05.12.2019 - 10:32 Uhr
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Oberpfälzer Mundart ein "eigenthümlich singender Ton"

Die sogenannten "Physikatsberichte" zeichnen ein spannendes Bild vom Leben in der Oberpfalz vor 160 Jahren. Sie befassen sich mit Umwelt, Geburt, Ehe, Kleidung, Nahrung und auch Sittlichkeit.

Die Dorfschmiede in Atzmannsricht (Quelle: Dr. H. Batzl – „Geschichte der Gemeinde Gebenbach“).

Damals regierte König Max II. Joseph das Bayernland. Seine Regierungszeit (1848 bis 1864) war eine Zeit der Umbrüche und Reformen. Der Herrscher war volksverbunden, wissbegierig und wollte Bayern modernisieren. Dazu war ein Überblick über den Status quo erforderlich. So gab er 1860 seinen Amts- und Bezirksärzten den Auftrag, die Lebensverhältnisse in ihrem Bezirk niederzuschreiben. Es entstanden die, je nach Fleiß des Arztes, mehr oder weniger umfangreichen "Physikatsberichte".

Geistige Konstitution

Beginnend mit den Bodenverhältnissen, dem Wetter, der Pflanzen- und Tierwelt, befassen sich die Physikatsberichte vor allem mit dem Umfeld, dem Leben und dem Erleben der Bewohner. Geburt, Schule, Trauung, eheliches Leben, Kinderreichtum, Krankheiten, Tod gehören ebenso dazu wie die Wohnverhältnisse, die Kleidung, die Nahrung, die Beschäftigung, die Reinlichkeit, die Sittlichkeit und die geistige Konstitution der Bevölkerung.

"Man brauchte kräftige Bauern, taugliche Soldaten und fleißige Arbeiter für die Manufakturen. So bemühte man sich, die Zahl der Untertanen zu vermehren und die Sterblichkeit zu senken", schrieb Georg Moser 1959 im Bayerischen Jahrbuch für Volkskunde. So schreibt das Bezirksamt Vohenstrauß über die Einwohner: "Abgeschlossen nach außen, ist er desto offener unter den Seinigen, besonders, wenn er in seiner Mundart sich ergehen kann, die er nie vergisst. So schleift auch hier die Kultur, welche alle Welt belekt, allmählich den Charakter der Mundart. (...) Aber auch dann noch zeichnet ihn der eigenthümlich singende Ton als 'Oberpfälzer'. Im großen Durchschnitt besitzt die Bevölkerung viele geistige Anlagen, die über der Sorge für die tägliche Nahrung wegen selten höher entwickelt werden und sich in den Verkehrs- und Rechtsverhältnissen zur egoistischen Pfiffigkeit ausbilden."

Das Bezirksamt Neustadt meldet: "(Die Lagerstätten) sind oft mit gar keinen oder mit zerlumpten Überzügen versehen, welche Jahrelang nicht gereinigt worden sind. Die Federn in denselben sind gewöhnlich uralt (...). Es ist wahrlich zu bewundern, wie ein schwer Kranker imstande ist, auf solch einem Bette zu liegen, (...) da auf dem Hausboden im Hochsommer eine unerträgliche Hitze herrscht, und sich gewöhnlich eine Unzahl von Flöhen einfindet, welche namentlich durch zu große Unreinlichkeit erzeugt werden."

Musik vom Turm herab

Die Stadt Weiden berichtet über Hochzeitsbräuche: "Wenn die Ausstattung einer Braut aus dem elterlichen Haus in ihren neuen Bestimmungsort geführt wird, so werden der Hut und Peitsche des Fuhrmanns, sowie die Köpfe und Schweife der Pferde (...) mit rothen Bändern geziert, wobei in den Ort, wo der Brautwagen durchführt und ankommt von dem Thurme herab Musick gemacht wird."

Die Beispiele aus den meist weit über einhundert Seiten umfassenden Physikatsberichten ließen sich beliebig fortsetzen. Aus den Städten und Landgerichtsbezirken der Oberpfalz sind etwa 35 dieser Berichte reproduziert und in den Medien veröffentlicht worden. Interessierte erkundigen sich am besten bei ihren Heimatpflegern, Archivaren oder bei den Regionalgruppen des Historischen Vereins danach.

Einer der letzten Holzkohle-Hochöfen in der Oberpfalz: Bergham bei Nittenau um 1880 (Quelle: Eisenwerk-Gesellschaft Maximilianshütte 1853 bis 1953).
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