07.06.2021 - 11:35 Uhr
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Endlich Theresia: Angekommen im "neuen" Ich

Theresia ist angekommen in ihrem "neuen" Ich. Dass hinter der hübschen jungen Frau Jahre voll Depression und eine kräftezehrende Suche nach sich selbst liegen, ist ihr nicht anzusehen – auch nicht, dass die 23-Jährige transgender ist.

Nach Jahren voll Depression und der kräftezehrenden Suche nach sich selbst fühlt sich Theresia endlich angekommen.
von Julia Hammer Kontakt Profil

Theresia blickt zu den vorbeieilenden Menschen. Sie sitzt in einem Café, vor ihr steht ein großer Latte Macchiato. Es ist sonnig an diesem Frühlingsmorgen. Zwei junge Mädchen gehen an ihrem Tisch vorbei, reden aufgeregt, lachen dann lautstark. Hinter ihnen schlendert ein Ehepaar händchenhaltend. „Sie wirken glücklich.“ Die junge Frau streicht sich eine Strähne ihres langen braunen Haares aus dem Gesicht, sagt dann: „Vollkommen glücklich bin ich nicht, nein. Ich denke, dass das nicht geht nach all dem, was passiert ist. Ich kann die Zeit, die Gedanken, all den Hass, nicht vergessen. Aber ich bin viel glücklicher als vor ein paar Jahren.“

Theresia nippt an ihrem Kaffee, blickt wieder zu den vorbeiziehenden Passanten. Die junge hübsche Frau mit der leichten schwarzen Bluse, den langen Nägeln und dem knallroten Lippenstift fällt nicht auf. Keine fragenden Blicke, keine „Provokationen oder Anfeindungen“. Die 23-Jährige steht mitten im Leben. Sie studiert Volkswirtschaftslehre, genießt ihre „nie langweilige 7er-WG“ und die „aufregenden Begegnungen“, die sie dank ihrer politischen Arbeit bei den Jusos erlebt. „Ich bin immer unterwegs, treffe mich gerne mit Freunden. Ich brauche Trubel. Ruhe ist nichts für mich. Deshalb liebe ich es, oft durch meine Parteiarbeit eingebunden zu sein. Abgesehen von der Zeit während der Corona-Krise reise ich durch ganz Deutschland, wenn ich nicht gerade in Vorlesungen sitze oder am Lehrstuhl für Mikroökonomik arbeite.“ Es ist ein ausgefülltes Leben. Befreit. Ein Leben, das „sich nicht mit dem vor ein paar Jahren“ vergleichen lässt.

"Ich hasse diesen Menschen"

Hinter ihr liegen Jahre voll innerlicher Zerrissenheit, Depressionen, der „kräftezehrenden Suche“ nach sich selbst. Nicht als Theresia, sondern als Junge. Ihren „alten“ Namen spricht sie nicht aus. „Das ist kein Teil mehr von mir. Ich mag ihn nicht. Ich mochte ihn nie. Schon in der Schule, als ich noch ein ,normaler Junge‘ war, habe ich mich von meinen Mitschülern mit meinem Nachnamen anreden lassen.“ Theresia wird als Junge geboren, als Junge erzogen. „Ich habe früh gemerkt, dass etwas mit mir nicht stimmt. Alles hat mit Wünschen und merkwürdigen Gefühlen angefangen, die ich als Kind nicht einordnen konnte. Ich war neun oder zehn Jahre alt. Ich entwickelte Sehnsüchte, hatte das Bedürfnis, in Mädchenkleidung in die Schule zu gehen.Mein Körper hat sich nicht richtig angefühlt. Das alles hat mich verwirrt, mir Angst gemacht.“ Sie unterdrückt ihre Gefühle, „das war einfach nicht richtig“. Vor allem steht sie vor dem Problem: „Was ist das, was in mir vorgeht? Transsexualität, das kannte ich als Kind nicht.“

Als Theresia älter wird, „verguckt“ sie sich in einen Jungen. „Das hat mich total aus der Bahn geworfen. Plötzlich war da ein neues Problem, das ich nicht einordnen konnte.“ Je stärker ihr innerer Druck und der Wunsch werden, jemand anders zu sein, desto mehr verfällt sie in „Rollenklischees“, um den „Schein aufrecht zu erhalten“. „Ich habe mich in der Schule, bei meinen Freunden und meiner Familie besonders männlich verhalten. Ich hatte Angst, dass jemand etwas merkt.“ Gleichzeitig wird der Blick in den Spiegel für sie zur Qual. „Ich konnte es nicht ertragen, mich zu sehen. Ich habe diesen Menschen gehasst. Ich hasse diesen Menschen von damals auch heute noch.“

Ihre inneren Kämpfe stürzen sie schließlich in „schwere Depressionen“. „Am schlimmsten war es, als ich zwischen 18 und 20 Jahre alt war. Ich habe schon studiert und bin dafür in eine andere Stadt gezogen. Ich konnte mein Bett teilweise wochenlang nicht verlassen. Es war unerträglich.“ Ihre Familie merkt davon nichts. „Ich war weit weg und habe das mit mir selbst ausgemacht.“ Während der Gedanke immer klarer wird, „dass ich mich als Frau fühle“, lernt sie politisch engagierte junge Menschen kennen. Ihr „großes Glück“. „Das waren offene und tolerante Menschen. Sie haben mir Kraft gegeben, um zu mir selbst zu stehen.“ Theresia sucht Hilfe bei einem Psychologen. Ein Rückschlag für die junge Frau. „Er hat mir eine Konversionstherapie empfohlen. Eine Therapie, die zur Abnahme homosexueller Neigungen führen soll. Ich weiß nicht, ob es Unwissenheit oder Ignoranz war. Für mich war es schlimm. Ich habe mir einen anderen Therapeuten gesucht. Er hat mir geholfen, mit meinen Gefühlen zurechtzukommen und klar zu erkennen, wer ich wirklich bin. Das hat mir Mut gemacht für den nächsten wichtigen Schritt.“

Erster Befreiungsschlag

Sie beschließt: „Ich muss mich outen. Ich will endlich zu mir selbst stehen.“ Im April 2018 öffnet sie sich ihrem engsten Freundeskreis. „Ich wollte es erst Menschen sagen, von denen ich mir sicher war, dass sie nicht schlecht reagieren. Und sie haben genauso reagiert, wie ich es erhofft hatte – voll Verständnis. Ich glaube, einige von ihnen hatten es schon geahnt.“ Das „schwerere Gespräch“ ist einige Tage später. „Ich war voll Adrenalin, als ich zu meiner Mama gefahren bin.“ Immer wieder spielt sie das Gespräch in ihren Gedanken durch. „Ich habe extra eine ,Es ist ein Mädchen‘-Karte besorgt, die ich ihr gegeben habe.“

An das Gespräch kann sie sich heute nicht mehr erinnern. „Für mich war es eine emotionale Ausnahmesituation.“ An das Ergebnis aber umso mehr. „Meine Mutter war toll. Sie hat mir klar gemacht, dass sie mich bei allem unterstützt. Das macht sie bis heute.“ Auch Theresias Vater steht hinter seiner Tochter. „Beide haben zwar etwas gebraucht, um sich an den neuen Namen zu gewöhnen. Meinem Bruder ging es auch so. Aber heute ist es für sie ganz normal.“ Die junge Frau spricht von „großem Glück“, wenn sie an ihre Familie, ihre Freunde denkt. „Es ist nicht selbstverständlich, dass das engste Umfeld so reagiert. Ich kenne queere und transsexuelle Betroffene, die nicht mehr zu Familienfeiern eingeladen oder komplett ausgeschlossen werden. Unvorstellbar schlimm.“

Langer bürokratischer Prozess

Der damals noch körperlich junge Mann legt seinen Namen ab und nennt sich Theresia. „Resi – wie meine Patentante. So wollte ich schon immer heißen.“ Um diese Entscheidung auch offiziell zu machen, will sie die Angaben in ihrem Personalausweis ändern lassen. „Schwieriger, als ich es erwartet hatte.“ Die Bedingungen für eine derartige Personenstandsänderung sind im Transsexuellengesetz geregelt und umfangreich: Die betroffene Person muss einen Antrag beim entsprechenden Amtsgericht stellen – in Theresias Fall das Gericht Nürnberg. Diesem muss sie zwei unabhängige psychologische Gutachten vorlegen und nachweisen, dass sie ihre Transsexualität drei Jahre gelebt und eineinhalb Jahre Psychotherapie hinter sich hat.

Neun Monate dauert dieser „kostspielige Prozess“. „Die Gutachten sind krass. Ich musste einen Intelligenz- und einen Persönlichkeitstest machen. Der hat ergeben, dass ich für einen Mann überdurchschnittlich weiblich bin. Keine überraschung für mich.“ Sie erzählt von Erfahrungen anderer Betroffener, die sie sprachlos machen. „Es gibt Gutachter, die sich einen ausziehen lassen. Beurteilen, ob man weiblich geht – was auch immer das bedeuten soll. Das ist demütigend.“ Auch dieser Prozess gleicht für Theresia einem „Kampf“. „Es hat sich angefühlt, als müsste ich mir erstreiten, ich selbst sein zu können. Am Ende musste ich dem Amtsrichter meine Geschichte noch einmal erzählen. Das war gefühlt das 1000te Mal, dass ich sie erzählen musste. Für Menschen, die unter Depressionen leiden – und das tun viele Transsexuelle – ist das extrem kräftezehrend.“ Als der Amtsrichter der Personenstandsänderung zustimmt, geht der „bürokratische Wahnsinn“ für die Studentin weiter. Änderung der Abiturzeugnisse, der Krankenkassenkarte, des Führerscheins. „Eine ewig lange Liste. Aber ich wusste immer, wofür ich das alles mache.“

Im Wandel

Während des Prozesses befindet sich Theresia bereits mitten in der Hormonersatztherapie, um auch ihren Körper ihrem weiblichen Empfinden anzupassen. Die Therapie besteht aus Testosteronblockern und körpereigenen Östrogenen. Die Östrogene werden durch ein Gel über die Haut aufgenommen – „ein Leben lang“. „Ich habe die Therapie von Anfang an gut vertragen. Absolut problemlos.“ Keine Selbstverständlichkeit, wie Theresia weiß. „Einige Betroffene müssen lange auf die Hormonersatztherapie warten. Wird der innere Druck zu groß, wollen sie selbst etwas machen und nehmen die Antibabypille, um dem Körper Östrogene zuzuführen. Das ist schlimm, denn sie kämpfen oft mit starken Nebenwirkungen.“

Lange muss die heute 23-Jährige auf die Wirkung der Therapie nicht warten – sowohl psychisch als auch physisch. „Ein befreiendes Gefühl. Ich hatte endlich etwas erreicht. Und ich wusste, dass ich mich zu dem Menschen entwickle, der ich sein will.“

Nach ein paar Monaten verändert sich auch Theresias Stimme – „nicht durch die Hormone, sondern durch langes Training“, erinnert sie sich. Ihre Brust bildet sich, ihre Gesichtszüge werden weicher. „Ich kann das Gefühl kaum beschreiben. Ich habe angefangen, mich gerne zu zeigen, mich selbst gerne im Spiegel angesehen. Meine neue Körperwahrnehmung war unglaublich schön.“ Das erste Mal in ihrem Leben findet sie sich schön. Weiblich. In sich angekommen. Das erste Mal geht sie gerne Shoppen, als „junge Frau“ unter Menschen. Ein neues Leben – und Zeit für einen Ortswechsel. Für ihren Master zieht sie in eine andere Stadt. „Ich wollte mein altes Ich hinter mir lassen. Ich wollte, dass mich die Menschen so kennenlernen, wie ich jetzt bin – wie ich wirklich bin. Natürlich ist es meinen Kommilitonen aufgefallen, dass sich meine Stimme noch anders anhört. Aber sie gehen toll damit um – genauso wie meine Familie und meine anderen Freunde.“

Hass und Angriffe

Doch nicht allen gefällt Theresias Wandel. Ihr Lächeln verschwindet, als sie von all dem Hass und den Anfeindungen erzählt. „Vor ein paar Monaten habe ich noch nicht so ausgesehen wie heute. Man hat gemerkt, in welchem Prozess ich mich befinde. Meine Stimme war noch tiefer – es war offensichtlich.“ Mit dem Unverständnis und der Neugier anderer umzugehen, „das ist ja in Ordnung. Wenn mich jemand offen anspricht, erkläre ich gerne, solange die Fragen nicht zu indiskret sind – beispielsweise, wie es mit meinen Geschlechtsorganen aussieht. Viele reagieren verständnisvoll, fast vorsichtig. Sie wollen nichts Falsches sagen.“

In den vergangenen zwei Jahren ist die junge Frau aber auch immer wieder Beleidigungen, homophoben Witzen und Angriffen ausgesetzt. „Ich erinnere mich noch gut an eine Situation. Ich war mit Freunden unterwegs, als ein junger Mann auf mich zukam und mich beschimpfte. Ich kannte ihn nicht, er ist einfach auf mich losgegangen. Es eskalierte so sehr, dass er mir Prügel angedroht hat. Das ist heute noch schlimm für mich.“ Auch im Internet ist sie mit „bösartigen Anfeindungen“ konfrontiert. „Für mich ist das nach wie vor sehr belastend. Deshalb bleibe ich lieber anonym. Ich stehe zu meiner Geschichte und meinen Entscheidungen, doch es gibt so viel Hass. Ich habe eine klare politische Haltung. Das in Kombination mit meiner Transsexualität eckt an. Ich habe erlebt, wie Menschen gezielt nach alten Bildern von mir, als ich noch ein Junge war, gesucht und diese im Internet veröffentlicht haben. Für mich war das ein Schock. Es hat mein Innerstes einer so breiten Masse bloßgestellt.“ Das Auffallende: Die meisten, die nicht mit meiner Lebensart zurechtkommen, sind zwischen 20 und 30. Ältere Menschen haben mich deshalb noch nie beleidigt.“

Theresia lässt sich nicht in die „Opferrolle“ drängen und veröffentlicht ein Video, in dem sie offen über all den Hass, all die bösen Kommentare spricht. Der Zuspruch ist groß – „und für mich wahnsinnig aufbauend“. „Manche Menschen haben ein festgefahrenes Weltbild. Weicht man von dieser Norm ab, dann haben sie das Bedürfnis, das zu sanktionieren. Das wird man wohl nie ändern. Aber man kann ein Zeichen setzen. Aufklären, Verständnis schaffen, Vorurteile abbauen. Das versuche ich – politisch und in meinem sozialen Umfeld.“

Offene Gesellschaft

Zweifel daran, ob die Entscheidungen für eine Hormonersatztherapie und die Personenstandsänderung richtig waren, „hatte ich zu keiner Sekunde“, sagt die junge Frau. „Es war richtig. Ich fühle mich weit mehr angekommen als jemals zuvor.“ Sie lächelt und streicht sich eine lange braune Strähne aus dem Gesicht. „Jetzt bin ich ich selbst.“ Einen großen Wunsch hat sie dennoch: „Ich hoffe, dass die Gesellschaft offener wird, uns mit weniger Vorurteilen entgegentritt. Genauso wie ich kämpfen viele Betroffene mit Depressionen. Verständnis – das würde sehr helfen. Ich wünsche mir, dass Menschen, egal ob queer, transsexuell oder auch homosexuell mit jeder neuen Generation weniger Angst davor haben müssen, sich zu outen.“

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Transsexualität:

Identität im "falschen" Körper

Als transsexuell oder auch „Trans-Menschen“ oder „Transgender“ bezeichnet man Personen, die sich nicht – oder nicht ausschließlich – mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei ihrer Geburt zugewiesen wurde. Das bedeutet, ihr „Identitätsgeschlecht“ stimmt nicht mit den biologischen Geschlechtsmerkmalen überein. Die Bezeichnung „Transgender“ schließt inzwischen auch Menschen ein, die sich weder männlich noch weiblich identifizieren und das Merkmal „divers“ tragen. Der rechtlich korrekte Begriff für Transgeschlechtlichkeit ist in Deutschland „Transsexualität“. Unter Betroffenen ist er umstritten. Einige kritisieren, dass die Endung „-sexualität“ den körperlichen Aspekt im Gegensatz zum sozialen („gender“) hervorheben würde. Die Kritik: Transsexualität klinge, als hätte es vorrangig etwas mit der sexuellen Orientierung zu tun – was nicht der Fall ist. Häufig unterziehen sich Betroffene Hormonersatztherapien oder auch Operationen, um sich ihrem „Identitätsgeschlecht“ auch körperlich anzupassen.

Transsexuellengesetz:

Rechtliche Grundlagen und Reformen

Mit Wirkung zum 1. Januar 1981 verabschiedete der Bundestag das deutsche Transsexuellengesetz (TSG) unter dem Titel „Gesetz über die Änderung der Vornamen und die Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen”. Das Gesetz soll Menschen die Möglichkeit geben, sich rechtlich ihrer empfundenen Geschlechts- identität anzupassen – entweder durch die Anpassung des Vornamens oder die Änderung des Geschlechtseintrages im Geburtenregister, die sogenannte „Änderung der personenstandsrechtlichen Geschlechtszuordnung”. Das Gesetz wird immer wieder als diskriminierend kritisiert. Aufgrund dessen änderte das Bundesverfassungsgericht im Laufe der Jahre bestimmte Paragrafen – etwa den Absatz, der „unfreiwillige Unfruchtbarkeit” als Voraussetzung für eine Änderung des Personenstands festlegte. Die Richter werteten das als Verstoß gegen die Verfassung. Seit Mai 2017 lag ein Gesetzentwurf der Grünen-Fraktion im Bundestag vor. Er sah vor, das Transsexuellengesetz durch ein Selbstbestimmungsgesetz zu ersetzen. Die große Koalition lehnte den Antrag im Mai 2021 ab.

Auch in anderen europäischen Ländern gibt es die Möglichkeit zur rechtlichen Anerkennung Transsexueller. Frankreich setzt dafür eine geschlechtsangleichende Operation voraus, Italien, Belgien, Polen, Schweden und die Niederlande fordern von den Betroffenen eine Angleichung durch eine Hormontherapie. Österreich, Spanien und Großbritannien verlangen keines von beidem.

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