25.05.2020 - 09:48 Uhr
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Liebe, Job, Erziehung - Scheitern als Chance

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Die vergebliche Suche nach Liebe, das Ende einer Beziehung oder die Erkenntnis, dass man etwas nicht schaffen kann – ob Menschen eine Lebenslage als Scheitern betrachten, hängt stark davon ab, wie sie die jeweilige Situation bewerten.

Das Gefühl des Scheiterns schmerzt und rüttelt am Selbstverständnis. Doch man kann aus Rückschlägen auch lernen.
von Wolfgang Fuchs Kontakt Profil

Endlich die große Liebe finden

Andrea steht in ihrem Schlafzimmer und betrachtet sich im Spiegel. Schon wieder ein graues Haar. Sie kämmt eine brünette Strähne darüber und fixiert sie mit Haarspray. An diesem Abend kann die 40-Jährige kein Grau gebrauchen. Auf der Dating-App Tinder hat sie Hannes kennengelernt und sich mit ihm beim Italiener um die Ecke verabredet. Sie atmet tief durch und strafft ihren Blick. Diesmal soll es endlich klappen mit der großen Liebe.

Eine feste Beziehung hatte Andrea schon lange nicht mehr – die längste hielt knapp fünf Monate und liegt 20 Jahre zurück. Es war Liebe auf den ersten Blick, als sie Jürgen das erste Mal sah. Doch als der Urlaub vorüber war, scheiterte die Fernbeziehung bald. An der Realität, wie Andrea häufig sagt. Seitdem sehnt sie sich nach den Gefühlen von damals: Sternschnuppen am nächtlichen Strand von Korsika.

Andrea wünscht sich einen Gefährten fürs Leben. An den Wochenenden geht sie in Musikbars – um sich finden zu lassen. Dreimal die Woche macht Andrea Aerobic. Andrea ernährt sich gesund. Andrea raucht nicht. Ihre Haut soll jung bleiben, ihr Körper straff. Für die positive Aura treibt Andrea Yoga. Was soll ich eigentlich noch alles versuchen, schießt es ihr durch den Kopf.

"Soziologisch betrachtet ist es für Frauen ab 40 tatsächlich schwierig, einen festen Partner zu finden", sagt die Amberger Diplompsychologin Susanne Kohlhoff. Bindungsfähige Menschen seien dann oft schon vergeben. Manchmal sei es sinnvoll zu überlegen, was realistisch ist.

Andrea greift nach der Pinzette auf dem Tischchen neben ihr und zupft eine Augenbraue. Dann richtet sie sich vor ihrem Spiegel auf und prüft ihre Lippen. Steffi aus dem Büro rät ihr regelmäßig, sie solle sich mal locker machen. "Denk doch nicht immer gleich ans Heiraten." Das schrecke die Kerle bloß ab. Kleinere Liebesgeschichten hat Andrea aber immer mal wieder, doch halten die nie lange. Spätestens nach ein paar Wochen sind die Männer wieder weg. Geräuschlos ziehen sie sich zurück. Was stimmt nicht mit mir, fragt sich Andrea. Ich verstehe es einfach nicht.

So wie Andrea gehe es vielen Frauen in diesem Alter. Verzweifelt suchten sie nach einem Mann fürs Leben, fänden aber oftmals nur Affären. "Manche Dinge kann man nur bedingt beeinflussen", sagt Kohlhoff. Deshalb sei es sinnvoll zu überlegen: "Wie ist die Situation? Was liegt in meiner Hand?" Eine mögliche Lösung könne sein, das persönliche Glück nicht von einem Partner abhängig zu machen. "Kann ich nicht einfach stattdessen meine Freiheit genießen?"

Wenn die Liebe weg ist

Gedankenverloren streicht sich Andrea über ihre linke Wange. Ewige Liebe – gibt es das überhaupt? Sie denkt an ihre einstigen Klassenkameraden Carina und Markus. Die beiden waren in der sechsten Klasse ein Pärchen geworden. Ein absolutes Traumpaar, wie es schien. Andrea schüttelt den Kopf: Warum muss so etwas Schönes kaputt gehen?

Ständig hingen die beiden miteinander ab, kicherten und schmusten, erinnert sich Andrea. In der neunten Klasse fuhren sie zum Campen an den Gardasee. Bei ihrer Rückkehr waren sie verlobt – Heiratsantrag bei Sonnenuntergang auf einem Paddelboot auf dem See. Wie romantisch! Nach dem Abitur heirateten sie. Sie kauften einen Golden-Retriever-Welpen und bauten ein Haus. Ihre Liebe ist für die Ewigkeit gemacht, dachten alle.

Doch dann klingelte eines Tages Andreas Telefon. Als sie abhob, hörte sie Markus weinen. "Ich kann nicht mehr. Was soll ich nur tun", rief er in den Hörer. Dann erzählte er, dass ihre Beziehung seit Monaten in einer Krise stecke. Carina sei ihm so fremd geworden. Sie hätten sich nichts mehr zu sagen. "Wir haben uns auseinander entwickelt. Sie in die eine Richtung, ich in die entgegengesetzte. Wie konnte das nur passieren? Warum habe ich das nicht früher erkannt?"

"Seit Monaten grüble und grüble ich", erzählte Markus weiter. "Ich höre auf mein Herz, auf meinen Bauch, schreibe Pro- und Contra-Listen. Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll. 28 gemeinsame Jahre – bin ich egoistisch?" Wenn es um schwerwiegende Entscheidungen geht, zögern viele Menschen, sagt die Weidener Psychiaterin Helena Heckrodt. Sie haben Angst, einen Fehler zu machen, etwas vorschnell aufzugeben und die Entscheidung später zu bereuen. Sie haben Angst, andere zu verletzen. Angst davor, wie das Umfeld reagiert. Angst, nicht genügend Kraft investiert zu haben. Deshalb sei es wichtig, dass sich Markus bewusst mache, warum er die Beziehung aufgeben will. "Man trennt sich nicht einfach so", sagt Heckrodt.

Um sich klar zu werden, was richtig und falsch ist, ist es wichtig, sich mit den eigenen Bedürfnissen auseinandersetzen, sagt Heckrodt. "Die Frage ist: Was will ich im Leben?" Ein häufiger Grund für Trennungen sei, dass Paare keinen anderen Ausweg mehr sehen. Die Erkenntnis, dass es nicht mehr passt, führe unausweichlich zu Trauer. "Aber es hilft nichts. Man muss die Realität anerkennen. Aufgeben kann sehr viel Mut erfordern. Oft ist es aber notwendig, dass man sich entscheidet – ein Verlust kann auch befreiend sein. Man muss sich einlassen."

Markus weint. "Ich sehe keinen Ausweg. Carina auch nicht. Es geht einfach nicht mehr. So wie jetzt kann es nicht weitergehen."

Wenn das Lebenskonzept nicht aufgeht

Andrea trinkt einen Schluck Wasser, um sich abzulenken. Sie will sich jetzt nicht mit negativen Gedanken beschäftigen. Da klingelt es an der Tür. Durch den Spion sieht sie ihre Freundin Sabrina, blass und mit dunklen Augenrändern. "Ich weiß nicht, wie lange ich das noch durchhalte", sagt sie mit leiser Stimme, als ihr Andrea die Tür öffnet.

Sabrina ist Krankenschwester auf einer Intensivstation. "Mein Beruf ist meine Berufung" ist einer ihrer Lieblingssätze. Einfühlsam und geduldig kümmert sie sich um ihre Patienten. Doch ihre Arbeit hat auch Schattenseiten: Schichtdienst, Unterbesetzung, gestresste Kollegen. Manchmal ist die Arbeit kaum zu schaffen. "Ich bin so müde", sagt Sabrina.

Andrea hält ihre Freundin fest im Arm, während es aus ihr heraussprudelt. Einmal habe sie einen Patienten gefragt, wie es ihm gehe. Als er sagte, dass er bald sterben werde, fehlten Sabrina die Worte. Damit habe sie nicht gerechnet. Seitdem habe sie nie wieder einen Patienten gefragt, wie es ihm geht. Vor ein paar Monaten starb dann auch noch ein Kind, das sie wochenlang betreut hatte. "Das war so schlimm. Es war fast so, als ob es mein eigenes gewesen wäre."

Kolleginnen wiesen Sabrina immer wieder darauf hin, wie wichtig emotionale Distanz in diesem Beruf sei, doch das half nichts. Den Schmerz und den Druck und die Müdigkeit nimmt sie mit nach Hause. "Ich kann überhaupt nicht mehr schlafen." Letztens stand sie vor dem Eingang zum Klinikum und brach zusammen. "Ich weine nur noch." Und jetzt habe sie auch noch der Chefarzt in sein Büro zitiert. "Er hat gesagt, ich sei zu sensibel! Ich solle mir einen anderen Beruf suchen! Was soll ich nur tun?"

"Sabrina steht vor einer schwierigen Entscheidung", sagt Heckrodt. "Aufgeben bedeutet in diesem Fall auch den Verlust eines Lebenskonzepts." Gerade in solchen Lebenslagen sei Selbstkritik sehr entscheidend. "Was ist, wenn der Chefarzt recht hat", sagt Sabrina. "Das wäre eine Katastrophe. Ich hätte gar nicht die Energie, um mich um etwas Neues zu kümmern."

Für Sabrina stelle sich jetzt die Frage: "Worin will ich meine Kraft investieren? In den Beruf, oder in die Suche nach etwas Neuem", sagt Heckrodt. Scheitern könne zu einer sehr wichtigen Erkenntnis führen, zum Beispiel: Ab hier geht es nicht weiter. Aufgeben könne dann auch eine Befreiung sein. Dinge, die man nicht ändern kann, sollte man annehmen. Dann entstehe auch wieder Freiraum, um sich um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern. Im Zweifel rät die Therapeutin, sich auch einmal Rat und Unterstützung von anderen Menschen zu holen.

Pflege von Familienangehörigen

Andreas Freundin Sabine sitzt unterdessen am Küchentisch und vergräbt ihr Gesicht in den Händen. Die Hallo-Hallo-Rufe ihrer Großmutter, die vom Erdgeschoss nach oben dringen, nagen an ihren Nerven. Sabine antwortet nicht. Sie braucht jetzt dringend Ruhe.

So hat sich das die 37-Jährige nicht vorgestellt, als sie vor zwei Jahren von Nürnberg in die Oberpfalz zu ihrer Großmutter zog. Sabine wollte "da sein" für die damals noch recht agile 84-Jährige, wollte ihr das beruhigende Gefühl vermitteln, dass sie nicht alleine ist in dem großen Haus. Einen Umzug in ein Heim oder in eine andere Wohnung würde die Großmutter nicht verkraften, dessen war sich Sabine sicher. Deshalb versprach sie ihr hoch und heilig: Ich werde dich niemals in ein Heim stecken. Seit diesem Versprechen sind drei Jahre vergangen, und Sabine hat schweren Herzens beschlossen, ihre mittlerweile demente Oma trotz aller Versprechen nun doch in einem Heim unterzubringen. Sabine fühlt sich elend: "Ich bin so egoistisch."

"Umstände können sich ändern", tröstet Diplompsychologin Kohlhoff. Sabine wollte ihrer Großmutter helfen. Doch sie hat es sich zu einfach vorstellt. "Menschen denken in Bildern", erklärt Kohlhoff. Sabine hatte vor ihrem Umzug in die Oberpfalz das Bild vor Augen, wie sie ihrer Oma beim Einkaufen hilft, den Rasen mäht, Schnee räumt und ihr abends beim Essen Gesellschaft leistet. Doch jetzt sitzt sie allein in der Küche und weint. "Wir alle ‚scheitern‘ immer wieder im Leben - das ist unvermeidlich", sagt Kohlhoff. "Es geht darum zu lernen, mit Änderungen umzugehen. Deshalb gefällt mir das Wort ‚Scheitern‘ eigentlich nicht."

Sabine denkt an Nürnberg, ihre Freunde, Radtouren an der Pegnitz. Das alles fehlt ihr sehr. Sie denkt daran, wie ihre Oma nach ihrem Umzug aufgeblüht war, doch dann immer vergesslicher wurde. Seit einiger Zeit fällt es ihr immer schwerer, sich in Worten auszudrücken. Sie verlegt Schlüssel, vergisst Termine oder auch Rezepte, wie etwa das von den leckeren Germknödeln, die sie doch seit über 60 Jahren kocht.

Sabine macht sich Sorgen um ihre Oma. Einmal schlug sie deshalb vor, mit ihr zu einem Arzt zu gehen. Dieser sollte untersuchen, ob ihre Verwirrtheit der Anfang einer Demenz sein könnte. Ihre Großmutter aber reagierte gekränkt und abweisend. "Ich bin doch nicht verrückt", rief sie und schlug mit der Hand auf den Tisch. Das Arzt-Thema hatte sich damit erledigt.

Ratlos wischt Sabine Krümel vom Tisch. Aus Sorge traut sie sich kaum noch, für ein paar Tage fortzufahren. Kürzlich etwa vergaß die Großmutter, den Herd mit dem Kochtopf darauf auszuschalten. Als Sabine vom Einkaufen zurückkam, stand das Treppenhaus voller Qualm. In diesem Moment beschloss sie, ihre geliebte Oma in einem Heim unterzubringen. "Alles andere wäre verantwortungslos."

Andrea blickt auf die Uhr. Ach, das ist typisch für mich, denkt sie und lacht laut auf. Ständig verliere ich mich in Gedanken. Noch 20 Minuten bis zum Date mit Hannes. In seinem Tinder-Profil steht, er suche "eine Beziehung mit Substanz". Endlich ein richtiger Mann, träumt Andrea, und lächelt.

Damit die Liebe bleibt ...

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