01.07.2020 - 10:38 Uhr
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LEO Reportage: Perfekt unperfekt - Influencerin Chiara zwischen Shooting, Social Media und Cybermobbing

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Chiara Schiekofer ist schön, taff, erfolgreich. Sie ist Social-Media-Influencerin. 37.000 Menschen verfolgen das Leben der 23-Jährigen bei Instagram. Ein Geschäft voll Schönheit, tiefgründigen Botschaften – aber auch Hass und Neid.

Chiara ist schön, ehrgeizig und erfolgreich. Die Amberg-Sulzbacherin ist Influencerin.
von Julia Hammer Kontakt Profil

Chiara blickt in ihren kleinen Handspiegel, wischt sich eine lockige, dunkelblonde Strähne aus dem Gesicht. Die Frisur sitzt, das dezente Make-up auch. Immer mehr Passanten versammeln sich um die 23-Jährige hinter der Martinskirche in Amberg. Skeptische Blicke. Einige zücken ihr Handy, machen Fotos, tuscheln. Alltag für die Sulzbach-Rosenbergerin. Sie richtet das Stativ mit der Kamera aus – und drückt ab. Das Bild ist im Kasten. Das erste von rund 1000 an diesem Tag.

Es ist sonnig an diesem Dienstagvormittag. „Perfektes Wetter, um Bilder zu machen“, betont die 23-Jährige. Vormittags oder am frühen Abend – „da sind die Lichtverhältnisse am besten“. Die junge Frau mit dem weiten, dunkelgrauen T-Shirt mit dem Aufdruck „New York“ und der dunklen Jeans hat eine große Tasche dabei. „Da ist alles drin, war ich brauche. Stativ, Spiegelreflexkamera, manchmal Klamotten zum Wechseln. Je nachdem, wie viele Motive ich ablichten will.“ Einen Teil ihrer langen Haare hat sie zu einem Dutt zusammengebunden. Ihren Hals schmücken eine Perlenkette und zwei Goldketten, an ihrem linken Handgelenk funkeln goldene Armreife. Kein Zufallsoutfit, sondern das Ergebnis langer Überlegung. „Ich kombiniere viel, teste, welche Kleidungstücke zusammenpassen und wonach mir an diesem Tag ist. Das kann dauern. Erst, wenn ich die perfekten Klamotten gefunden habe, bin ich zufrieden – und bereit, Fotos zu machen.“ Chiara ist in der Amberger Altstadt, um neue Bilder für ihr Instagram-Profil zu schießen, das sie seit einigen Jahren erfolgreich unter dem Namen „Chiarakokosnuss“ betreibt. An diesem Tag ist sie alleine unterwegs, um nach „der perfekten Location“ zu suchen. Eine Ausnahme. „Normal mache ich das mit meinen Freund Sebastian. Wir teilen diese Leidenschaft und fotografieren uns gegenseitig.“ Auch Sebastian ist ein erfolgreicher Influencer, teilt sein Leben unter dem Namen „Sebastiansvogue“ mit knapp 54.000 Followern bei Instagram.

Private Einblicke: Chiara lässt ihre Follower mit zahlreichen Bildern aus ihrem Alltag in ihr Leben blicken.

Chiara stellt ihre Spiegelreflexkamera, die sie auf ihrem Stativ platziert hat, ein – und wartet. „Zu viele Menschen im Hintergrund. Der perfekte Zeitpunkt ist wichtig.“ Die erste Location des Tages: der Platz hinter der Martinskirche. „Ich mag diesen Ort. Ruhig aber doch lebendig.“ Ein letzter Blick in den Spiegel. Pose. Lächeln. Knips. „Ich schaue mir sofort jedes Bild an, ob es mir gefällt. Wenn nicht, schieße ich mehr.“ Der Alltag der Studentin der Theater- und Medienwissenschaften und der Soziologie ist oft von Instagram und der Arbeit, die dahintersteckt, bestimmt. Schon immer liebte sie die Fotografie, lernte sich die Techniken selbst. „Dann habe ich angefangen, meine Bilder ins Netz zu stellen – und sie kamen gut an.“ Influencerin zu sein sei nie der Plan gewesen. „Das hat sich ergeben. Und ich bin glücklich darüber.“ Fünf bis sechs Mal pro Woche ist die 23-Jährige mit ihrem Freund unterwegs, um Bilder für ihr Profil zu machen. „Ich poste jeden Tag. Ich will meinen Followern etwas bieten.“ Zwei bis drei Stunden Shooting, dann Fotoauswahl und Nachbearbeitung. „Zusätzlich beantworte ich bis zu 30 Mails von möglichen Kooperationspartnern und antworte auch meiner Community. Pro Tag investiere ich alles in allem bis zu fünf Stunden. Alles eine Frage der Organisation – neben dem Studium.“

"Nicht perfekt, sondern authentisch"

Drei junge Frauen bleiben stehen, beobachten Chiara, lächeln sie an. „Manchmal passiert es schon, dass mich Leute auf der Straße erkennen. Das ist merkwürdig. Aber schön.“ Zeit für einen Location-Wechsel. Mit Kamera und Stativ unter dem Arm geht es Richtung Marktplatz. Die Sonne steht günstig „und jetzt ist noch nicht allzu viel los“. Bei der Wahl ihrer Motive setzt sich Chiara keine persönlichen Grenzen. Das zeigt sich auch auf ihrem Profil. Neben Fashion-Posts und Urlaubs-Bildern findet man immer wieder Fotos, die auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen aufmerksam machen. „Ich bin ein sehr offener Mensch, lege Wert darauf, Themen zu enttabuisieren. Ich bin gesellschaftskritisch und sage offen, was ich denke. Auch Unterwäsche-Bilder wären für mich kein Problem. Warum auch? Wir sollten alle zu unserem Körper stehen.“ Vor einigen Jahren hat sich die junge Frau selbst ein Versprechen gegeben. „Ich will nicht perfekt, sondern authentisch sein. Wir sind alle nur Menschen.“ Eine „glückliche Einstellung“, die Chiara allerdings nicht immer hatte. „Mit 17 war mein Selbstbewusstsein nicht so groß. Als ich mit Instagram angefangen habe, habe ich mich sehr unter Druck gesetzt, wollte alles perfekt machen. Ich habe die Arbeit anderer Instagramer verfolgt, wollte genauso gut sein. Der Drang nach Perfektion – das hätte mich auf Dauer kaputt gemacht. Ich musste loslassen und habe mich deshalb entschieden, dass ich nicht perfekt, sondern authentisch sein will. Ein Mensch mit Schwächen und Stärken. Genau das zeige ich.“ Die Reaktion ihrer Follower bestärkt diese Entscheidung. Chiara bekommt viel Zuspruch. „Dadurch bin ich selbstbewusster geworden.“

Oft nicht akzeptiert

Doch nicht immer sind die Reaktionen auf ihre Arbeit positiv. „Sehr oft fehlt die gesellschaftliche Akzeptanz und das Verständnis. Viele denken, wir knipsen ein paar Bilder und verdienen damit tausende Euro. Sie sehen nicht, wie viel Aufwand dahintersteckt.“ Die Folge: Neid, Angriffe, Sticheleien. „Ich habe Menschen kennengelernt, die mich erst angepöbelt haben und plötzlich nett zu mir waren, weil sie etwas von meinem Erfolg abhaben wollten. ,Du hast doch so viele Uhren, kannst du mir nicht mal eine schenken?‘ Solche Sätze habe ich oft gehört. Enttäuschend, aber von solchen Leuten halte ich mich fern.“ Auch, wenn sich die Situation in den vergangenen Jahren gebessert hat, „habe ich immer noch das Gefühl, dass wir von der Gesellschaft nicht akzeptiert werden. Wir machen nichts Böses, schaden niemandem. Ich erwarte nicht, dass man sich für das, was wir tun, begeistert. Aber ich möchte, dass man es akzeptiert – und respektiert."

Ein Zeichen gegen Hass und Cybermobbing.

Als Chiaras Follower-Zahlen steigen, steigt auch das Interesse von Unternehmen, Modelabels und Agenturen an ihr. „Ihre Produkte vermarkten, darauf kommt es an. Ich mache ein Bild von mir und dem jeweiligen Produkt und verlinke das entsprechende Unternehmen. Dadurch erreichen sie tausende Menschen – die dann im besten Fall das kaufen, was sie anbieten.“ Das System ist leicht – und äußerst ergiebig für die Sulzbacherin. „Aktuell habe ich drei Dauerkooperationen mit Firmen. Ich poste jeden Monat etwas von ihnen und werde dafür bezahlt. Mir ist wichtig, dass ich selbst hinter den Produkten stehe. Ich würde nichts vermarkten, was ich nicht gut finde.“ Chiara weiß, „dass Firmen keine billigere Werbung als Influencer haben können“. Schnelle Reichweite, richtige Zielgruppe. Ihre Arbeit als Influencerin bringt Geld. So viel, dass sie schon heute davon leben könnte. „Aber das will ich nicht. Ich glaube, dass diese Branche vergänglich ist und nicht auf Dauer funktioniert. Deshalb will ich mein Studium beenden und danach einen Job finden.“ dabei sein. Nicht nur finanziell zahlt sich der Erfolg für Chiara aus. Sie wird zu großen Events eingeladen, „von denen ich früher nur geträumt habe“. Aftershow-Party mit dem belgischen DJ Lost Frequencies, glamouröse Veranstaltungen mit VIP-Gästen – und ihr ganz persönliches Highlight: die Berliner Fashion-Week. „Schon als Kind wollte ich dort einmal dabei sein. Eines Tages hatte ich in meinen E-Mails eine Einladung. Ich konnte es nicht glauben, ein absoluter Traum.“ Noch immer ist diese Welt für Chiara „manchmal unwirklich“.

Schattenseiten der scheinenden Welt

Trotz all der Möglichkeiten, die sich der Studentin durch Instagram bieten, kennt Chiara auch die Schattenseiten der virtuellen Welt. Hasskommentare, Beleidigungen, Mobbing. „Man braucht ein dickes Fell. Es gibt Menschen, die alles negativ kommentieren. Egal, was ich mache. Das können Kleinigkeiten sein. Manche regen sie sich schon auf, wenn ich mir in einer Story mit meiner Hand durch meine Haare streife.“ Die Instagramerin scheut sich nicht, auch kontroverse Themen anzusprechen. „Natürlich sind die auch unangenehm. Das bietet viel Potential für Konflikte. Genau das habe ich vor Kurzem wieder erlebt.“ In einer kurzen Videosequenz richtet sich die 23-Jährige an ihre Follower. „Ich habe gesagt, dass es mir schwerfällt, mit den Schutzmasken, die wir alle wegen der Corona-Pandemie tragen müssen, zu atmen. Und, dass ich sie nicht mag. Schon hagelte es Hasskommentare.“ Chiaras Community wirft ihr vor, ein schlechtes Vorbild zu sein. Dass sie „dumm“ sei, „unverantwortlich“. „Ich habe niemanden aufgefordert, die Maske nicht zu tragen. Ich habe nur gesagt, wie ich es finde. Das haben einige nicht verstanden. Andere wiederum haben meine Meinung geteilt. Es war sehr kontrovers. Die Beleidigungen habe ich abprallen lassen – oder es jedenfalls versucht. Das ist nicht immer leicht.“

#BLOGGERGEGENMOBBER

Aus eigener Erfahrung weiß die junge Frau, wie „extrem belastend“ Cybermobbing ist, wie sehr Betroffene darunter leiden. „Es ist schlimm, wenn man von Usern virtuell zerfetzt wird. Zum Glück war ich noch nie langen Mobbing-Perioden ausgesetzt. Freundinnen von mir schon. Deshalb wollten wir etwas dagegen tun.“ Anfang 2020 schließt sich die Sulzbacherin mit 20 anderen Influencerinnen zusammen und gründet die Initiative „bloggergegenmobber“, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Im Februar postet sie ein Bild von sich mit einer Papiertüte über dem Gesicht. In großen, schwarzen Buchstaben steht darauf „hässlich“, „dumm“, „billig“, „Flachland“. Demonstrativ streckt Chiara darauf den Mittelfinger in die Kamera. Ein klares Statement gegen all den Hass. Das Foto kommentiert sie mit: „Wisst ihr, was das Scheußlichste am Mobbing ist? Der Täter erinnert sich längst nicht mehr. Aber das Opfer fragt sich noch 20 Jahre danach, ob er

Recht hatte (…)“. Die Aktion kommt bei ihren Followern an – und erregt sogar bundesweit Aufmerksamkeit. „Die ProSieben-Sendung taff und der BR haben einen Beitrag über uns gemacht, die Resonanz war großartig.“

Chiara liebt ihre Arbeit als Influencerin – trotz „der vielen Negativität im Netz“. „Es gibt mir so viel. Ich kann ich selbst sein und merke, bei wie vielen Menschen das gut ankommt“, sagt sie und lächelt, während sie ihr Stativ in ihrer Tasche verstaut. „Genug Bilder für heute.

Jetzt muss ich die Fotos auswählen.“ Am Ende wird der Post auf ihrem Profil aussehen wie ein Schnappschuss. Leicht, unbeschwert. Nicht gekünstelt. Wie viel Zeit und Aufwand dahinterstecken, wird nicht zu sehen sein. Die 23-Jährige lebt ihren Traum. Den möchte sie sich auch die kommenden Jahre verwirklichen – „solange es mir Spaß macht“. Kontrovers, authentisch, ehrlich. Und mit ihrer wichtigsten Botschaft: „Akzeptiere dich so, wie du bist und verliere nie den Blick für die schönen Seiten des Lebens.“

Virtueller Erfolg: Diese Oberpfälzer Influencer beeinflussen tausende Menschen

Sulzbach-Rosenberg
Influencer - Einfluss durch Reichweite:

Schön, bekannt, erfolgreich

Influencer sind Personen, die aufgrund ihrer starken Präsenz in Sozialen Medien, vor allem bei Instagram, einen starken gesellschaftlichen Einfluss ausüben. Tausende Menschen verfolgen die Bilder und Storys der meist jungen Erwachsenen – und bilden sich so ihre Meinung zu den unterschiedlichsten Themen wie Konsum, Politik, Sport oder auch ethischen Fragen. Durch ihre immense Reichweite sind Influencer für Marken und Unternehmen interessant. Vermarkten Influencer die Produkte der Firmen, erzielen diese einen hohen Bekanntheitsgrad.

Freund Sebastian teilt Chiaras Leidenschaft. Auch er ist erfolgreicher Influencer.
Cybermobbing - die virtuelle Bedrohung:

Auswirkungen auf Betroffene und Hilfe für Opfer

Beleidigungen, Bloßstellungen, Bedrohungen. Cybermobbing ist für Betroffene eine enorme psychische Belastung. Die Täter mobben ihre Opfer im Internet – in Sozialen Medien wie Facebook oder Instagram, in Chats oder auf Webseiten. Das Mobbing kann verschiedene Formen annehmen, wie das Bundesministerium für Familie und Jugend informiert. Für Betroffene ist diese Art des Mobbings besonders schlimm, da sich die verbreiteten Inhalte wie diffamierende Fotos, Videos oder erniedrigende Behauptungen schnell im Netz verbreiten und tausende User erreichen. In manchen Fällen nimmt der Täter die Identität seines Opfers an, meldet sich unter dessen Namen bei einer Internetplattform an und verbreitet Unwahrheiten. Das große Problem: Was einmal im Internet kursiert, lässt sich nicht so leicht entfernen. Selbst, wenn es Opfern gelingt, Fotos oder Beleidigungen aus dem Netz zu löschen, bedeutet das nicht, dass sie andere User nicht auf ihren Festplatten gespeichert haben und erneut verbreiten.

Die Zahl der Betroffenen ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Acht Prozent der jugendlichen Internetnutzer zwischen 12 und 19 Jahren seien bereits Opfer von Cybermobbing geworden. 34 Prozent der Befragten bestätigten, eine Person zu kennen, die durch „Cybermobbing fertiggemacht wurde“. Häufig verursachen die Attacken psychische Langzeitfolgen. „Wehre dich“, rät das Bundesministerium – und bietet Anlaufstellen. Hilfe finden Betroffene auf www.bke.de und www.juuuport.de.

Chiara ist sicher: Solange es ihr Spaß macht, will sie sich weiter bei Instagram zeigen.
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