24.06.2021 - 11:39 Uhr
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Female Choice - Sie sucht aus

Meike Stoverock polarisiert. In ihrem Buch "Female Choice - Vom Anfang und Ende der männlichen Zivilisation" spricht sie über die Unterdrückung der Frau, unsere Sexualität und Beziehungen der Zukunft. Erkenntnis oder Racheakt?

Sie sind das Paradebeispiel für Female Choice: Paradiesvögel.
von Laura Schertl Kontakt Profil

Das Paradiesvogel-Männchen im Regenwald von Neuguinea hat alle Flügel voll zu tun. Auf dem Boden liegende Blätter müssen schleunigst von seiner Bühne entfernt werden – denn bald werden die Bewohner des Waldes Zeugen einer außergewöhnlichen Performance. Ein letzter Schliff, bevor der Vorhang sich öffnet: Das Männchen poliert den schönsten Ast mit einem Stück Schlangenhaut – einzig und allein für einen ganz besonderes kritischen Gast aus dem Publikum: Das Paradiesvogel-Weibchen. Ein wenig Zeit bleibt noch, um den Auftritt ein letztes Mal zu üben. Flügel aufspannen, das prächtige Gefieder zeigen, ein paar Schritte hierhin, ein paar Schritte dorthin – der Tanz ist perfekt. Die erste Zuschauerin zeigt sich interessiert. Das ist seine Chance – jetzt oder nie!

Auch wenn bei weitem nicht jedes Männchen im Tierreich derart viel Aufwand betreibt, um die Damenwelt von sich zu überzeugen – die meisten haben eines gemeinsam: Weibchen entscheiden, mit welchem Bewerber sie sich paaren. Nur die schönsten, stärksten und gesündesten Männchen haben eine Chance, bei ihrer Angebeteten zu landen. Dieses Prinzip, die „female choice“, findet nahezu überall im Tierreich Anwendung – und auch bei uns Menschen haben ursprünglich die Frauen allein entschieden, welche Männer Nachwuchs zeugen dürfen. Warum das heutzutage nicht mehr so ist, was das mit der Unterdrückung der Frau zu tun hat und wie sich unser Beziehungsleben in Zukunft verändern könnte – darüber hat Meike Stoverock ihr Buch „Female Choice – vom Anfang und Ende der männlichen Zivilisation“ geschrieben.

Vorfahren und Färbungen

Im Februar 2021 erscheint damit das erste Buch der 46-jährigen Biologin – die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ist ihr sicher. Denn Meike Stoverock behandelt nicht nur biologische Grundlagen, sie stellt unser Männer- und Frauenbild infrage, kritisiert die Institution Ehe und die Grundfeste unserer Gesellschaft: „Unsere Zivilisation ist männlich. Das macht sie nicht automatisch schlecht, aber die einseitige Färbung muss uns endlich bewusst werden.“ Damit trifft die Biologin einen Nerv: Schon lange beschäftigt sich der Feminismus mit der Frage, warum patriarchale Strukturen nicht nur universell, sondern auch oft unbemerkter Teil unseres Lebens sind. Meike Stoverock findet die Antwort in unserer Zivilisationsgeschichte, genauer in der Sesshaftwerdung unserer Vorfahren.

Fähigkeit und Aggression

Denn solange die Menschen als Nomanden leben, ist die „female choice“ voll intakt. Die Frauen sind die Haupternährer der Gruppe und sorgen für den Fortbestand der Familie. Die Männer gehen wochenlang auf die Jagd. Nicht selten bleibt diese erfolglos, doch erlegen sie Großwild wie Büffel oder Mammuts, reicht das kostbare Fleisch mitunter für die ganze Gruppe. „Die Gruppe ist in erster Linie eine Gemeinschaft, in der jede Person eine unverzichtbare Leistung einbringt und alles geteilt wird.“ Mit Beginn der Sesshaftwerdung aber sind nicht nur plötzlich völlig andere Fähigkeiten gefragt, die Frauen wählen nur noch eine verschwindend geringe Anzahl der Männer als Partner aus. „Die Sesshaftwerdung bewirkt ein unbarmherziges Aussieben, das sicherstellt, dass nur die ideenreichsten und kreativsten Männer die neue Welt aufbauen.“ Das Problem: Unfreiwillig enthaltsame Männer reagieren wie fast alle Männchen anderer Arten mit Aggression. Und die gefährdet das neue sesshafte Leben der Menschen enorm. Eine Lösung muss her: Die mongyne Ehe.

Meike Stoverock sieht hier nur einen von zahlreichen, miteinander verwobenen Pfeilern, die das Gerüst der weiblichen Unterdrückung immer enger werden lassen. Doch wer hier gut verpackten Männerhass vermutet, der täuscht sich. „Meine Kritik an den männlichen Zivilisationsstrukturen ist kein Racheakt, ‚weil Frauen jetzt auch mal dran sind.‘ Es geht mir darum zu zeigen, dass die von Männern geschaffene Zivilisation eben auch sie selbst zermalmt.“

Avantgarde und Hassobjekt

Trotzdem erhält Meike Stoverock nicht nur positive Reaktionen auf ihr Buch. In Online Foren und Kommentarspalten tobt ein Sturm aus teils berechtigter Kritik, Beleidigungen und Frauenhass. Viele Frauen loben „Female Choice“ als ein mutiges, kluges und entlarvendes Buch, das den Leser dazu bringt, bestehende Systeme zu hinterfragen. Eine Spaltung, die im Diskurs um Feministische Themen nicht neu ist. Immer mehr Menschen organisieren sich weltweit in antifeministischen Männerrechtsbewegungen. Emanzipierte Frauen werden zum Hassobjekt, die die natürliche Vormachtstellung der Männer und ihr Recht auf Sex infrage stellen. Statt über Gleichberechtigung wird dann über Genderwahn, statt über sexualisierte Gewalt über Genderdiktatur gesprochen.

Umso wichtiger ist es, Haltung und Zivilcourage zu zeigen und für den Erhalt einer offenen Gesellschaft einzustehen. Meike Stoverock tut genau das, denn sie spricht nicht etwa von der Herrschaft der Frauen über die Männer, es geht ihr um Freiheit und Gerechtigkeit für alle Geschlechter. „Female Choice“ ist ein Denkanstoß, der bisherige Muster aufzeigt und hinterfragt. „Wie bei allen meinen Vorschlägen für eine bessere Welt sind Sie auch aufgefordert, sich Gedanken zu machen und dabei zu versuchen, die alternativlos scheinenden Grundbedingungen der jetzigen Weltordnung zu hinterfragen.“

Ein bisschen mehr Humor, ein bisschen mehr Offenheit, ein bisschen mehr Verständnis. Das würde die Diskussion um feministische Themen enorm vereinfachen und bedeutungsvoller machen. Ziel sollte schließlich eine offene und gleichberechtigte Gesellschaft sein, die uns allen nutzt. Wir alle sollten also etwas entspannter und unvoreingenommener an die Sache herangehen. Oder, um es mit den Worten von Meike Stoverock zu sagen: „Und jetzt atmen Sie weiter.“

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