22.10.2021 - 12:17 Uhr
OberpfalzOberpfalz

Zum Drücken: Die Sage von der Drud

Um die Drud ranken sich viele Mythen in der Oberpfalz. Der Druckgeist kommt bei Nacht und quält seine Opfer. Noch vor nicht allzu langer Zeit gehörten die Erzählungen über die Drud zum alltäglichen Aberglauben.

In der aktuellen Folge von "Es war einmal… in der Oberpfalz" sprechen Lucia Brunner und Wolfi Ruppert über das Wesen der Drud.
von Redaktion ONETZProfil

Von Lucia Brunner und Wolfgang Ruppert

Seit Jahrhunderten fürchten sich Menschen in der Oberpfalz vor einer Gestalt, die nachts in ihr Bett kriecht, sich auf ihre Brust setzt und ihnen ins Gesicht starrt, während sie ihnen die Luft abdrückt. Was klingt wie aus einem Horror-Film, ist nichts anderes als eine urtypische Oberpfälzer Sage. Es geht um die geheimnisvolle Drud. Der Oberpfälzer Märchensammler Franz-Xaver von Schönwerth hat die Geschichten über den unheimlichen Druckgeist in seinem Buch zu den Sitten und Sagen aus der Oberpfalz gesammelt.

Mehr über die Drud erfahren Sie im Oberpfalz-Medien-Podcast "Es war einmal... in der Oberpfalz"

alternativer_text

alternativer_text

alternativer_text

alternativer_text

Der Druckgeist auf der Brust

Doch was ist die Drud eigentlich? Leander Petzold ist emeritierter Professor für Europäische Ethnologie an der Uni Innsbruck. Er hat das "Kleine Lexikon der Dämonen und Elementargeister" herausgebracht. Darin heißt es, dass die Drud "ein Druckgeist" ist, "der nachts über den Schläfer kommt und auf seiner Brust liegt/sitzt, so dass er in Atemnot gerät und sich ängstigt, einen 'Alptraum' erleidet."

Petzold erklärt außerdem, dass die Drud kein typisches Oberpfälzer Phänomen ist. In Österreich etwa wird sie als "Alp" bezeichnet. Im norddeutschen Raum sprechen die Menschen von der "Mahrt". Die Schwaben bezeichnen sie als "Schrättele". Und nebenbei: Die männliche Form der Drud nannte man in der Oberpfalz übrigens Druderer. In der Oberpfalz standen aber meist Frauen unter dem Verdacht, eine Drud zu sein. Der mysteriösen Gestalt gaben die einfachen Menschen damals die Schuld an Ereignissen, die sie sich nur übernatürlich erklären konnten. So sahen sie in Alpträumen und Schlafparalysen keine biologisch oder psychologisch begründbaren Phänomene, sondern die Drud am Werk.

Drud wider Willen

In der Oberpfalz war laut Schönwerth der Glaube an die Drud so verbreitet, "dass es keinen Ort (gab), in welchem nicht ein Weib in dem Rufe stand, eine Drud zu seyn." Laut dem Märchensammler wurde der Begriff häufig auch häufig mit dem der Hexe vermischt. Der Unterschied: Ein Mensch wird dem Volksglauben nach willentlich zur Hexe, da er einen Pakt mit dem Teufel schließt. Eine Drud wiederum kann sich nicht bewusst für ihr verfluchtes Schicksal entscheiden.

Sagen zufolge sind etwa Unfälle die Ursache. Ist etwa bei der Taufe etwas schief gelaufen, wurde von dem Pfarrer ein Wort falsch ausgesprochen oder ausgelassen, glaubten Menschen, das Kind könne zur Drud werden. Wer eine Drud direkt auf ihr Druden-Dasein ansprach, der sorgte dafür, dass der Fluch auf ihn selbst übergeht. Dazu präsentiert Schönwerth eine Geschichte aus Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg. Darin geht es um eine Magd, die eigentlich eine Drud war. Ein Knecht, der heimlich in sie verliebt war, beobachtete sie eines Abends und entlarvte ihr Geheimnis. Als er sie darauf ansprach, fiel der Fluch auf ihn. Die junge Frau war erlöst.

Viele Oberpfälzer glaubten zudem, dass die Drud Tiere heimsucht. So waren sich zum Beispiel Landwirte sicher, dass die Kreatur nachts ihr Unwesen getrieben hatte, wenn die Pferde morgens kaltschweißig mit geflochtenen Mähnen im Stall standen. Die Menschen erzählten sich, dass Druden von ihrem Fluch erlöst werden könnten, wenn man ihnen erlaubt, ein schwarzes Tier zu erdrücken. In einer weiteren Überlieferung Schönwerths wollte eine Frau dem Druckgeist eine Katze zur Verfügung stellen, um die Drud zu erlösen. Der Plan ging schief, denn die Katze wehrte sich nach Leibeskräften. Am nächsten Tag konnte die Frau ihre Nachbarin als Drud entlarven, weil diese eine verräterisch blutig-zerkratzte Brust hatte.

Tipps zum Schutz vor der Drud

Schönwerth hat auch allerlei skurrile Tipps und Tricks gesammelt, wie sich die Menschen vor der Drud schützten sollten. Dabei steht fest: Einfach die Türe verriegeln, konnte die Drud nicht aufhalten. Druden sollen Gestaltwandler sein. Sie können sich unter anderem in Strohhalme, Federkiele, Besenreiser, Erbsen, Kröten oder Katzen verwandeln und kommen praktisch überall rein, wenn sie wollen. Was aber angeblich helfen hätte sollen, waren das sogenannte Drudenmesser oder der Drudenfuß. Einen Tipp, den Schönwerth gibt, ist es, ein Messer in eine Tür mit der Schneide nach oben zu rammen. Weiterhin rät er, ein Messer oder einen anderen scharfen Gegenstand mit ins Bett zu nehmen und diesen unter dem Kopfkissen zu platzieren.

Etwas schauriger, wenn auch weniger lebensgefährlich, ist das Drudenkreuz. Auch damit wollten die Oberpfälzer die Drud von sich abhalten. Im Grunde handelt es sich hier um ein Pentagramm, das nach Leander Petzold aus fünf geraden Linien gebildet wird, von denen jede sich das Zeichen in einem Zug ziehen lässt. Man glaubte, dass die Drud nicht mehr das Haus betreten konnte, wenn das Zeichen über der Türschwelle hing.

Diskriminierende Züge des Glaubens

Zudem wurde geglaubt, dass die Drud an äußeren Merkmalen zu erkennen sei. Waren die Augenbrauen einer Frau zum Beispiel zusammengewachsen, sagte man sich, dass sie eine Drud sei. Das galt ebenso für körperliche Behinderungen. Hatte eine Frau eine Augenfehlstellung, war die Sache klar: Drud. Schon im Mittelalter war der Aberglaube verbreitetet, dämonische Wesen würden Wöchnerinnen Wechselbälger in die Wiege legen. Unter einem Wechselbalg verstanden die Menschen ein Wesen, das den Frauen von Dämonen, wie etwa der Drud, im Austausch gegen ihr eigenes Kind mit der Absicht untergeschoben wurde, die Menschen zu belästigen und ihnen zu schaden.

Eine Erzählung, die sich auf das Unwissen der Bevölkerung zurückführen lässt. Denn Wechselbälger zeichneten sich durch Hässlichkeit, Unförmigkeit, Unersättlichkeit und dem Zurückbleiben in der Entwicklung aus. Damit waren also oft Kinder gemeint, die nicht den Normen der damaligen Gesellschaft entsprachen, krank oder mit Behinderungen auf die Welt gekommen waren. Da man dachte, sie seien das Werk von Dämonen oder des Teufels, wurden die Kinder häufig getötet. Die Oberpfälzer trauten auch der Drud zu, Kinder zu stehlen. Man glaubte sogar, dass die Drud hin und wieder Kinder tötet, wenn die Eltern nicht gewisse, teils okkulte Vorkehrungen getroffen hatten.

Klingt verrückt, ist aber so: Die Oberpfalz ist voll von Geschichten über Meerjungfrauen

Oberpfalz
Info:

Das kann man gegen die Drud tun

  • Drudenkreuz, also Pentagramm in die Türschwelle hängen oder zeichnen.
  • Der Drud erlauben, ein schwarzes Haustier zu erdrücken. Dann nämlich ist die Betroffene vom Fluch erlöst.
  • scharfe Gegenstände mit ins Bett nehmen.
  • Messer in die Tür rammen.
  • Während die Drud einen heimsucht, ein Messer in ein Eichenholznachtkästchen schlagen.
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.