04.11.2021 - 11:02 Uhr
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LEO Blog: Unvernünftig glücklich

Erinnerst du dich an deine Kindheit, als du abenteuerlustig und glücklich warst? Dann werden wir erwachsen, vernünftig, und verlieren unsere Unbeschwertheit. Redakteurin Julia Hammer findet: Es wird wieder Zeit für ein bisschen Unvernunft.

Ein unbeschwerter Tanz im Regen. Unvernünftig - aber unglaublich befreiend.
von Julia Hammer Kontakt Profil

Wir wälzen uns im Dreck und könnten dabei nicht glücklicher sein. Springen über Klippen. Suchen am funkelnden Sternenhimmel stundenlang nach Bildern. Wir streifen planlos durch Wälder, bauen morsche Baumhäuser und tanzen im Sommerregen. Wir sind Abenteurer. Traumtänzer. Forscher. Fragensteller. Neugierig auf alles, was uns die Welt zu bieten hat. Und plötzlich werden wir erwachsen und verlernen die Fähigkeit, die kleinen Besonderheiten zu sehen. Spontanität und Furchtlosigkeit weichen der Vernunft. Gesellschaftlichen Regeln. Eigenen Grenzen. Holen wir uns also ein wenig Unvernunft zurück in unser Leben.

Ich weiß, wovon ich spreche. Ich bin eine Meisterin der Vernunft – und stehe mir damit oft selbst im Weg. Ich durchdenke alles. Wäge ab. Schreibe Listen. Und male mir sämtliche Optionen aus. Ich bin überzeugt: Unsere Vernunft ist wichtig, wenn es um elementare Entscheidungen geht. Ich will auch künftig nicht auf die warnende Stimme in meinem Kopf verzichten. Aber ich will sie abstellen – in Situationen, die weder lebensbedrohlich noch zukunftsentscheidend sind. Die pure Leichtigkeit und Furchtlosigkeit erfordern. Ich will mir nicht schon Horrorszenarien ausmalen, bevor überhaupt etwas passiert ist. Das ist nämlich das Problem – zumindest bei mir. Ich bin kein Pessimist. Allerdings gehe ich, wenn es mich betrifft, immer vom schlimmstmöglichen Fall aus – um vorbereitet zu sein. Ob das schon jemals geholfen hat? Natürlich nicht.

Ich habe gemerkt, dass meine Angst meine Leichtigkeit ausbremst. Meine eigenen Regeln und meine Kreativität überschatten – und Momente verhindern, in denen ich glücklich sein könnte. Deshalb habe ich angefangen, weniger zu durchdenken. Nehmen wir das Beispiel Tanz im Sommerregen. Vor kurzem war ich mit einer Freundin unterwegs. Erst Essen, dann ein Kaffee in der Sonne. Ein wundervoller Tag – bis es anfing zu schütten. Platzregen. Weltuntergang. Mein erster Gedanke: Nicht nass werden. Du darfst auf keinen Fall krank werden. Du musst arbeiten, hast viele Termine. Laaaauf! Dann habe ich meine Freundin gesehen, die neben mir mit ausgebreiteten Armen im Regen tanzte und lächelte. „Mach schon. Es fühlt sich an wie früher, als wir Kinder waren.“ Sie hatte recht. Es hat sich gut angefühlt. Frei. Lebendig.

Ähnlich ging es mir mit der großen Piercing-Frage. Schon lange wollte ich eines in meinem Ohr. Einen Tragus, der durch den inneren Knorpel gestochen wird. Natürlich habe ich mich eingelesen – und bin auf sämtliche Komplikationen gestoßen. Unwahrscheinlich, aber möglich. Ich habe wochenlang überlegt und abgewogen. Was, wenn es nicht richtig heilt? Kann ich dann meine Kopfhörer noch aufsetzen, die ich immer beim Laufen trage? Darf ich überhaupt Sport machen? Ein ewiges Hin und Her – Vernunft gegen die Lust, es einfach zu machen. Bis mich ein Freund fragte: „Glaubst du, dass es dich glücklich macht? Wenn ja, tu es. Ohne darüber nachzudenken.“ Auch er hatte recht. Ich habe mir das Piercing vor über einem Jahr stechen lassen. Und noch immer macht es mich glücklich, wenn ich mich damit im Spiegel sehe.

Wir alle sind oft mit Vernunft-Entscheidungen konfrontiert. Situationen, in denen wir uns selbst Grenzen setzen. Das kann der spontane Weggeh-Abend mit Freunden sein, bei dem uns der Verstand sagt, dass es zwar schön wäre, wir es aber lieber lassen sollten, weil wir am nächsten Morgen früh raus müssen. Eine große Shopping-Tour, bei der wir uns doch zurückhalten, weil wir das Geld vielleicht für unvorhergesehene Dinge wie Autoreparaturen brauchen. Oder wir verzichten auf den zweiten Becher Eiscreme beim Filmabend, weil es doch „nicht richtig“ wäre. Genau dann wird es Zeit, endlich ein bisschen unvernünftiger zu sein. Warum denn auch nicht? Es kann so schön sein, unvernünftig glücklich zu sein. Einfach zu leben, ohne alle Vor- und Nachteile abzuwägen. Spontan zu sein und sich einfach fallen zu lassen. Ich weiß, es fällt nicht immer leicht. Aber ich verspreche dir, es wird sich lohnen. Ich habe bisher nicht einen Moment bereut.

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