23.02.2021 - 10:38 Uhr
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Deshalb blieb im Frühjahr 2020 in der Nordoberpfalz die Katastrophe aus

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Das Gesundheitssystem der Nordoberpfalz stand während der ersten Coronawelle vor dem Kollaps. Wie nahe, zeigt ein Artikel der Fachzeitschrift „Der Anaesthesist“. Geschrieben haben ihn Mediziner, die von Anfang an an vorderster Front stehen.

Ende März 2020 wusste niemand, ob die Krankenhäuser der Nordoberpfalz mit der Pandemie fertig werden würden. Innenminister Herrmann kam damals zum Krisenbesuch nach Weiden.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Ein Ministerium, das ungeeignete Beatmungsgeräte beschafft und Krankenhäuser, die Betten lieber frei lassen, als anderen Häusern Covid-Patienten abzunehmen. Ein Beitrag im Fachmagazin "Der Anaesthesist" liefert einen ungeschönten Blick auf die erste Phase der Corona-Pandemie in der Oberpfalz. Das Fazit der Veröffentlichung fällt aber sehr positiv aus: Gerade im Norden der Oberpfalz habe die gute Zusammenarbeit in und zwischen den Krankenhäusern "eine Katastrophe wie in Italien oder Spanien verhindert", fasst Dr. Jürgen Altmeppen seine Erfahrungen und den Artikel zusammen.

Der Anästhesie-Chefarzt der Kliniken Nordoberpfalz zählt zu den Autoren des Beitrags. Verfasst hat er ihn mit Dr. Michael Dittmar und Dr. Markus Zimmermann von der Uniklinik Regensburg sowie Dr. Marc Bigalke vom Amberger Klinikum und Dr. Florian Niedermirtl vom Rettungszweckverband Amberg. Gemeinsam steuerten die Mediziner als "Ärztliche Leiter Führungsgruppe Katastrophenschutz" die Patientenströme während der ersten Pandemiewelle. Mit etwas Abstand schildern sie ihre Erfahrungen aus dieser Zeit, als die Gefahr durch das Virus noch nicht absehbar und die Nordoberpfalz bereits Hotspot war. Ob die Krankenhausstrukturen der Region der Situation gewachsen sind, war damals offen. Der guten Zusammenarbeit "der Kliniken und des Katastrophenschutzes in der gesamten Oberpfalz" sei es zu verdanken, sagt Altmeppen. "Das hat uns Autoren erst zu der Publikation bewogen." Allerdings gehöre zu einer solchen Betrachtung eben auch "die Benennung kritischer Sachverhalte".

Kritisch sei etwa die Materialversorgung gewesen. Neben der Schutzausrüstung waren vorübergehend Beruhigungs- und Herzkreislaufmedikamente knapp. Zusätzlich vom Ministerium beschaffte Beatmungsgeräte erwiesen sich als unbrauchbar: Es habe sich um Heimbeatmungsgeräte gehandelt, die "nur bedingt oder gar nicht für den Einsatz in der Intensivmedizin geeignet" waren, heißt es in dem Fachbeitrag. "Im Nachgang lässt sich das natürlich leichter beurteilen", sagt Jürgen Altmeppen heute. Damals liefen die erschütternden Bilder aus Bergamo über die Bildschirme. "Es ist möglich, dass in Einzelfällen Mitarbeiter im Gesundheitsministerium seitens der Industrie falsch beraten wurden." Insgesamt sei auch die Leistung in Behörden und Ministerien bemerkenswert gewesen. "Ich kann mich an viele Anrufe aus dem Ministerium weit nach 21 Uhr auch am Wochenende erinnern." Auch bei der Medikamentenzuteilung sei ein Anstoß aus der Oberpfalz schnell umgesetzt worden, so dass sich Engpässe aufgelöst haben.

Angepasst wurden auch Ausgleichszahlungen für Krankenhäuser. Anfangs gab es Geld, wenn Betten als Covid-Reserve frei blieben – ein Anreiz, Betten tatsächlich leer zu lassen, statt kostenintensive Covid-Patienten anderer Häuser zu übernehmen. Jürgen Altmeppens Aufgabe war und ist es, Patienten abzuverlegen, um in Weiden und Tirschenreuth mit dem ständigen Zustrom neuer Covid-Patienten fertig zu werden. Die "falschen" Anreize erschwerten diese Aufgabe. Inzwischen werden die Belastungen durch Covid anders ausgeglichen, was die Patientenverlegung vereinfacht. "Heute können wir es uns leisten, neben den Covid-Patienten und Notfällen in begrenztem Umfang auch andere Patienten zu versorgen", erklärt Altmeppen. Mit Blick aufs Frühjahr 2020 ist dem Anästhesisten zudem eines wichtig: "Auf keinen Fall gab es für Patienten gesundheitliche Nachteile." Vor allem Patienten aus der Nordoberpfalz wurden immer wieder in anderen Häuser der Region aufgenommen. "Dadurch ist es letztlich gelungen, alle Patienten in der Region ohne Zeitverzug bestmöglich zu versorgen."

Inzwischen ist die Nordoberpfalz erneut Hotspot. Die Situation in den Kliniken ist angespannt und doch anders als in der frühen Pandemiephase, erklärt Altmeppen. Aus den Erfahrungen des vergangenen Frühjahrs sind aus Jürgen Altmeppens Sicht die richtigen Schlüsse gezogen worden. "Wir sind in Sachen Pandemie ein lernendes System."

Sind während der ersten Corona-Welle mehr Menschen als in anderen Jahren gestorben?

Tirschenreuth
Chefarzt Dr. Jürgen Altmeppen Klinikum Weiden
Hintergrund:

Regensburg hilft Italien

Noch einmal zeigt der Fachartikel, wie heftig besonders der Kreis Tirschenreuth aber auch Neustadt/WN und die Stadt Weiden zu Beginn der Pandemie betroffen waren. So gab es im Verhältnis zu den Einwohner in Tirschenreuth sieben Mal mehr Fälle als etwa in der Stadt Amberg. Während die Intensivstationen in der Nordoberpfalz nicht kollabierten, weil Patienten in andere Häuser verlegt werden konnten, blieben im Bereich Amberg, Schwandorf oder Regensburg Kapazitäten frei." Neben der Deckung des Oberpfälzer Bedarfs konnten insbesondere am Universitätsklinikum Regensburg auch einzelne Patientinnen und Patienten aus anderen Regierungsbezirken mit dem Schwerpunkt Oberbayern sowie aus Italien.

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