"Nicht nur die Kleidung der Sportlerinnen macht mir zu schaffen"

Oberpfalz
02.11.2022 - 08:28 Uhr

„Chefredakteur über dieses Sportfoto ,nicht glücklich‘“: Diesen Artikel fand der seit langem für unseren Verlag tätige Sportfotograf Hubert Ziegler hochinteressant. Er hat dazu einiges zu sagen.

Bikinis als „Arbeitskleidung“: Szene aus einem Beachvolleyball-Spiel bei den Deutschen Meisterschaften im September.

Zur Erinnerung: In der Ausgabe vom 17./18. September berichteten wir auf dieser Seite unter der Überschrift "Chefredakteur über dieses Sportfoto ,nicht glücklich'" über die Kritik von Leserinnen an einer in unserem Sportteil veröffentlichten Aufnahme. Das Bild, zur Verfügung gestellt von der Deutschen Presse-Agentur (dpa), zeigte zwei Turmspringerinnen in Aktion. "Bei dem Foto wird der Fokus bewusst auf den Po der Sportlerinnen gelenkt und nicht auf ihre herausragende sportliche Leistung", befand eine der Leserinnen. Im Nachhinein räumte Chefredakteur Kai Gohlke ein, ein anderes Bild wäre hier "die bessere Wahl gewesen".

Fotograf sagt: "Klasse Motiv"

Wobei Gohlke aber auch deutlich machte: "Rein fotografisch und journalistisch betrachtet, finde ich persönlich das verwendete Foto ein starkes Bild. Es zeigt sehr gut, worauf es in diesem Sport ankommt und was die Spitzenleistung der Europameisterinnen ausmacht: Körperspannung, Athletik, Exaktheit, Synchronität in der Bewegung."

"Nachdem der Artikel genau mein hauptsächliches Arbeitsumfeld betrifft, erlaube ich mir hierzu einige Anmerkungen", schaltete sich nun unser Amberger Sportfotograf Hubert Ziegler (48) in die Diskussion ein. Er sei ebenfalls der Meinung, dass es sich bei dem betreffenden Bild "um ein klasse Motiv" handele. Die Debatte sei zwar für ihn irgendwie nachvollziehbar, sagt Ziegler, allerdings könne er dem verantwortlichen Redakteur letztlich überhaupt keinen Vorwurf machen. "Das hauptsächliche Problem dabei ist meines Erachtens ganz einfach, dass wohl niemand damit gerechnet hat, welch große Diskussion dieses Bild auslöst." Ziegler würde es interessieren, welche Bilder in der Zeitung diesen Leserinnen ebenfalls nicht gefallen. "Das Ergebnis wäre bestimmt sehr aufschlussreich."

Er selbst, berichtet Ziegler, habe in den vergangenen Jahren "zunehmend mit der Außendarstellung insbesondere von weiblichen Sportlern zu kämpfen". Ziegler führt dazu aus: "Ich ziehe hier einen Vergleich damit, wie sich in der heutigen Zeit viele Jugendliche oder junge Frauen privat in der Öffentlichkeit präsentieren. Ich bin der Meinung, dass hier schon seit längerer Zeit ein gewisser Wandel stattgefunden hat. Ich stelle mir daher bei der Bildauswahl oft die Frage, ob ich gewisse ,grenzwertige' Szenen überhaupt der Redaktion anbieten soll. Dabei hilft es mir weiter, wenn ich mich frage, wie ich selbst als Betroffener auf das eine oder andere Bild reagieren würde. Wie bereits in Ihrem Artikel angesprochen, mache ich für diese Entwicklung auch die Sportartikelhersteller verantwortlich. Vor allem beim Volleyball ist in den letzten Jahren eine extreme Entwicklung zu verzeichnen. Oft stelle ich mir persönlich die Frage, ob das eine oder andere Trikot oder die knapp geschnittene Hose überhaupt noch schön ausschaut."

Doch nicht nur die Kleidung der Sportlerinnen mache ihm häufig zu schaffen, sondern auch der Gesichtsausdruck und die Körperproportionen, erzählt Ziegler: "Oft sitze ich sehr lange vor dem Computer und überlege hin und her, ob man ein Bild, das mir vielleicht persönlich sehr gut gefällt, ,verantworten' kann. Und das genau ist nicht nur bei Frauen ein riesengroßes Problem, sondern oft auch bei den Männern." Erst kürzlich habe er bei einem Fußballer lange darüber nachgedacht, ob er ihn mit heraushängender Zunge in der Zeitung präsentieren darf. "Auf der Suche nach einem ,besseren' Bild des Torschützen stellte ich dabei noch fest, dass genau dieser Spieler in fünf (!) Bildsequenzen immer mit hängender Zunge, also eine ,Angewohnheit', zu sehen war."

"Unvorteilhaft" in der Zeitung?

"Sehr ungern" erinnert sich Ziegler in diesem Zusammenhang an ein Bild von einer schon etwas älteren Tennisspielerin. Sie habe sich in der Zeitung unvorteilhaft dargestellt gefühlt und daraufhin "ihren Ärger auch in einer regelrechten ,Welle' bei anderen Tennisvereinen und Spielerinnen kundgetan". "Die sehr unangenehme Folge für mich war damals, dass mir kurz nach der Veröffentlichung des besagten Bildes eine weibliche Tennismannschaft aus dem nördlichen Landkreis die Fotoerlaubnis nur unter der Bedingung gegeben hat, dass ich vor der Veröffentlichung die Bilder zur Genehmigung vorlege", verdeutlicht Ziegler. Obwohl der damals verantwortliche Redakteur nach wie vor der Meinung sei, dass man dieses Bild veröffentlichen konnte, werde ihm diese Geschichte heute immer noch nachgetragen.

"Schlimm dabei ist jedoch, dass der Fotograf insbesondere von der Betroffenen bis heute überhaupt nicht in die Diskussion einbezogen wurde, eine persönliche Kontaktaufnahme mit dem Fotografen ist leider bis dato nicht erfolgt", fügt Ziegler hinzu.

Hubert Ziegler plaudert aus dem Nähkästchen

Oberpfalz07.07.2022
 
 

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