19.12.2019 - 10:07 Uhr
OberpfalzOberpfalz

"Goaßreiter" und "Brettlrutscher"

Eine Besonderheit sind Krippen, in denen sich ganz normale Menschen zu den Heiligen gesellen. Oft geben sie dem Geschehen eine eigene, humorvolle Note.

von Rainer ChristophProfil

Der Hl. Franziskus von Assisi gilt als "Vater der Krippe". Im Jahre 1223 soll er vor den Weihnachtstagen in einem Wald die erste Weihnachtskrippe, so wie wir sie kennen, aufgebaut haben. Darin enthalten: die heilige Familie, ein Esel und ein Ochs', wobei diese Tiere in der Weihnachtsgeschichte nicht erwähnt sind. Die Idee verbreitete sich im ganzen christlichen Europa. Maßgeblich beteiligt waren die Mönche der Franziskaner und Jesuiten. Die erste Krippe des Jesuitenordens stand um 1560 in einem Kloster in Portugal.

Krippenverbot umgangen

Im Lauf der Jahrhunderte wurden die Krippen um viele Figuren erweitert. In der Zeit der Aufklärung wurden sie von der Obrigkeit verboten. Die Krippen mussten aus den Kirchen weichen, zu viel Wirbel wurde um sie gemacht. 1803 gab es in Bayern ein regelrechtes Krippenverbot. Ähnliches passierte in Österreich und Böhmen. Doch die Menschen spielten da nicht mit und so wurden Krippen in den bürgerlichen Wohnungen und Häusern aufgebaut.

Der mehr dem Volk zugewandte bayerische König Ludwig I. genehmigte 22 Jahre später die Aufhebung des Krippenverbots. So langsam fanden die Krippen wieder in die Öffentlichkeit zurück.

1873 wurde im böhmisch-schlesischen Grulich eine Schnitzer-Schule für "Krippenmandln" gegründet. Das Bayerische Nationalmuseum München durfte 1897 eine Krippensammlung aufbauen. 1917 gründete der Kapuziner-Pater Odorich Heinz in München den "Verein bayerischer Krippenfreunde", der bis heute existiert und als einer der ältesten Krippenvereine Deutschlands gilt.

Ochs und Esel

Mit diesem Neubeginn erweiterte sich die Gestaltung der Krippen und damit auch das Figurenensemble. Im Mittelpunkt steht natürlich stets der Stall mit Maria und Josef sowie dem Jesuskindlein in einer Krippe. Dahinter sind Ochs und Esel zu finden. Über dem Stall oder einer Höhle schwebt ein Gloriaengel.

Es dauerte nicht lange, da wurden die im Lukas-Evangelium erwähnten Hirten und Engel in das Figurenensemble aufgenommen. In die volkstümlichen Krippendarstellungen der Oberpfalz, des Salzburger und böhmischen Landes mit den Krippenbergen, kleinen Berghütten, Bauernhöfen, Holzhäusern und Kapellen mischen sich plötzlich ganz normale Bürger, Handwerker und einfache Personen ins Geschehen um die Geburt Christi. Zu sehen sind auch lustige Geschehnisse, wie ein Knecht, der versucht, auf einen Ziegenbock aufzusteigen. "Goaßreiter" nennen ihn die Schnitzer und haben schon beim Anfertigen Spaß an der Figurengruppe. Der Krippen-Papst und Autor zahlreicher Bücher zum Thema, Gerhard Bogner, sieht in dieser Figur den "Ausdruck von ungebändigter Sinnlichkeit" und verweist auf die alten Mythen, in denen ein Geißbock an lebensspendende Kraft und Vitalität erinnert.

Die "Holzfrevlerin"

Eine Besonderheit ist auch der "Brückenschleicher" oder "Brettlrutscher". Es handelt sich um einen Mann, der mangels Brücke versucht, über einen Abgrund zu kommen. Auch dahinter steckt mehr: Hier geht es, laut Bogner, um den Ausdruck "des Risikos" im Menschenleben. Eine originelle Figur ist ebenso die "Holzfrevlerin". In ihrer Novelle "Die Judenbuche" greift die Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff den Begriff auf. In Österreich und im Königreich Bayern galt als Waldfrevel oder Forstfrevel schon das Betreten des Waldes. Strengstens verboten war das Sammeln von Brennholz, Laub und Waldfrüchten. Das Sammeln von Holzresten galt als Diebstahl.

Aus dem Leben gegriffen

Eine wichtige Figur in der "Tirschenreuther Krippe" ist der Sterndeuter, der mit seiner Hand auf den Chor der Engel verweist. Aus dem Leben gegriffen sind der Eseltreiber, Hufschmied, Imker oder ein Wanderer, der einem Bettler begegnet. Die Figuren wurden vor 80 Jahren so geschnitzt und auch heute noch so angefertigt.

Es ist ganz schön was los in den Krippen der Oberpfalz. Da tummelt sich eine liebenswerte Krippenmannschaft für das himmlische Jerusalem. Keineswegs stören diese vielfältigen "Mandln oder Stückel'n durch ihre anziehende Einfachheit den Krippengedanken. Die lebendigen und originellen Figuren sollen beim Betrachter den Eindruck erwecken, er sei Augenzeuge beim Ereignis von Bethlehem, er sei selbst mit den Hirten oder mit den drei Königen zur Krippe gekommen. Vor jeder der so gestalteten Krippen könnte der Betrachter Stunden verbringen, um jede einzelne Figur zu studieren.

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