24.03.2021 - 19:40 Uhr
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LEO Blog: Zeit zu widerstehen

Wann endlich endet Corona? Diese Frage stellen sich gerade viele Menschen. Die dritte Welle rollt und lähmt unser Leben. Die Zuversicht ist im Keller. Genau so fühlt es sich an für Leo-Redakteur Wolfgang Fuchs. Zeit für etwas Optimismus.

Lang ist die Kunst, kurz ist unser Leben, schreibt Hermann Hesse. Immer ist irgendwas, nie hat man Zeit, sagt Leo-Redakteur Wolfgang Fuchs.
von Wolfgang Fuchs Kontakt Profil

Ich bin wirklich überzeugt, dass sich das Blatt bald zum Besseren wenden wird. Wir befinden uns in der schwierigsten Phase der Corona-Pandemie, sagen Experten. Das macht Hoffnung auf eine baldige Besserung, und das ist gut. Denn die Leichtigkeit ist dahin.

Verreisen, Umarmungen, laue Sommerabende mit Freunden – all das scheint gerade unendlich weit weg. Als die Pandemie vor einem Jahr Norditalien erreicht, ist schlagartig alles anders. Von diesem Tag an mache ich mir Sorgen: um meine Lieben, um mich, meine Zukunft, um die Welt. Zugleich hoffe ich: Es wird irgendwie halb so wild werden, wir bekommen das in den Griff. Der normale Alltag kehrt bald zurück. Das wird schon. Bis es soweit ist, will ich mich nicht selbst zermürben, sage ich mir. Oder vereinsamen, oder bitter werden. Wie heißt es so unschön: Das Leben ist hart, es härtet ab. Ich aber bin weich und will es auch bleiben.

Immer ist irgendwas

Weich wie ein Schwamm, und als solcher will ich Gefühle und Stimmungen und Eindrücke aufsaugen. Keine Mauer um mein Herz. Kein Egoismus. Ich will tapfer und emphatisch und offen sein für das Leben. Ich will diese Zeit gut überbrücken und möglichst heiter bleiben. In der Not das Gute sehen, Haltung zeigen, Dinge tun, die ich immer schon tun wollte, mir aber nie die Zeit dafür genommen habe.

Unser Leben hat sich seit Corona stark verändert. Was bleibt, wenn die Pandemie vorüber ist?

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Lang ist die Kunst, kurz ist unser Leben, schreibt Hermann Hesse. Immer ist irgendwas, nie hat man Zeit, sage ich. Als Heranwachsender habe ich Hesses Literatur verschlungen. Im Frühjahr 2020 erinnere ich mich daran und versuche, dem Lockdown und dem Stillstand etwas Gutes abzugewinnen – und tauche ein in die Welt der Kunst.

Endlich wieder leben

Ein Jahr später kann ich sagen: In einer Pandemie hat man auch nicht mehr Zeit für sich als sonst. Und ein Menschenleben reicht eh nicht aus, um alle Kunst der Welt kennenzulernen. Aber trotzdem: Ich habe jetzt die Bibel gelesen! Komplett! Und "Die Liebe in Zeiten der Cholera". Und "Die Pest". Auch ich kenne nun den "Herr der Ringe" und "Harry Potter". Ich habe das Münchner Dokfest und das Filmfest online verfolgt, gespendet, Opern gehört, meditiert, Yoga gemacht, bin gejoggt, flaniert, gewandert, habe gezeichnet, Briefe geschrieben, telefoniert, Videokonferenzen mit Freunden abgehalten – und bin es langsam Leid. Wie wohl die meisten anderen Menschen auch sehne ich mich vor allem nach meinen Lieben und nach Leichtigkeit.

Bin ich schwach? Schon vor Corona war ich ein Mensch, der so seine Phasen hat. Ich brauche den Ausgleich. Auf eine Phase des Viel-Lesens folgt immer eine Phase, in der ich keine Bücher anrühren will. Nach einer Zeit, in der ich besonders auf meine Gesundheit achte, folgt eine Zeit, in der ich genau das Gegenteil tue. Manchmal bin ich gesellig, manchmal ziehe ich mich lieber zurück. Jetzt, nach diesem Jahr des Alleinseins, der Anspannung, der Ungewissheit und der Sorgen, wäre es mal wieder soweit: Ich will einfach nur das Leben genießen. Meine Freunde in den Arm nehmen, einfach so aus dem Bauch heraus ungezwungen sein, unter der Sonne sitzen und aufs Meer hinausblicken und die Seele baumeln lassen – und basta. Mehr will ich nicht.

Das Leben ist eine Reise

Ich gehöre aber auch nicht zu jenen, die morgen einen Flug nach Mallorca buchen werden, bloß weil es gerade geht. Nein, ich will auch in Zukunft guten Gewissens in den Spiegel blicken können. Hesse schreibt, er lebt nach eigenen Gesetzen, und meint damit: Selbst nachdenken, sich selbst kennen und sich an eigenen Wertvorstellungen orientieren. Bloß weil etwas erlaubt ist, muss ich es nicht tun, wenn es mir falsch erscheint, folgere ich. Schweren Herzens erkenne ich an: Derzeit gibt es wirklich Wichtigeres, als zu verreisen.

Das Leben ist eine Reise, schreibt aber Hermann Hesse. Das ist eine Metapher! Gemeint ist: Das Leben ist WIE eine Reise. Ein Abenteuer. Aufregend. Unvorhersehbar. Als Suchender und Künstler wandert er offenen Blickes durchs Leben und saugt es in sich auf. Dazu braucht es keinen Last-Minute-Flug zum Ballermann.

Immer ändert sich alles – zum Glück

Ich bin wirklich überzeugt, dass sich das Blatt bald zum Besseren wenden wird. Nur noch ein bisschen durchhalten, dann geht es wieder bergauf. Bis dahin werde ich meinem Verlangen nach Leichtigkeit und Nähe widerstehen und einfach weitermachen wie in den zurückliegenden zwölf Monaten. Corona nimmt keine Rücksicht. Doch gewiss ist auch: Nichts währt ewig im Leben. Immer ändert sich alles – zum Glück!

Ich blättere in einem alten Fotoalbum: Familie, Freunde, Strände, witzige Grimassen; schöne Erinnerungen, die hoffen lassen. Ich klappe das Album wieder zu und stelle es zurück ins Bücherregal, direkt neben einen alten, staubigen Gedichtband. Seine Eselsohren winken mir zu. Er lächelt. Er zwinkert, der Gedichtband. Spinne ich? Ich greife zu – und tauche ein.

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