31.01.2020 - 09:26 Uhr
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Josef Wilfling - über Krimi-Klischees, Lügen und den Frauenmörder Horst David

Wenn Josef Wilfling den Raum betritt, verändert sich die Atmosphäre. Der 72-Jährige strahlt Ruhe aus. Gelassenheit. Präsenz. Und Wissen, mit dem er einen Regensburger Serienmörder überführte, an dem seine Kollegen lange scheiterten.

Ermittler Josef Wilfling kennst die dunkelsten Seiten in Menschen. In Regensburg hat er einen mehrfachen Mörder überführt - mit einer ganz bestimmten Taktik.
von Laura Schertl Kontakt Profil

ONETZ: Was hat Sie zu dem Beruf des Ermittlers hingezogen?

Josef Wilfling: Das ist die Königsdisziplin. Mord ist das schwerste Verbrechen, weil wir nur ein Leben haben und deshalb auch die größte Herausforderung. Und es hat die höchste Sinnhaftigkeit. Das, was man tut, hat einen tiefen Sinn und das befriedigt natürlich auch.

ONETZ: Sie erwähnen oft, dass der Vernommene das Klima der Vernehmung bestimmt. Inwiefern?

Josef Wilfling: Es gibt Menschen, die sind extrovertiert, andere sind introvertiert. Es gibt aggressive Menschen, es gibt welche, die plaudern wie ein Wasserfall und dann gibt es wieder welche, denen muss man jedes Wort aus der Nase ziehen. Ein geschickter Vernehmer passt sich dem an und dominiert nicht. Er darf aber nie den Faden aus der Hand verlieren und damit die Kontrolle über das Gespräch.

ONETZ: Sie bemerken schnell, wenn jemand lügt. Erfahrung oder Verhaltenskatalog?

Josef Wilfling: Zu 99% ist es Erfahrung. Unser wertvollstes Kapital, das wir haben, ist unser Erfahrungswissen. Weil uns das überlegen macht. Je mehr Erfahrung man hat, desto leichter erkennt man täuschendes Verhalten oder die Lüge. Und die Menschen zeigen immer dieselben Strukturen. Wenn jemand zum Beispiel sagt: „Ich kann doch nicht etwas gestehen, das ich nicht getan habe!“ , ist das meist ein deutliches Zeichen, dass er gelogen hat und bald einknickt.

ONETZ: Ist es in Ihrem Privatleben manchmal eine Last zu erkennen, wenn jemand lügt?

Josef Wilfling: Ich würde eher sagen: Das ist ein Gewinn. Man muss eben richtig damit umgehen. Man darf nicht gleich jeden, der einen mal anschwindelt, direkt bloßstellen. Das wäre ein großer Fehler. Aber es ist schon hilfreich. Im Geschäftsleben, überall.

ONETZ: Wie schafft man es, einen Lügner dazu zu bringen, die Wahrheit zu sagen?

Josef Wilfling: Das ist die schwierigste Aufgabe. Es ist wesentlich einfacher, die Lüge zu erkennen. Die Schwierigkeit ist: Wie schaffe ich es, dass er von der Lüge lässt und die Wahrheit sagt? Man muss das Gegenüber überzeugen, dass es für ihn von Vorteil ist, wenn er jetzt die Wahrheit sagt.

ONETZ: Was darf man dann als Ermittler in einer Vernehmung sagen oder machen, was nicht?

Josef Wilfling: Wenn Sie den Paragrafen 136a im Strafgesetzbuch mal durchlesen, werden Sie erschrecken, was wir Ermittler alles nicht dürfen. Wir dürfen keine Suggestivfragen oder täuschende Fragen stellen, wir dürfen vor allen Dingen nicht Lügen. Die kriminalistische List ist erlaubt, die Lüge strikt verboten. Ein Ermittler darf nichts tun, was die freie Willensentscheidung des Gegenüber in irgendeiner Form beeinflusst. Das ist das oberste Gebot.

ONETZ: Einer Ihrer berühmtesten Fälle war der des Mörders Horst David, der Frauen in Regensburg aus Geldnot erdrosselt hat ...

Josef Wilfling: ... da ging es um einen der wenigen Serienmörder, die es bei uns gibt und ich glaube einen der größten Serienmörder der Nachkriegszeit. Er hat sieben Morde gestanden, begangen hat er meiner Meinung nach doppelt so viele. Vier Fälle wüsste man noch ganz genau. Er war ein Mann der 20 Jahre gemordet hat, die Hemmschwelle war bei ihm restlos abgebaut und er war ein begnadeter Lügner. Das hat man im Vorfeld schon gewusst. Und wenn man weiß, dass man angelogen wird, kann man das natürlich miteinbeziehen in seine Taktik. Einer Vernehmung ist immer nur dann gut, wenn man sich gründlich vorbereitet hat. Wenn man das Gegenüber studiert hat und Informationen einholt. Wenn man berechnet, wie er sich verhalten könnte. Wir wollten ihn dazu bringen, dass er zum ersten Mal in seinem Leben zugibt, gelogen zu haben. Und das ist uns gelungen.

ONETZ: Was haben Sie anders gemacht als die Kollegen, die an dem als stur bekannten Mann gescheitert waren?

Josef Wilfling: Ein winziger Fingerabdruck, den die Kollegen vorher nicht hatten. Das war noch kein Beweismittel, aber der Schlüssel zur Lösung. Er hat nicht damit gerechnet, dass es diesen Fingerabdruck gibt. Dann ist er in die Lüge verfallen und hat alles abgestritten und dann kam die Konfrontation mit Fakten. Die konnte er dann nicht mehr erklären, weil er es vorher schon selber ausgeschlossen hatte. Und dann saß er in der Falle. Der zweite Schlüssel war, dass er in keinster Weise von mit unter Druck gesetzt wurde. Ich wusste, wenn man ihn unter Druck setzt, wird er umso sturer. Nachher hat er mir jahrelang Karten aus dem Gefängnis geschrieben und sich für den fairen Umgang bedankt. Das hat ihm sehr imponiert.

ONETZ: Er hat aufgehört, Ihnen Karten zu schreiben, als er erfuhr, dass Sie ihm weitere Morde zutrauen.

Josef Wilfling: Das ist typisch für solche Täter. Je länger sie in Haft sitzen, desto mehr entfernen sie sich von der Realität. Sie leben ihre eigene Wahrheit. Und zum Schluss glauben sie sich selber, das ist vielleicht auch ein Schutzpanzer. Und als er dann gehört hat, dass ich, sein Lieblingskommissar, sowas behauptet habe, war er natürlich beleidigt. Es ist aber nicht zu erwarten, dass er weitere Geständnisse ablegt. Aber es ist typisch für solche Täter.

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