23.06.2020 - 10:13 Uhr
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LEO Blog: Balkonien – Symbol des Wartens

In den Zeiten der Corona-Pandemie bleiben viele Menschen lieber zu Hause. Sie sind verunsichert. Anstatt zu verreisen, nisten sie sich auf Balkonien ein – so auch Wolfgang Fuchs. Er ist überrascht, was es dort oben alles zu erleben gibt.

Viele Kräuter wie hier Petersilie und Rosmarin lassen sich gemeinsam in einen Topf setzen - ideal für den Balkon.
von Wolfgang Fuchs Kontakt Profil

Ich stehe auf dem Balkon und rücke Topfpflanzen. Das ist in den zurückliegenden Wochen zu einer festen Routine in meinem Alltag geworden. Immergrüne Koniferen, eine Rosskastanie, Lupinen, Geranien, Hortensien, Fuchsien, Chilis, Tomaten, Basilikum, Petersilie und Rosmarin wollen harmonisch angeordnet werden. Normalerweise packt mich im Frühling das Fernweh und es zieht mich nach Italien, Frankreich oder Spanien. Heuer lasse ich das bleiben, auch wenn es schmerzt. Es werden wieder bessere Zeiten kommen, sage ich mir. Bis es soweit ist, verrücke ich eben Töpfe. Mein Balkon ist für mich zum Symbol des Wartens geworden.

Ein Blick zu den ergrünten Balkonen meiner Nachbarn lässt mich vermuten, dass ich damit nicht alleine bin. Ich betrachte die grauen, blauen und rosa Fassaden der Nachbarhäuser, als ein Storch über die Siedlung hinwegsegelt. Ich staune. Tauben gurren. Wind weht. Eine Amsel baut ein Nest in der Dachrinne über mir. Ich schiebe die Rosskastanie ein Stück nach links und denke an die vielen Menschen aus anderen Ländern, die monatelang in ihren kleinen Stadtwohnungen festsaßen und weder Balkon noch Garten haben. Wie beengend das sein muss. Ich kann immerhin nach Balkonien. Im Fall der Fälle setze ich mich einfach in die Sonne und warte, bis der Spuk vorüber ist.

Nicht gedacht hätte ich, dass es hier oben so viel zu erleben gibt. So saß ich etwa Anfang April voller Vorfreude in meiner Wohnung und betrachtete die Geranien, die ich Stunden zuvor eingepflanzt hatte. Wie schön mögen sie erst sein, wenn sie alle blühen, dachte ich und malte mir in Gedanken ein buntes Blütenmeer aus, als die Amsel von oben auf meinem Balkonsims landete. Ein rascher Blick nach links, einer nach rechts, auf der Schnabel – und zack! Ab war sie, die schöne Geranie. Mit offenem Mund saß ich im Schneidersitz auf meiner Yogamatte und konnte es nicht fassen. Und sie kam wieder. Zack, zack, zack. Alle Knospen ab.

Mittlerweile fängt das Gewächs wieder an zu blühen. Erste Knospen öffnen sich und lassen ihre mögliche Pracht erahnen. Was wird aus ihnen werden? Kommt die Amsel wieder? Als ich nach oben zur Dachrinne schaue, treffen sich unsere Blicke. Sie fiept frech. Ich frage mich, was sie wohl denken mag. Wartet auch sie?

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