28.08.2019 - 10:09 Uhr
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BING - Bis zum Kontrollverlust

Ein Bild von einer Baby-Katze hier, eine Sprachnachricht da. Bing, Facebook erinnert an eine Veranstaltung. Bing, ein Freund hat ein Bild bei Instagram hochgeladen. Ständig haben wir unsere Handys griffbereit. Sind wir süchtig?

Smartphone hier, Tablet da - ohne Technik funktioniert heute kaum noch etwas.
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Im Interview spricht Dr. med. Markus Wittmann, Ärztlicher Direktor am Bezirksklinikum Wöllershof, über die Folgen exzessiven Smartphone-Gebrauchs, den Druck, der von sozialen Medien ausgeht, und über das kleine Glück trotz großer Möglichkeiten.

ONETZ: IMMER MEHR MENSCHEN HABEN EIN SEHR INTENSIVES VERHÄLTNIS ZU IHREN SMARTPHONES. WO BEGINNT DIE ABHÄNGIGKEIT?

Markus Wittmann : Markus Wittmann: Der Übergang ist fließend. Abhängig ist jemand, den sein Handy mehr interessiert als die Realität. Prinzipiell ist das bei einer stoffgebundenen Sucht, beispielsweise wenn es um Alkohol oder Drogen geht, leichter zu bestimmen. Trotzdem sind die Anzeichen einer nicht-stoffgebundenen Sucht ähnlich: wenn die Gedanken daran zunehmend den Alltag bestimmen, man mit dem Handy immer mehr Zeit verbringt und vor allem mehr Zeit, als man eigentlich dafür eingeplant hatte. Eine solche Sucht geht immer mit einem Kontrollverlust einher: Zuverlässigkeit und Zielstrebigkeit lassen nach. Spätestens an diesem Punkt muss man gegensteuern. Bis zu einem gewissen Grad ist das sogar selbst möglich.

ONETZ: WAS EMPFEHLEN SIE ZUR „SELBST-THERAPIE“?

Markus Wittmann : Die neueste Smartphone-Software zum Beispiel kann einen Bericht über die Veränderung der Bildschirmzeit anzeigen. Zur Selbstkontrolle ist das gut nutzbar.

ONETZ: IN DEN SOZIALEN MEDIEN IST DAS LEBEN DER ANDEREN IMMER PERFEKT. DIE URLAUBE SPANNENDER, DIE FREUNDSCHAFTEN BES- SER. WIESO ÜBEN DIESE VERGLEICHE EINEN SOLCH GROSSEN DRUCK AUS?

Markus Wittmann : Viele Möglichkeiten zu haben, ist großes Glück. Glück bedeutet aber nicht automatisch Zufriedenheit. Wie ein Mensch die Informationen aus sozialen Medien einordnet, hängt vom Individuum selbst ab. Mit der eigenen Grundhaltung und Wertmaßstäben. Steht ein Kind im Supermarkt vor einem riesigen Schokoladen-Regal, mag das zunächst ein Glücksge- fühl auslösen. Gerade aber Kinder werden oft von zu vielen Möglichkeiten erschlagen. Das Internet vervielfältigt die- se Möglichkeiten jedoch nochmals

ONETZ: WIE SOLLEN KINDER LERNEN, GLÜCKLICH ZU SEIN – TROTZ JENER SCHIER UNENDLICHEN MÖGLICHKEITEN?

Markus Wittmann : In einem Artikel über eine Studie habe ich gelesen, dass sich die jüngste Generation von dieser Explosion an Auswahlmöglichkeiten im Internet möglicherweise nicht mehr so leicht beeindrucken lässt. Sie konzentrieren sich nur auf das, was sie brauchen, setzen den Fokus auf individuelle Schwerpunkte. Das wäre eine sehr zu begrüßende Entwicklung.

ONETZ: MEHR ALS JEDER ZWEITE ZEHNJÄHRIGE HAT HEUTE EIN SMARTPHONE. WIE SCHÄTZEN SIE DAS EIN?

Markus Wittmann : Junge Menschen laufen immer mehr Gefahr als ältere, süchtig zu werden, weil sie in ihren Lebenslinien noch nicht gefestigt sind. Geht es um den Umgang von Kindern mit dem Internet und den neuen Medien, sind sich die Experten heute nicht einig. Einerseits sei es wichtig, junge Menschen an die Medien heranzuführen und ihnen den richtigen Umgang damit zu lehren – zeitlich begrenzt und inhaltlich strukturiert. Andererseits könnte der übermäßige Gebrauch neuer Medien vor allem für junge Menschen schädlich sein. Die Forderung „fit werden“ steht also gegen das mahnende „bloß nicht zu früh“.

ONETZ: HÖCHSTE KONZENTRATION IN REICHWEITE DES HANDYS – IST DAS MÖGLICH?

Markus Wittmann : Multitasking funktioniert nur bis zu einem bestimmten Grad. Schaue ich alle zwei Minuten auf das Handy-Display? Bingt es bei jeder noch so kleinen Benachrichtigung? Das schränkt meine Leistungsfähigkeit enorm ein. Nimmt die Bildschirmzeit viel Raum ein, bedeutet das eine hohe Rechenleistung für das Gehirn. Im Mittelalter hatten die Menschen rund 100-mal weniger Reize zu verarbeiten als heutzutage. Und irgendwann wird es dem Gehirn einfach zu viel.

ONETZ: WELCHE GEFAHREN FÜR UN- SERE PSYCHISCHE GESUND- HEIT LAUERN DARÜBER HIN- AUS IM INTERNET?

Markus Wittmann : Im Prinzip ist das Internet wie eine ganz eigene Welt. Es bedient verschiedene Süchte, auch Kauf- und Spielsucht haben sich dorthin verlagert. Jedoch gibt es auch die Sucht am Medium selbst. Das Internet ist so reichhaltig, es bietet so viele Möglichkeiten zur Alltagsflucht und Ablenkung, dass der Begriff „Online-Sucht“ schon fast zu allgemein ist. Gefährlich ist, dass Menschen mit depressiven Zügen leichter anfällig sind für eine solche Fixierung auf die Online-Welt – aber auch andersherum. Aus einer Abhängigkeit gleitet man schneller in eine Depression.

ONETZ: WAS KÖNNEN ELTERN TUN, DAMIT IHRE KINDER NICHT DEN HALT VERLIEREN?

Markus Wittmann : Ich denke, hier ist es wichtig, Grenzen zu ziehen und Regeln aufzustellen. Stabilität ist wichtig, damit Kinder eine Fähigkeit zur Resilienz entwickeln. Das kann auch dabei helfen, keiner Sucht zu verfallen. Erziehung ohne Struktur führt zu größerer Instabilität und damit zu höheren Suizid-Raten, das hat eine Studie herausgefunden.

ONETZ: AN WEN KANN ICH MICH WENDEN, WENN ICH ANZEI- CHEN EINER SUCHT BEI MIR ERKENNE?

Markus Wittmann : Im Akutfall und bei psychischen Beschwerden am besten an ein n niedergelassenen Arzt, auch der Hausarzt ist eine kompetente Erstanlaufstelle. Natürlich können sich Betroffene mit ausgeprägten Beschwerden auch direkt an das Bezirksklinikum für eine Akut-Therapie wenden. In der Region gibt es etliche Anlaufstellen zur Suchtberatung und auch den ambulanten sozialpsychiatrischen Dienst. Es ist sinnvoll, die Beschwerden und Anzeichen individuell zu diagnostizieren. Selbsthilfegruppen gehören, wenn es um Suchterkrankungen geht, zu den stärksten ambulanten Therapiemethoden.

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