“, stimmt Roswitha Ruidisch, Sprecherin der Stadt Weiden auf Anfrage zu. „Letztendlich werden sich Todesfälle, bei derart brutalen Geschehnissen nie vermeiden lassen, weil viele trotz wissender Lebensgefahr bis zuletzt ihr Hab und Gut versuchen werden zu sichern.“ Welchen Aufwand und Vorlauf großflächige Evakuierungsmaßnahmen nach sich ziehen, habe man im vergangenen Jahr um diese Zeit selbst erfahren.

THW: Sirenennetz noch ziemlich intakt

Ob bei vergleichbaren Niederschlagsmengen Bayern besser gerüstet gewesen wäre? Vergleichen lassen sich die beiden Extremwetterlagen vom Rheinland und Südostbayern kaum, findet Andreas Duschner, Sprecher des Technischen Hilfswerks Weiden (THW). „Es waren in Garmisch einfach wesentliche geringere Niederschlagsmengen.“ Dazu kommt: „Katastrophenschutz ist Ländersache, die Warnsysteme sind unterschiedlich.“

Die regionale Warnkette werde über die Integrierte Leitstelle ausgelöst und koordiniert. „Wir haben das Glück, dass bei uns das Sirenennetz noch ziemlich intakt ist“, sagt Duschner mit Blick auf die vielfache Stille beim bundesweiten Warntag. „Wir sollten allerdings darauf achten, langfristig ein satellitenangesteuertes, batteriegestütztes, netzunabhängiges Warnsystem zu bekommen, für den Fall, dass das Handynetz nicht zur Verfügung steht.“

Steigende Einsatzzahlen

Bei einem normalen Flusshochwasser könne man sich mit Flutwänden und Sandsäcken vorbereiten: „Diese Zeit hat man bei solchen Sturzfluten nicht“, erklärt der THW-Ortsbeauftragte, der in Weiden auch das zentrale Sandsacklager für den Landkreis verwaltet. „Da haben Menschenleben absolute Priorität, um Häuser und andere Sachen kann man sich danach kümmern.“ Wie schnell so ein Badewanneneffekt eintreten könne, habe man 2013 in Bechtsrieth gesehen: „Orte, die am Bach und Hang liegen, haben dann oft noch zusätzlich mit Schlamm, Matsch und Geröll zu kämpfen.“ Eine Warnung an alle Betroffenen: „Keller sind eine absolute Todesfalle, der Wasserdruck steigt so schnell, dass Türen und Fenster nicht mehr geöffnet werden können.“

Duschner beobachtet ein deutlich gesteigertes Einsatzgeschehen: „Starkregenereignisse lassen sich auch an gestiegenen Einsatzzahlen ablesen.“ Zurzeit fahre man zwischen 50 und 70 Einsätze pro Jahr, vor zehn Jahren seien es noch 20 bis 30 gewesen. „Das ist für uns eine personelle Herausforderung, wir suchen immer ehrenamtlichen Nachwuchs.“ Eine Grundausbildung beim THW garantiere, im Katastrophenfall zielgerichteter helfen zu können: „Die Gefahren an solchen Einsatzstellen sind nicht ohne“, warnt Duschner.

Ursachen: Jetstream schwächer

Ursächlich für die Katastrophe sei laut Meteorologe Neumaier eine Verkettung unglücklicher Umstände: „Die Eiffel ist sehr zerklüftet, Wolken schütten über den Hängen ihr Wasser aus, das schießt ins Tal, die Dörfer, die an dieser malerischen Schleife liegen, werden binnen kurzer Zeit überrollt“, erklärt er. Große Flüsse wie Rhein und Donau könnten größere Regenmengen aufnehmen, in kleineren Tälern gebe es weniger Überflutungsflächen.“ Auch die Begradigung, die Versiegelung von Flächen und der Klimawandel spielten eine Rolle: „Die Luft wird wärmer, nimmt mehr Wasserdampf auf, der Jetstream darüber, der früher Tiefdrucklagen schnell weggeweht hat, wird schwächer.“

Dadurch komme es immer häufiger zu Sturzfluten wie in Braunsbach (Baden-Württemberg) oder Simbach am Inn 2016: „Da kamen Rekordregenmengen seit der Wetteraufzeichnung runter“, erklärt Neumaier, „wenn das Jahrhunderthochwasser alle zehn Jahre kommt, wie Anfang der 2000er an der Elbe, und in immer kürzeren Abständen, wie jetzt, fünf Jahre nach Braunsbach, muss man kein Klimapaniker sein, um einen Zusammenhang zu sehen.“

Oberpfälzer Einsatzkräfte standen zur Katastrophenhilfe bereit

Weiden in der Oberpfalz
Info:

Land unter in Bayern

  • 1999 waren unter anderem Neustadt an der Donau und Eschenlohe (Foto) vom Pfingsthochwasser besonders betroffen.
  • Beim Pfingsthochwasser 1999 gab es an der Wertach, der Iller, der Ammer und der Donau zwischen Donauwörth und Regensburg ein hundertjährliches Hochwasser.
  • Beim Augusthochwasser 2002 hatte Regensburg aufgrund eines Hochwassers des Regens mit Überschwemmungen zu kämpfen.
  • 2002 kam es am Regen zu einem 100-jährlichen Hochwasser.
  • In Oberau an der Loisach standen 2005 ganze Ortsteile unter Wasser.
  • Rund 1,3 Milliarden Euro Schaden entstanden durch das Junihochwasser 2013. Besonders betroffen war der Stadtteil Fischerdorf in Deggendorf.
  • 2016 gab es ein Hochwasser in Simbach am Inn und im Landkreis Rottal-Inn.

 

 

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