30.06.2020 - 08:10 Uhr
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LEO Blog: Abschied auf Distanz

Einen geliebten Menschen zu verlieren ist immer ein schwerer Schicksalsschlag. Erst recht aber in Zeiten von Kontaktbeschränkungen. Das musste Mona-Isabelle Aurand erst vor Kurzem am eigenen Leib erfahren.

In Zeiten von Corona ist der Abschied von Verstorbenen oft noch schwerer - einsamer.
von Mona-Isabelle Aurand Kontakt Profil

Vor etwa einem dreiviertel Jahr erkrankte die Großmutter meines Mannes schwer an Krebs. Ein Schock für die ganze Familie. Der lebensfrohe Mensch, den ich vor sieben Jahren kennengelernt hatte, wurde mit einem Schlag zum Pflegefall. Ich erinnere mich noch gut daran, als ich der Familie meines Freundes auf einer Geburtstagsfeier vorgestellt werden sollte. Ich war furchtbar nervös. Doch die Umarmung und das Lächeln meiner zukünftigen Schwiegeroma ließen mich genau diese Nervosität in Sekunden vergessen. Sie nahm mich in die Familie auf, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. In den folgenden Jahren wurde sie zu einer zweiten Großmutter für mich. Obwohl wir uns – bei knapp 400 Kilometern Entfernung – nur selten sehen konnten.

Mein letzter Besuch vor Corona war an Weihnachten. Beinahe wäre es der allerletzte gewesen. Der Gesundheitszustand meiner Schwiegeroma verschlechterte sich immer weiter. Die strengen Ausgangsbeschränkungen in Bayern machten es uns unmöglich, Schwiegereltern und -großeltern in Hessen zu besuchen. Zumal wir nicht riskieren wollten, unwissend jemanden anzustecken. Als Markus Söder die Ausgangsbeschränkungen in Kontaktbeschränkungen änderte war uns klar: Wir packen sofort unsere Koffer und besuchen die Familie. Es war die richtige Entscheidung. Zweieinhalb Wochen später schlief meine Schwiegeroma friedlich im Beisein ihres Mannes und ihrer beiden Töchter ein.

Der Gang zur Beerdigung war schwer. Inzwischen konnten zumindest alle engen Familienmitglieder – Ehepartner, Kinder und Enkel jeweils mit Anhang (das sind bei uns schon 13 Personen) – am Gottesdienst teilnehmen. Aber es galt weiterhin: Abstand halten, Mundschutz tragen und nicht singen. Und das, obwohl die Verstorbene doch selbst so gerne und gut gesungen hat. Gefühlt jedes Lied aus dem Gesangbuch kannte sie auswendig.

Rund 90 Trauergäste hatten sich auf dem Friedhof versammelt. Viele hatten jedoch aus Angst, sich mit Corona anzustecken, abgesagt. Unter anderen Umständen wären die Kapelle und der Friedhof gerappelt voll gewesen, so bekannt und beliebt war die Großmutter meines Mannes. Am offenen Grab Abschied zu nehmen, trauten sich nur die Wenigsten. Keine Umarmungen, keine Beileidsbekundungen, kein Trost für die Angehörigen. Nur zögerliches Nicken. Auch der Leichenschmaus, der für viele Hinterbliebenen ein wichtiger Teil des Trauerprozesses ist, musste wegen der Corona-Beschränkungen ausfallen.

Trotzdem haben wir als Familie noch einen würdigen Rahmen gefunden, um der Verstorbenen zu gedenken. Am geschmückten Grab konnte ich – ohne zusätzliche Zaungäste – ihr zu Ehren doch noch eines ihrer Lieblingslieder singen: „Möge die Straße uns zusammenführen“. Eines Tages werden wir uns wiedersehen. Und bis dahin wird das Andenken an meine wundervolle Schwiegeroma stets in unseren Herzen weiterleben.

Auch in der Oberpfalz sind durch Corona nur Bestattungen im kleinen Kreis möglich.

Tirschenreuth
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