16.03.2021 - 10:12 Uhr
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LEO Blog: Zeit zu reflektieren

Unser Leben hat sich seit der Corona-Krise komplett geändert. Verzicht, Ängste, neue Prioritäten. Doch was wird davon bleiben, wenn die langersehnte Normalität zurückkehrt? Diese Frage stellt sich auch Redakteurin Julia Hammer.

Während der Pandemie haben wir gelernt, auf andere zu achten.
von Julia Hammer Kontakt Profil

2021. Das Jahr der neuen Hoffnung. Das Jahr, das endlich die so langersehnte Normalität in unser Leben zurückbringen soll. Es sind nun mehr als zwei Monate vergangen, seit wir uns von 2020 verabschiedet haben. Dem Jahr, das unseren Alltag, unsere Gewohnheiten, unsere persönlichen Prioritäten neu ausgerichtet hat. Doch was wird bleiben von diesen von der globalen Pandemie bestimmten Ausnahmemonaten? Wie schnell kehren wir zurück zu unserem alten Leben, wenn der Spuk vorbei, der Virus endlich im Griff ist? Wenn wir uns wieder mit Freunden in Restaurants treffen können, laue Sommernächte beim Grillen oder auf Volksfesten und Festivals verbringen können? Werden unsere neuen Prioritäten bleiben, die Besinnung darauf, wie wertvoll unsere Liebsten sind? Wie viel Verantwortung jeder von uns trägt und wie wichtig es ist, nicht nur auf sich, sondern auch auf andere zu achten?

Seit Beginn der Pandemie hatte ich – wie wir alle – viel Zeit, um mich selbst zu hinterfragen. Meine Sicht auf die Welt, meine Mitmenschen. Ich habe mich gefragt, warum wir in manchen Situationen so reagieren, wie wir reagieren und mich dabei ein Stück weit neu kennengelernt. Vor der Pandemie wäre es mir nie in den Sinn gekommen, nicht mehr gehen zu können, wohin ich will. Nicht mehr treffen zu können, wen ich will. Mich sogar von meiner Familie fernhalten zu müssen. Ich wusste, was ich wollte und habe viel dafür investiert, um das auch zu erreichen. Und plötzlich steht alles still und wir lernen, jeden Tag mit neuen Hiobsbotschaften umzugehen, auch im Verzicht etwas Gutes zu sehen – und wir reflektieren über Fremde, mit denen uns auf einmal so viel verbindet. Auf die wir sogar achten.

Wut, Stress, kein Verständnis

Vor einigen Wochen habe ich eine merkwürdige Szene beobachtet, bei der ich gemerkt habe, dass wir das Prinzip des aufeinander Achtens auch auf andere Lebensbereiche übertragen sollten. Später Nachmittag, Supermarktparkplatz. Ein Mann hält vor dem Eingang und lässt seine Frau aussteigen. Eine junge Fahrerin, ich denke Mitte 20, bremst hinter ihnen. Nach kurzer Zeit dauert ihr das Warten zu lange. Verärgert hupt sie, gestikuliert wild. Die Frau vor ihr, halb im und halb aus dem Auto, zuckt zusammen, verliert fast das Gleichgewicht. Erschrocken und verärgert fängt auch sie an, lautstark zu schimpfen. Die Situation schaukelt sich so lange hoch, bis die junge Frau Gas gibt und haarscharf an der älteren vorbeifährt. Ich stehe da – und bin einige Momente sprachlos. Sprachlos auch deshalb, weil ich merke, dass auch ich eine der beiden Frauen hätte sein können. Auch ich reagiere manchmal nicht, wie ich reagieren sollte. Bin gestresst, unter Zeitdruck, ohne Verständnis für andere. Doch was bringt es uns? Nichts, außer einem schlechten Gefühl. Wer weiß, vielleicht hatte die junge Frau einen wichtigen Vorstellungstermin und war spät dran. Vielleicht war die ältere Dame schwer zu Fuß und hätte einen längeren Weg nicht geschafft.

Das Szenario beschäftigt mich noch Stunden später. Ein unüberlegter Moment, den wir alle so oft erlebt haben. Weil wir nicht nachdenken oder jemandem begegnen, dem es auch so geht. Als ich darüber nachdenke, merke ich, was ich aus der aktuellen Krise gelernt habe – und auch weiterhin beherzigen will. Ich will reflektieren, das Verhalten von Menschen hinterfragen und erst dann reagieren. Ich will nicht vom Schlechtesten ausgehen, sondern es für möglich halten, dass der andere keine sinisteren Hintergedanken, sondern gute Gründe hat. Seit einem Jahr achten wir aufeinander. Das sollten wir in jeder Lebenslage. Langfristig macht es das Leben viel leichter.

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