05.05.2021 - 11:13 Uhr
OberpfalzOberpfalz

LEO Blog: Zeit für die ungeschminkte Wahrheit

Swipen, liken, photoshoppen. Die Welt ist oberflächlich geworden. Der perfekte Schein scheint alles zu sein. Doch sind wir wirklich auf dem Weg, durch und durch oberflächlich zu sein? Diese Frage stellt sich Redakteurin Julia Hammer.

Der perfekte Schein scheint oft alles zu sein. Zeit für die ungeschminkte Wahrheit.
von Julia Hammer Kontakt Profil

Makel und Schwächen werden so lange mit Filtern und Weichzeichner bearbeitet, bis auch sie in das scheinbar perfekte Bild passen. Eine Welt, in der sich viele in Millisekunden ein Urteil über das virtuelle Gegenüber bilden und es dann entweder nach rechts oder links wischen – auf der Suche nach dem ersehnten Match auf den ersten Blick. Leben wir in einer Welt, in der wir uns schleichend zu naiven, uninteressierten – ja schlichtweg egozentrischen Wesen entwickelt haben, für die nur noch Äußerlichkeiten statt innerer Werte zählen?

Nein, so schlimm steht es um uns nicht. Ich weigere mich zu glauben, dass für einen Großteil unserer Gesellschaft ein bis ins Detail inszeniertes Bild wichtiger ist als ein persönliches Gespräch oder wirkliche Nähe. Allerdings habe ich in letzter Zeit einige Dinge beobachtet, die mir die Frage aufzwängen: Sind wir genau auf diesem Weg - durch und durch oberflächlich zu werden? Dass uns Oberflächlichkeit von Seiten der Mode- und Medienwelt zelebriert wird, ist bekannt. Doch immer öfter drängt sie sich auch in unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. Vor kurzem habe ich mich mit einem Freund unterhalten. Er, 30, aktiver Nutzer einer Dating-App. Ich will wissen, wie sie funktioniert – und bin kurz sprachlos. Ein Profil ploppt auf und im Bruchteil einer Sekunde ist die Entscheidung gefallen: nein. Innerhalb von fünf Minuten hat er sich gegen gefühlt 100 Frauen und für 10 andere entschieden. „Was waren deine Kriterien?“, will ich wissen. „Aussehen. Ganz einfach. Was auch sonst?“. Was auch sonst …

Suche nach Perfektion

Wie kann es sein, dass wir in Sekunden übereinander urteilen? Wortlos? Anhand oberflächlicher Eindrücke? Für mich ist der Gedanke furchtbar, aufgrund eines einzigen Bildes beurteilt zu werden – genauso wie jemanden auf der gleichen Grundlage zu bewerten. Wie könnte ich auch? Was sagt ein einziges Foto über das ganze Leben eines Menschen? Nein, das ist zu einseitig. Äußerliche Anziehung ist wichtig. Doch sie kann nicht das einzige Kriterium sein. Denn sonst laufen wir Gefahr, uns bei der Suche nach dem immer Perfekteren, bei der sich die Ansprüche ins Utopische steigern, zu verrennen. Wie oft trügt der erste Eindruck – und wie oft entpuppt sich etwas scheinbar Unscheinbares als etwas Wundervolles? In Sekunden ist das nicht zu erkennen.

Einige Tage später gehe ich an zwei jungen Frauen vorbei, beide um die 18. Die Kulisse wirkt absurd: Der leere Parkplatz eines Kinos, in der Mitte ein Mofa. Während die eine verkrampft am Boden kniend um die beste Perspektive kämpft, räkelt sich die andere in engen Klamotten vor dem Fahrzeug. „Wie das heute Abend wohl bei Instagram aussehen wird?“, frage ich mich. Perfekt vermutlich. Ich denke an die Profile einiger meiner Bekannten, die ich auf ihren Posts oft kaum wiedererkenne – dank Filter und Bearbeitungs-Tools. Warum macht ihr das? Zeigt euch, wie ihr seid. So seid ihr genau richtig. Doch vielleicht liegt genau darin das Problem. Was ist scheinbar richtig, was nicht? Worin liegt der Anspruch, wenn es darum geht, zu sehen und gesehen zu werden? Perfektion scheint ein Muss. Likes ein Wert, an dem man Zufriedenheit misst. Der Schein triumphiert.

Was können wir also gegen all die Oberflächlichkeiten machen, die sich so falsch anfühlen? Ganz einfach. Wir spielen dieses Spiel nicht mit. Vielleicht bin ich in der Hinsicht altmodisch. Aber ich schätze kleine Makel, das perfekt Unperfekte. An anderen und an mir. Die ungeschminkte Wahrheit. Denn genau das macht uns besonders. Ich schätze es, wenn sich jemand die Zeit nimmt, um hinter die Fassade zu blicken. Menschen, die ihr Urteil nicht in wenigen Sekunden fällen, sondern offen für ihr Gegenüber sind. Das ist der richtige Weg. Denn meine Erfahrung zeigt: Die Menschen in meinem Leben, die ich als schön empfinde, sind es nicht wegen ihres perfekten Aussehens. Schön werden sie durch ihre Art, ihren Humor, ihre Loyalität und ihre Warmherzigkeit. Denn das ist es, was uns alle ausmacht.

LEO Blog: Zeit zu widerstehen

Oberpfalz
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.