06.08.2020 - 18:13 Uhr
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Licht und Schatten: Jede Menge Ärger um Solarparks in der Region

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Die Politik schiebt die Solarenergie an. Das bringt nicht nur die Energiewende voran, sondern mancherorts auch mächtig Ärger. Schon jetzt protestieren in der Region viele Anwohner und Bauern gegen geplante PV-Freiflächenanlagen. Zu Recht?

Das Gras wächst und der Boden bleibt so sauber wie der hier produzierte Strom. Aber: Die Fläche kann nicht mehr bewirtschaftet werden, und viele sehen die Landschaft dadurch verschandelt.
von Julian Trager Kontakt Profil

Hubert Braun stemmt die Hände in die Hüfte, schaut den grünen Hang hinauf und lenkt seinen Blick langsam von links nach rechts. Als würde er das, was er sieht, scannen und im Kopf abspeichern wollen. Denn der Hang wird bald nicht mehr nur grün sein. "Man wird nix anderes mehr sehen", sagt Braun. Er meint die dunkelblauen Module einer zehn Hektar großen Photovoltaikanlage, die im Pressathbachtal in Riggau (Pressath, Kreis Neustadt/WN) gebaut werden soll. Wer dann durchs Tal wandert, joggt oder radelt und den Hang hinauf schaut, sieht eben blau statt grün, prophezeit Braun. "Der Horizont ist dann der Solarpark." Der pensionierte Arzt klingt frustriert. Er und seine Frau wehrten sich gegen die Anlage, fanden Hunderte Unterstützer, hatten aber keinen Erfolg. Der Solarpark kommt.

Am Ortseingang von Thanheim (Ensdorf, Kreis Amberg-Sulzbach) steht ein Plakat auf einer Wiese neben der Straße. "Unser Boden für unsere Bauern", haben die lokalen Landwirte drauf geschrieben. Fünf Wörter Protest. Die Bauern kämpfen gegen eine geplante PV-Anlage vor Ort, 30 Hektar groß. Beste landwirtschaftliche Fläche, finden sie.

In Waidhaus (Kreis Neustadt/WN) waren zwei kleinere Solarparks vorgesehen, 3 und 2,2 Hektar groß. Gebaut werden sie nicht. Eine Interessensgemeinschaft hatte mehr als 650 Unterschriften gegen die Anlagen gesammelt. Der Marktrat lehnte den Plan daraufhin ab.

Drei Fälle aus der Region, in denen es Ärger um geplante PV-Freiflächenanlagen gab oder immer noch gibt. Für weitere Beispiele müsste man nicht lange suchen.

"Solar-Offensive" in Bayern

Wie bei der Windenergie formiert sich auch bei der Solarenergie Widerstand, wenn Anlagen vor der Haustür gebaut werden sollen - obwohl alle Beteiligten beteuern, für die Energiewende zu sein.

Während der Windkraftausbau fast zum Erliegen gebracht wurde, schiebt die Politik die Sonnenenergie derzeit kräftig an. Vor kurzem hat der Bundestag den Solardeckel abgeschafft, damit wird Photovoltaik weiter gefördert. In Bayern will man mehr, Ministerpräsident Markus Söder twitterte erst: "Wir wollen das Top-Sonnenland werden. Wir starten die größte Solar-Offensive, die Bayern je hatte. Auf allen Neubauten in Bayern soll es künftig Photovoltaik geben." Dazu kommt: Seit Juli liegt die jährliche Höchstgrenze für PV-Freiflächenanlagen im Freistaat bei 200 Anlagen pro Jahr. Davor waren es 70. Es werden künftig also mehr Solarparks kommen. Das könnte mancherorts für neuen Ärger sorgen.

Da geht es nur um den maximalen Gewinn einiger weniger auf Kosten der anderen im Dorf, der Natur und der Allgemeinheit.

Hubert Braun aus Riggau

Die Anwohner

In dem 32-Haushalte-Dorf Riggau machte der Streit um den Solarpark, so hört man, einiges kaputt: Vertrauen, Freundschaften, zum Teil das Klima im Ort. Mittlerweile, fast ein Jahr nachdem der ganze Plan bekannt wurde, hat sich der Ärger etwas gelegt.

Hubert Braun sitzt jetzt auf der Terrasse seines Hauses in Riggau und erklärt, warum er gegen die Anlage ist. "Da geht es nur um den maximalen Gewinn einiger weniger auf Kosten der anderen im Dorf, der Natur und der Allgemeinheit", sagt der 71-Jährige, der 30 Jahre lang Hausarzt in Pressath war. Für Profit werde die Landschaft verschandelt.

"Aber ein schönes Tal ist doch auch was wert", sagt Braun und möchte da nicht nur für die Riggauer sprechen, die den Solarpark jeden Tag sehen werden. "Das Tal ist ja das Naturerholungsgebiet der Pressather." Wanderer, Jogger, Radler genießen dort Ruhe und Natur, lauschen singenden Lerchen, staunen über am Himmel segelnde Adler. "Die Gegend hier ist grün, fast noch unberührt", sagt Braun, "aber solche Dinge spielen überhaupt keine Rolle."

Braun und seine Frau sammelten Unterschriften gegen den Solarpark. In Riggau unterschrieben fast alle, sagt er, in Pressath mehr als 400. Es brachte: nichts.

Hubert Braun ärgert sich heute vor allem darüber, die falsche Form des Widerstands gewählt zu haben. Statt einer einfachen Unterschriftenliste hätte er lieber ein Bürgerbegehren gestartet. "Das ist das einzige was hilft, das einzige, das die Anlage hätte verhindern können", sagt der Arzt im Ruhestand, der auf seinem Dach eine PV-Anlage hat.

Braun betont immer wieder: "Ich habe nichts gegen Photovoltaik. Ohne sie wird's nicht laufen." Aber sie gehöre eben aufs Dach, und nicht aufs Land. Es gebe genügend Flächen, etwa auf Supermärkten oder Behördengebäuden. "In Regensburg oder München sind die Dächer leer. Dort wird aber die Energie verbraucht, und wir sollen sie bei uns produzieren und damit unsere Landschaft zerstören", sagt der Riggauer, der wie seine Frau zahlendes Mitglied beim Bund Naturschutz ist. Aber es sei halt einfacher und lukrativer einen "Riesenfladen" in die Landschaft zu stellen.

Die, die einen Teil der Belastung abbekommen, sollen auch einen Teil des Ertrags erhalten.

Peter Zahn, Bund Naturschutz Amberg-Sulzbach

Der Naturschützer

Peter Zahn ist als Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz Amberg-Sulzbach freilich für die Energiewende, also auch für Photovoltaik. Weil er davor aber das Wort "grundsätzlich" schiebt, ist klar, dass er nicht jedes Projekt unterstützt.

Zahn ist da - wie so viele - zwiegespalten. Einerseits seien PV-Freiflächen die beste Möglichkeit, Flächenversiegelung zu verhindern; dazu werde der Boden nicht gedüngt, das Gras könne wachsen. Andererseits entwickle sich das alles in eine Richtung, in der Landwirte zu Energiewirten werden. Statt die Felder zu bestellen, produzieren sie Energie auf eigentlich landwirtschaftlichen Flächen.

"Für uns haben Dächer die oberste Priorität", sagt Zahn. Danach kämen Flächen, die schon belastet sind, auf denen nichts mehr gemacht werden kann. Der Schlackenberg in seiner Heimat Sulzbach-Rosenberg etwa. Und: "Werden die PV-Anlagen an Bahnlinien errichtet, würde ich auch zustimmen."

Wichtig ist, betont Zahn, dass die Anwohner mit einbezogen werden. "Die, die einen Teil der Belastung abbekommen, sollen auch einen Teil des Ertrags erhalten."

Freiflächenanlagen sind eine enorme Konkurrenz.

Ulrich Härtl, BBV Tirschenreuth und Weiden-Neustadt

Die Bauern

In der Hinsicht sind sich Naturschützer und Bauern einig. "Wichtig ist, dass der Ertrag in der Region bleibt", sagt Ulrich Härtl, Geschäftsführer der Kreise Tirschenreuth und Weiden-Neustadt beim Bayerischen Bauernverband (BBV). Er meint: "Es kommt auch immer darauf an, wer die Freiflächenanlage bauen will." Ein Bauer aus der Gegend, der sich als weiteres Standbein eine PV-Anlage hinstellt - für den BBV kein Problem. "Wenn aber Firmen einfallen, Flächen zusammenpachten", sehe es anders aus.

"Freiflächenanlagen sind eine enorme Konkurrenz", sagt Härtl. Vor allem weil den Bauern von den PV-Firmen wesentlich höhere Pachtpreise gezahlt werden. "Da kann kein Landwirt mithalten." Die Bauern aber bräuchten die Flächen, für den Anbau, fürs Futter.

In seinem Positionspapier zu PV-Anlagen sorgt sich der BBV vor allem um die Bauern in Franken und der Oberpfalz. In Nordostbayern werde es, so ein Evaluationsbericht, wegen der höheren Zahl an Sonnenstunden eine „starke Konzentration der Anlagen“ geben – viele Landwirte könnten deswegen Acker- und Grünlandflächen verlieren. Vor allem das treibt die Bauern in Thanheim um, die gegen die 30 Hektar große PV-Anlage vor Ort protestieren. Der BBV ist wie der BN und Hubert Braun für eine dezentrale Energiewende.

Mit unseren attraktiven Pachtpreisen sind wir den alteingesessenen Pächtern schon mal ein Dorn im Auge

Manfred Striegl von Primus Energie

Der Betreiber

Wenn es in der Region zuletzt Ideen für größere Solarparks gab, war oft von Primus Energie zu lesen. Die Regensburger Firma plant Windenergie- und PV-Anlagen. Manfred Striegl ist dort Projektleiter und stellt gleich klar: „Die meisten unserer Projekte wurden eher geräuschlos, da mit breiter Zustimmung der umliegenden Bevölkerung errichtet.“ Nur selten komme es zum Streit.

Vom Widerstand mancher Bürger gegen manche Anlagen ist er allerdings auch nicht überrascht. „Ich arbeite schon zu lange als Projektleiter, als dass mich noch irgendwas wundern würde“, sagt er dazu. Oft gehe es bei dem Protest sowieso gar nicht direkt um die Solarenergie an sich. „Mit unseren attraktiven Pachtpreisen sind wir den alteingesessenen Pächtern schon mal ein Dorn im Auge.“ Natürlich gebe es aber auch echte Befürchtungen und Vorbehalte gegen Photovoltaik. Da helfe eine direkte Diskussion, ein Gespräch. „Wir suchen aktiv den Dialog“, um die Menschen umzustimmen, ihnen Bedenken zu nehmen. Wie das funktioniert? „Mit der 3-A-Regel“, sagt Striegl: „Aufklärung, Aufklärung und zu guter Letzt Aufklärung.“

Wir haben im Süden einfach eine super Einstrahlung. Wir haben dreimal so viel Potenzial, wie wir Strom brauchen.

Prof. Michael Sterner, OTH Regensburg

Der Wissenschaftler

Wenn es um erneuerbare Energien geht, ist der Regensburger OTH-Professor Michael Sterner ein sehr gefragter Mann. Fast allen größeren deutschen Zeitungen gab er Interviews, der Landtag hörte ihn als Experte an, zudem berät er mehrere Bundesministerien. Sterner forscht seit 22 Jahren zur Energiewende.

Photovoltaik, so der Professor, ist umweltverträglich, klimafreundlich, günstig und bietet ausreichend Potenzial. „Auf Deutsch gesagt: Es gibt zurzeit nichts Besseres“, sagt Sterner und zählt die Faktoren auf.

Die Technik: „Die Potenziale sind da und sind gut nutzbar. Wir haben im Süden einfach eine super Einstrahlung. Wir haben dreimal so viel Potenzial, wie wir Strom brauchen. Das ist wirklich gut.“

Die Kosten: „Solarenergie ist der günstigste Strom, den wir regional haben. Vier Cent die Kilowattstunde.“ Alles andere koste das Drei- bis Vierfache. „Die Sonne schickt eben keine Rechnung.“ Und die Kosten von Installation und Wartung seien „absolut überschaubar“.

Die Umwelt: „Eine Solaranlage läuft CO2-frei. Bei der Herstellung braucht sie ein bisschen Energie, aber das kommt in ein bis zwei Jahren wieder raus. Auch für den Artenschutz ist es besser. Es gibt keine Nitrat-Belastung. Man kann sogar kleine Biotope anlegen, wo sich Arten vermehren können, die man auf freier Flur gar nicht sehen könnte. Das ist ökologisch unschlagbar.“

Und die Nachteile? Solarenergie sei nur am Tag und hauptsächlich im Sommer verfügbar, sagt Sterner, um gleich hinterherzuschieben, dass es dafür mittlerweile Speicherlösungen gebe. „Ich kann also keine Nachteile nennen.“

Von dem Vorschlag, erstmal nur die Dächer voll zu pflastern, hält Sterner wenig: „Kann man schon machen, aber dann sind wir halt beim doppelten Strompreis.“ Und überhaupt müsse man das ja auch erst einmal durchsetzen. „Will ja auch nicht jeder auf seinem Dach.“ Mit Freiflächen funktioniere alles viel schneller, ertragreicher, besser. Auch für Bauern, die um ihre Böden fürchten, gebe es mittlerweile Lösungen, mit denen man Flächen doppelt nutzen kann: Solarwände, die senkrecht in die Höhe ragen, dazwischen könnten dann die Traktoren fahren.

Bleibt zum Schluss die Frage der verschandelten Landschaft durch große Solarparks. „Ja, es ist ein Eingriff in die Natur“, sagt Sterner, „wie eine Autobahnbrücke oder ein Golfplatz.“ Aber Photovoltaik sei relativ „stressfrei“, gerade im Vergleich zur Windkraft oder gar zur Atomkraft. Man müsse sich eben entscheiden, woher der viele – dann klimaneutrale – Strom kommen soll, den eine moderne Gesellschaft in Zukunft braucht. Aus erneuerbaren Energien, allen voran PV-Anlagen. „Oder“, sagt Sterner, „man lebt wieder so wie vor 100 Jahren und verzichtet konsequent auf Strom.“

Zahlen und Fakten zur Solarenergie in Deutschland:

Die Sonnenenergie ist in Deutschland auf dem Vormarsch. Vergangenes Jahr wurden laut den Zahlen des Bundesverband Solarwirtschaft 100 800 Photovoltaik-Anlagen neu installiert. Das entspreche einer Kapazität von 3,9 Gigawatt – 2015 lag diese bei knapp der Häfte. Insgesamt wurden in Deutschland bis Ende des vergangenen Jahres 1,8 Millionen PV-Anlagen mit einer Kapazität von 49,2 Gigawatt errichtet. Der Anteil am deutschen Brutto-Stromverbrauch lag 2019 mit 47,5 Terawatt bei 8 Prozent. Damit wurde mehr als vier Mal so viel Solarstrom erzeugt als noch 2010, so der Bundesverband.

Peter Achatzi und Siegfried Schröpf sind regionale Vorkämpfer der Energiewende

Neukirchen

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