11.08.2021 - 12:48 Uhr
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LEO Blog: Zeitreisen

Kannst du deinen ersten Kuss riechen? Oder den Abend vor Jahren hören, an dem du deinen Geburtstag mit Freunden am See gefeiert hast und du bedingungslos glücklich warst? Klingt komisch? Im Gegenteil, findet Redakteurin Julia Hammer.

Ein bestimmter Geruch, ein besonderes Lied, eine bekannte Situation - und schon fühlen wir uns in die Vergangenheit zurückversetzt.
von Julia Hammer Kontakt Profil

Schon mein halbes Leben lang begleiten mich Situationen, in denen mich Gerüche, bestimmte Lieder oder Orte schlagartig in meine Vergangenheit zurückversetzen. Ich nenne diese Reize „Vergangenheits-Trigger“, die unkontrolliert auftauchen, wenn ich am wenigsten damit rechne. Unvorhersehbare Zeitreisen zu wundervollen Momenten, an die ich manchmal schon jahrelang nicht mehr gedacht hatte.

Diese Augenblicke sind für mich kleine Wunder, die mich verborgene Schätze aus meiner Vergangenheit noch einmal durchleben lassen. Wie sich das anfühlt? Als wäre ich wieder mittendrin. Es sind Momente, die ich mit jeder Faser meines Körpers spüre, wieder weiß, welche Gedanken ich damals hatte oder welche Klamotten ich getragen habe. Jetzt fragst du dich: Wie riecht er denn nun, der erste Kuss? Meiner riecht nach Meer. Jedes Mal, wenn mir der Geruch von Salzwasser in die Nase steigt, bringen mich meine Gedanken in meinen Kroatienurlaub mit meinem damaligen Freund zurück. Ein perfekter Abend: das Rauschen der Wellen, der warme Sand unter unseren Füßen, die leise Musik aus den umliegenden Hotels. Und natürlich der Geruch von Salzwasser in der Luft. Ich bin jetzt 31 und der erste Kuss liegt Jahre zurück. Ich denke nie darüber nach. Außer, wenn ich das Meer nach langer Zeit endlich wieder rieche. Dann ist er wieder da – dieser besondere Augenblick. Genauso ging es mir, als ich vor kurzem durch den warmen Sommerregen gelaufen bin. Ich atmete tief ein und stehe plötzlich mit meinem Papa auf einem Waldweg. Ich schaue nach unten und sehe meine Laufschuhe. Ich höre mich sagen: „Es fängt an zu regnen. Sollen wir wirklich?“ Er sagt: „Riech doch. Es gibt doch nichts Schöneres als einen Waldlauf im Sommerregen.“ Er hatte recht. Nach ein paar Sekunden bin ich zurück in der Gegenwart. Ich erinnere mich, dass dieser Moment schon Jahre zurückliegt. Ich erinnere mich nicht, wann ich das letzte Mal daran gedacht habe. Nie – vermute ich.

In meinem Leben gibt es unzählige solcher „Vergangenheits-Trigger“. Ich habe oft mit Freunden darüber gesprochen und gemerkt, dass das Phänomen weit verbreitet ist. So gut wie jeder von uns hat sie. Diese bestimmten Gerüche oder Orte, die längst Vergessenes aus dem Unterbewusstsein zurück an die Oberfläche holen. Einer meiner besonderen Trigger ist Musik. Das kann ein Lied im Radio sein, dass mich in meine Kindheit zurückversetzt, oder eine alte CD, die ich nach Jahren abspiele – wie vor einigen Tagen mein verstaubtes Nirvana-Unplugged-Album. Schon nach den ersten Sekunden von „About a Girl“ bin ich zurück in meiner Jugend. Das Szenario erfüllt mich mit Glück. Meine engsten Freunde und ich schwitzen beim Beachvolleyball in unserem damaligen Stamm-Freibad, während Kurt Cobain aus einem Lautsprecher singt. Es ist ungewöhnlich heiß. Wir genießen unser Leben und kämpfen – Bälle schmetternd – um den Spieleinsatz: Einen Kasten Bier, den wir später an der Vils trinken. Es ist einer dieser perfekten Sommerabende. Auch dort begleitet uns diese Musik, die jetzt – 15 Jahre später – durch meine Wohnung schallt.

Das Schöne an Vergangenheits-Triggern? Sie können immer und überall auftauchen. Uns mit längst vergessenen Erinnerungen erfüllen. Vielleicht ist es bei dir der Geruch von Flieder, der Duft von Schokokuchen oder ein PopLied. Und vielleicht kommt auch bald bei dir ein Moment, in dem du dich erinnerst, wie dein erster Kuss riecht …

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