24.06.2021 - 11:47 Uhr
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Eine Mutter erzählt vom Tod ihres Sohnes: "Die Sehnsucht bleibt"

Ein Sohn, der seine Dämonen nicht besiegen kann. Eine Mutter, die versucht, den Lauf der Dinge zu ändern. Und die Frage: Gibt es ein größeres Leid, als das zu verlieren, was man am meisten liebt?

Trauer hat viele Gesichter. Aber wie verarbeitet man den Verlust des eigenen Kindes?
von Laura Schertl Kontakt Profil

Ihren letzten gemeinsamen Spaziergang machen sie zwei Wochen vor seinem Tod. Sie gehen Kaffee trinken, reden miteinander. Über das, was passiert ist. Über das, was immer noch passiert. Die Mutter füllt ihrem Sohn die Dokumente aus, die er fürs Amt braucht. Er sei doch so hilflos gewesen, sagt sie. So zerrissen. Wäre er doch nur bei ihr geblieben.

An einem Tag Anfang März, im Jahr 1987, kommt ihr Sohn Johann in einem Dorf in der Oberpfalz auf die Welt. Mit ihm beginnt eine Geschichte, die sich über zwei Familien und zwei Orte erstrecken wird. Eine Geschichte, die tragischer nicht enden könnte. Der Vater ist Alkoholiker, im Rausch wird er gewalttätig. Drei Jahre alt ist sein Sohn, da würgt er die Mutter im Suff. Sie verlässt ihn, zieht mit dem Kind zurück in ihren Heimatort. Eine schöne Zeit hätten sie dort gehabt, erinnert sie sich. Doch der Vater habe ihn schon immer negativ beeinflusst und gegen die Mutter gestichelt. Als der Sohn sechs Jahre alt ist, lernt die Mutter einen neuen Mann kennen. Drei Jahre später heiratet sie ihn.

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Sie ziehen wieder um, diesmal nach Hirschau. Diese Zeit hätten sie so gut rum gebracht, erzählt die Mutter. Der Johann habe gern Fußball gespielt, sei ins Zeltlager gegangen. Er habe Freunde gehabt, echte Freunde. Doch mit der Pubertät sei alles anders geworden. Der Sohn wechselt auf die Realschule. Nur eine kurze Zugfahrt vom Elternhaus entfernt findet er nichts als falsche Freunde. Er habe aufgehört Sport zu machen, er habe so viel gelogen, sagt die Mutter. Beim Staubwischen findet sie ein kleines Tütchen mit braunem Inhalt in Johanns Zimmer. Als sie gemerkt habe, dass er Drogen nehme, sei es schon richtig schlimm gewesen, erzählt sie. Als Mutter sei man ja auch naiv. Man denke, das eigene Kind mache so etwas nicht. In der Schule sei der Johann immer so ein guter Schüler gewesen. Doch ab da wäre er immer schlechter geworden.

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Die Mutter spricht liebevoll über den Sohn. Ein gerahmtes Foto steht auf dem Regal über dem Fernseher, darauf blickt Johann lächelnd in die Kamera. Ein drahtiger junger Mann mit kurz geschorenen, dunklen Haaren. Auf einem anderen Bild drückt er lachend seine Mutter an sich. Arm in Arm stehen beide nebeneinander. Auf diesem Foto sehe man die Liebe zwischen ihr und dem Johann, sagt die Mutter.

Mit seinen Freunden fährt er regelmäßig über die Grenze nach Tschechien, um dort Drogen zu kaufen. Das Geld dafür hat er von seiner Großmutter. Die hätte ihn schon früher immer mit Spielsachen überhäuft. Später sei es dann Geld gewesen, erzählt die Mutter. Er sei von diesen Leuten einfach nicht weggekommen. Vermutlich hätten sie den Johann auch unter Druck gesetzt. Er hätte immer so viel Angst gehabt. Eigentlich sei das der Anfang vom Ende gewesen. Später, als ihr Sohn von den Drogen wegkommt, ersetzt er sie mit Alkohol. Da ist er gerade 16.

Der Scheideweg

Wenn die Mutter zu streng mit ihm ist, dann geht er zum Vater. Der wohnt auf einem Hof ein paar Dörfer weiter. Der Vater hätte schon immer einen Hass auf sie gehabt, sagt die Mutter. Sie habe sich schließlich von ihm scheiden lassen. Dort auf dem Hof wären alle Alkoholiker gewesen, der Johann hätte sich dort verkrochen. Da hätte sie ihn schließlich nicht kontrollieren können. Kurz darauf zieht ihr Sohn dauerhaft auf den Hof des Vaters. Es ist eine Hassliebe, die Vater und Sohn zusammenhält. Sie hätten nicht mit-, und auch nicht ohneeinander gekonnt, sagt die Mutter.

Wenn Johann und sein Vater sich schlagen und er ihn vom Hof wirft, dann kommt er zu seiner Mutter nach Hause. Die versucht ihn zu halten, doch schafft es nicht. „Immer kurz nachdem der Johann zu uns gekommen ist, hat sein Vater angerufen“, erzählt die Mutter. „‘Johann, ich brauche dich doch’, hat er zu ihm gesagt. ‘Ich bin doch sonst so allein.’“ Und Johann fühlt sich verantwortlich. Er ist zerrissen. Zwischen der sorgenvollen Mutter und dem suchtkranken Vater. Johann kehrt zu seinem Vater zurück.

Die Erkenntnis

Er geht auf Entzug und wird kurz darauf wieder rückfällig. Sie hätte so Angst gehabt, dass er sich das Leben nehme, erzählt die Mutter. Er sei doch so sensibel gewesen. Johann fährt betrunken Auto, baut einen Unfall. Man nimmt ihm den Führerschein ab, doch er fährt trotzdem. Zusammen mit ein paar anderen Vorstrafen bedeutet das vier Monate Gefängnis für den damals 22-Jährigen. Für sie sei das eine extrem schlimme Zeit gewesen, erzählt die Mutter. Sie hätten ihn alle drei Wochen dort besuchen dürfen, irgendwann habe er auch Ausgang gehabt. Sie hätten ihn gebeten, doch nun endlich bei ihnen zu bleiben, bei der Mutter und beim Stiefvater. Der hätte ihn schließlich wie seinen eigenen Sohn behandelt.

Johann wird frühzeitig aus dem Gefängnis entlassen. Er ruft seine Mutter an. „Am Telefon hat er nur gesagt, dass er entlassen worden ist“, erinnert sich die Mutter. „Ich habe ihm gesagt, dass er sofort in den Zug steigen soll und dass wir ihn dann am Bahnhof abholen. Doch der Johann hat nur geantwortet: ‘Ich bin schon beim Papa.’ Ich habe gedacht, ich sinke bis in den Keller rein. In diesem Moment habe ich gewusst, dass sich nichts ändern wird.“

Ab diesem Zeitpunkt fällt der Mutter das Erzählen schwerer. Auch jetzt noch, neun Jahre nach dem Tod von Johann. Diese Bürde, die nehme man mit ins Grab, sagt sie. Ihr Mann habe immer gesagt, die Reihenfolge wäre einfach falsch gewesen. Niemand sollte sein Kind beerdigen müssen. Im Haus der Familie gibt es das Zimmer von Johann immer noch. „Gleich wird es traurig“, sagt die Mutter. „Wenn ich das erzähle, dann steigen mir immer die Tränen in die Augen. Aber das macht nichts.“

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Eines Tages, als die Mutter Johann nach einem Spaziergang zurück zum Hof des Vaters fährt und sie gerade das Auto abstellt, sagt er zu ihr: „Mama, wir werden uns jetzt sehr lange nicht sehen.“ „Wieso Johann? Wie kannst du sowas sagen?“, erwidert die Mutter. Johann antwortet: „Das wird jetzt sehr lange dauern.“ Sie steigen aus, Johann entfernt sich 20 Meter vom Auto, dann dreht er sich um. Er winkt der Mutter zu, sagt: „Ich liebe dich, Mama.“ Wenn sie daran denkt, bekommt sie noch heute eine Gänsehaut. Es sind seine letzten Worte an die Mutter.

Die Kälte

An einem Tag Anfang August 2012 arbeiten Johann und ein Bekannter am Hof. Abends sitzen sie draußen, machen Brotzeit und trinken. Irgendwann geht der Bekannte zurück ins Haus, Johann bleibt sitzen und trinkt alleine weiter. Bis er einschläft. Die Nacht ist kalt, die Temperaturen fallen unter vier Grad. Der Alkohol in Johanns Blut beschleunigt den Wärmeverlust seines Körpers. Seine Körpertemperatur sinkt kontinuierlich. Schon ein bis zwei Grad können für den Organismus fatal sein.

Am nächsten Morgen klingelt das Telefon der Mutter. Es ist Johanns damalige Freundin. Sie habe eben am Hof angerufen. Es sei nur die Oma dran gewesen. Die habe gesagt, der Johann liege tot vor der Haustür. Die Mutter kann es nicht glauben, sie bittet ihren Mann, dort anzurufen. Doch bald herrscht schreckliche Gewissheit: Johann ist tot. Sie hätte einen Schock gehabt, erzählt die Mutter. Sie sei zu nichts mehr fähig gewesen. Sie bittet einen Nachbarn, sie zum Hof des Vaters zu fahren. Sie muss zurückkehren an den Ort, der nun ihrem Sohn das Leben gekostet hat. „In solchen Situationen macht man Sachen, zu denen man sonst gar nicht fähig wäre“, sagt sie. Um 10 Uhr morgens erreichen sie den Hof. Dort steht die bereits die Polizei. Johann ist in der Nacht an Unterkühlung gestorben.

Die Mutter steigt aus dem Auto aus wie ein Roboter. Sie will ihr Kind sehen, darf aber nicht. Noch ist die Polizei mit den Ermittlungen beschäftigt. Sie sieht Johann auf dem Hof liegen, unter einer Plane. Alles was sie erkennen kann sind seine schwarzen Haare und die Schlappen. Insgesamt sechs Stunden sitzt die Mutter mit ihrem Mann und dem Nachbarn an einer Kapelle gegenüber vom Hof und wartet, bis sie zu ihrem Sohn darf. Er hätte ausgesehen wie ein alter Mann, so lange wäre er schon tot gewesen, erinnert sie sich. Im Hintergrund sei der Vater wie ferngesteuert auf und ab gelaufen. Vermutlich hätte er ein schlechtes Gewissen gehabt,weil er nicht nach dem Johann geschaut hätte. Die Mutter bricht zusammen, sie müssen einen Krankenwagen rufen. Sie bekommt ein starkes Beruhigungsmittel.

Der Nullpunkt

Mutter und Stiefvater kehren nach Hause zurück. „Dort kam das Nicht-Wahrhaben-Wollen. Die Ausmaße der Trauer kann ich kaum beschreiben“, sagt die Mutter. Sie kann nicht mehr schlafen, nimmt in einer Woche 12 Kilogramm ab. Wenn sie spazieren geht, muss sie nach 20 Metern umkehren, dann verlässt sie die Kraft. Sie wird krank. Wie soll man auch den Tod des eigenen Kindes verkraften? „Ich habe nur noch funktioniert. Aber eigentlich habe ich mich jeden Morgen gefragt, wie ich diesen Tag schaffen soll.“

Irgendwann sagt ihr Mann: „So geht es nicht weiter, du musst zum Arzt gehen.“ Sie geht zum Neurologen, der verschreibt ihr Beruhigungstabletten und schickt sie auf Kur. Das sei ihre Rettung gewesen, sagt die Mutter. Sie hätte wieder gelernt, sich zu entspannen, wieder Freude zu empfinden und ein lebenswertes Leben zu führen. Als sie zurückkommt, hat sie wieder Kraft. „Die Sehnsucht wird immer bleiben“, sagt sie. „Aber sie ändert sich und man lernt, sie zu akzeptieren.“

In der Zeit nach Johanns Tod ruft ihr Mann sie jeden Tag von der Arbeit aus an. Er hätte furchtbare Angst um sie gehabt, sagt die Mutter. Aber im Grunde sei ihre Ehe noch enger geworden. Ohne ihren Mann würde sie heute wohl nicht mehr leben. Dann hätte sie sich einfach ins Bett gelegt und wäre nicht mehr aufgestanden. Sie selbst kann nicht in die Arbeit zurückkehren. Sie habe zehn Jahre lang um ihren Sohn gekämpft und versucht, ihn auf den richtigen Weg zu bringen, erinnert sie sich. Das habe ihr so viel Kraft geraubt, mit Stress hätte sie dann einfach nicht mehr umgehen können.

Der Aufstieg

Jetzt macht sie nur noch das, was ihr guttut. Sie treibt Sport, fährt Fahrrad. Insgesamt 6000 Kilometer hat sie damit schon zurückgelegt. Die Natur rette sie immer, erzählt die Mutter. Wenn sie ihren Sohn vermisst, dann geht sie ans Grab. Anfangs jede Woche, als es ihr besser geht werden die Abstände größer. Meistens bringt sie Blumen mit, dann fühlt sie sich ihrem Kind wieder näher. Sie kämpft sich ins Leben zurück. Trauerarbeit sei Schwerstarbeit, erklärt die Mutter. Man dürfe sich nicht unterkriegen lassen, man müsse viel an sich arbeiten. Die Trauergruppe habe ihr sehr geholfen, dort fühle man sich verstanden. Aber auch gute Lektüre und Gebete hätten ihr die Verarbeitung leichter gemacht.

Kurz nach dem Tod ihres Sohnes erhält sie von vielen Menschen Unterstützung. Doch Trauern ist ein langer, anstrengender Prozess mit vielen Rückschlägen. Nicht jeder hat dafür Verständnis. Nach fünf Monaten habe ihr Bruder ihren Mann gefragt, ob es ihr denn nicht langsam mal besser gehen müsste, erzählt die Mutter. Manche hätten die Straßenseite gewechselt, wenn sie sie in der Stadt getroffen hätten. Sie könnten oder wollten nicht damit umgehen. Da fühle man sich dann sehr allein gelassen und einsam. Dabei wäre es gerade in dieser Zeit wichtig gewesen, nicht allein zu sein. Der Mutter ist wichtig, dass die Menschen wissen, dass man auf Trauernde zugehen kann. Und das nicht nur die ersten Monate. Es sei so wichtig zu spüren, dass jemand an einen denke.

Die ersten Geburtstage, die ersten Familienfeiern, das erste Weihnachten ohne ihren Sohn – das seien die schlimmsten Momente gewesen. Da hätte sie das Gefühl gehabt, es zerreiße sie. Doch sie kämpft sich immer wieder zurück. Jetzt nimmt sich die Mutter jeden Tag etwas vor, das ihr guttut. Sie wartet am Balkon auf den Sonnenuntergang, geht an den See oder einfach nur spazieren. „Früher habe ich nicht gewusst, wie ich den Tag überstehen soll, jetzt wundere ich mich jeden Abend, dass der Tag schon wieder vorbei ist.“

Als Trauernder müsse man auch bereit sein, Hilfe anzunehmen, findet die Mutter. Gerade wenn man in all der Trauer gar kein Licht, mehr sehe. Man müsse sich Schwächen schließlich auch eingestehen. Und sowieso müsse man ja nicht immer nur stark sein, manche Dinge schaffe man einfach nicht alleine. Sich Hilfe zu holen, sei völlig normal. Man dürfe schwach sein. Man müsse sich selbst die Zeit geben, zu heilen.

Die Mutter gibt sich Zeit. Lange kann sie bunte Klamotten auf ihrer Haut nicht ertragen. Das sei ihr so falsch vorgekommen. Sie habe sich im Spiegel nicht wie sie selbst gefühlt. Doch ungefähr ein Jahr nach Johanns Tod, nach endlos scheinenden, dunklen Zeiten, nach Verzweiflung und harter Arbeit findet die Mutter wieder zurück. Die Welt um sie herum färbt sich wieder bunt. Denn auch in der schwärzesten Zeit gibt es Hoffnung. Das weiß sie jetzt. Für die Geburtstagsfeier ihres Vaters kauft sie sich ein rot-weiß-gepunktetes Kleid.

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