04.11.2021 - 10:28 Uhr
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Parkour: Die ganze Welt – ein Spielplatz

Parkour-Läufer sehen die Stadt mit anderen Augen. Mit präzisen Sprüngen und Schwüngen suchen die Bewegungskünstler immer neue, direkte Wege. Beim FC Schwarzenfeld trainiert eine kleine Gruppe ihre Fähigkeiten – und lernt dabei fürs Leben.

Springen, schwingen, kreativ sein: Parkour-Läufer suchen den direkten Weg
von Wolfgang Fuchs Kontakt Profil

Sind Parkour-Läufer in der Oberpfalz unterwegs, bleiben viele Menschen stehen, gucken, staunen und applaudieren bei dem, was sie da sehen. Andere schütteln verständnislos den Kopf. Sie halten die akrobatischen Sprünge der jungen Sportler für verantwortungslos und gefährlich. "Das ist aber ein Klischee", sagt Wolfgang Grabinger, Übungsleiter der Parkour-Gruppe des FC Schwarzenfeld. "Bei uns ist das nicht so. Wir bauen Pyramiden, keine Türme." Das heißt, die Parkour-Sportler bewegen sich so, dass es immer auch einen Rückweg gibt, wenn sie einen Fehler machen. Zudem gelte im Parkour der Kerngedanke: Nur die Sprünge wagen, die man auch schafft.

Die Parkour-Gruppe der Turnerabteilung des FC Schwarzenfeld beginnt ihr Training an diesem Donnerstag im Freien. Es nieselt, es herbstelt – kein ideales Wetter für Parkour-Sprünge? "Parkour ist bei jedem Wetter möglich – das ist unsere Devise", sagt Richard Polter, der die Gruppe gemeinsam mit Wolfgang Grabinger trainiert, und lacht. "Es ist eben alles eine Frage der Technik." Und der geeigneten Schuhe: "Am Besten sind möglichst dünne und durchgehend glatte Sohlen. So hat man ein besseres Gefühl und einen besseren Halt."

Grenzen spielerisch überwinden

Trotzdem sind die Gerüste und Gestänge am Aufwärm-Spot hinter der Sporthalle heute tabu. Dafür ist es zu rutschig. "Ob man draußen oder drinnen beginnt, macht aber keinen großen Unterschied", sagt Wolfgang Grabinger. Zwar kann man im Gegensatz zum Freien in der Halle die Hindernisse in unterschiedlichen Höhen aufbauen und so die Fallhöhe reduzieren, und Matten seien natürlich schon weicher als Teer.

"Aber als Anfänger beginnt man eh in kleinen Schritten. Da kann nicht viel passieren." Generell gelte im Parkour die Regel: Anfänger sollten in ihrem ersten Jahr nicht tiefer runterspringen, als sie raufspringen können. Jeder muss seine eigenen Grenzen erst erkennen, um sie dann spielerisch und langsam nach oben zu verschieben. Außerdem müssen sich Muskeln und Sehnen erst an diese Art der Belastung gewöhnen. Die Sportler der Parkour-Gruppe sind zwischen 12 und 27 Jahren jung – Altersgrenzen gebe es für diesen Sport nicht: "Es kommt ganz einfach darauf an, was man erreichen will", sagt Grabinger. Seinen Körper trainieren könne man in jedem Alter. An einem niedrigen Mauervorsprung beginnen die jungen Parkour-Begeisterten mit Dehn- und Aufwärmübungen, dann folgen leichte Standsprünge: "Mit beiden Beinen abspringen, auf einem Bein landen, und zwar auf dem Fußballen", ruft Wolfgang Grabinger. So entlaste man Knie und Sehnen, weil das Fußgelenk das Gewicht abfedert. "Und der Schwung lässt sich so besser mitnehmen."

Alternativ zum Abfedern gibt es allerlei andere Techniken, wie man möglichst geschickt landen kann, zum Beispiel Abrollen: "Das muss man aber erst lernen. Von Kindheit an entwickeln wir doch alle den Reflex, dass wir uns beim Fallen mit den Händen abstürzen. Dabei kann man sich aber leicht einmal am Handgelenk verletzen. Diesen Reflex muss man erst einmal heraustrainieren."

Parkour – eine Lebenseinstellung

Beim FC Schwarzenfeld gibt es derzeit rund 20 aktive Parkour-Turnerinnen und -turner. Der Verein bietet seit rund zehn Jahren die Sportart Parkour an. Den Anfang macht im Jahr 2011 der damalige Trainer Martin Kriste. Parkour ist zu diesem Zeitpunkt in der Oberpfalz noch nicht allzu sehr verbreitet. Der Lehrer möchte diesen Sport auch außerhalb vom Schulunterricht bekannt machen. Als die beiden Schwandorfer Freunde davon in der Zeitung lesen, sind sie sofort dabei. Zwei Jahre trainieren sie begeistert mit. Als Martin Kriste 2013 das Trainer-Dasein an den Nagel hängt, beschließen die beiden, selbst Trainer zu werden. In drei Kursen am Free Arts of Movement (FAM) in München saugen sie alle Informationen mit großer Wissbegier auf und sind seitdem anerkannte Parkour- und Freerunning-Trainer.

Versonnen überlegt Grabinger einen Augenblick. "Ja, Parkour ist eine Lebenseinstellung." Es vermittelt den Bewegungskünstlern ein starkes Gefühl von Freiheit. Jeder kann sein Training selbst zusammenstellen. Als Parkour-Läufer sieht man die Stadt mit anderen Augen, sucht immer nach neuen, direkten Wegen. Dabei kann so gut wie alles als Fortbewegungsmittel dienen – von Treppen-Geländern über Straßen-Pfosten bis hin zu Litfaßsäulen. Die ganze Welt wird zu einem Spielplatz. Sich austoben, klettern, balancieren, schwingen, präzise springen, abrollen, neue Techniken lernen, neue Bewegungsabläufe trainieren, mit flüssigen Bewegungen einen Flow entwickeln, mit der eigenen Kreativität spielen, das Kindliche bewahren. Wolfgang Grabinger fasst es so zusammen: "Mit dem Körper und seinen Grenzen arbeiten, das ist eine schöne Erfahrung. Viele Menschen verlieren diese Lust an der

Bewegung leider mit den Jahren."

Respekt und Achtsamkeit

Nicht aber die beiden Parkour-Trainer des FC Schwarzenfeld. Nahezu täglich treffen sie sich mit Freunden in ihrer Heimatstadt Schwandorf zur einer Runde Parkour – oft auch in Regensburg, wo es rund um den Verein "Parkour Regensburg" eine große Szene gibt. "Wirklich große Parkour-Szenen gibt es vor allem in den Großstädten, wie München, Nürnberg, Berlin. Aber auch in der Oberpfalz haben wir mittlerweile eine starke Gemeinschaft."

Sie alle verbindet der Parkour-Kodex: "Wir verändern in unserer Umwelt nichts und machen auch nichts kaputt. Es kommt darauf an, mit den gegebenen Umständen umzugehen", sagt Wolfgang Grabinger. Wenn Passanten ablehnend reagieren, etwa weil sie die akrobatischen Sprünge der Bewegungskünstler für gefährlich halten oder fürchten, dass die Sportler etwas kaputt machen, sei es vor allem wichtig, miteinander zu reden und Vorurteile aus der Welt zu schaffen. "Kommunikation ist das A und O." Respekt spielt in dieser Szene eine wichtige Rolle: "Drogen und Alkohol gehören bei uns nicht dazu – wir haben den Parkour, der uns hilft, den Alltag

im normalen Leben zu meistern." Dazu gehöre auch, dass man lernt, mit Ängsten und Selbstzweifeln umzugehen und diese zu überwinden, etwa durch gezielte Übungen, mit denen man sich seinem Ziel – zum Beispiel eines besonderen Sprungs – nach und nach annähert. "Diese Erfahrung lässt sich auf das gesamte Leben anwenden."

Neue Generationen rücken nach

Der Regen wird stärker, und langsam wird es draußen düster. Die Gruppe zieht in die Turnhalle um, wo jede Menge an großen und kleinen Hindernissen bereitstehen: Niedrige Kästen, hohe Kästen, Gestänge, kleine Matten, große Matten, Matten auf dem Boden,

Matten an den Wänden. "Ich finde das schon interessant", reflektiert Wolfgang Grabinger, während Richard Polter den Schülern Techniken erklärt: Salti, Seitswärtsrollen, Weitsprünge, Armsprünge, Präzisionssprünge. "Beim Parkour gibt es mittlerweile mehrere Generationen. Uns kam es anfangs vor allem auf das Überwinden von Hindernissen an. Heute machen die Jüngeren gleich doppelte Salti und Schrauben auf dem Boden." Die Denkweise habe sich verändert. Diejenigen, die neu dazukommen, lernen schneller, haben sich vieles im Internet abgeschaut und wollen das nun auch toppen. Auf Außenstehende könne das schon sehr beeindruckend wirken, gerade dann, wenn sie sich im Internet spektakuläre Sprünge ansehen: "Youtube-Videos täuschen aber auch oft: Man sieht eben nur den Erfolg, nicht aber die vielen Fehlversuche." Das Besondere an der Szene ist: "Man pusht sich gegenseitig, man bringt sich neue Techniken bei. Wenn etwas Neues klappt, freuen sich alle – egal, ob das jemand anderem gelungen ist oder einem selbst."

Ein Parkour-Platz für die Oberpfalz

Übrigens soll in Schwarzenfeld in der Nähe der Schule ein Parkour-Park entstehen. Den Schwarzenfelder Sportlern um Wolfgang Grabinger und Richard Polter liegt dieses Projekt am Herzen. Sie hoffen, dass der neue Park zu einem Oberpfälzer Hotspot für Parkour-Begeisterte wird. Zudem könne dieses Projekt auch Interessierte außerhalb Schwarzenfelds anlocken und Anfängern wie Fortgeschrittenen vielfältige Übungsmöglichkeiten bieten.

LEO trifft ... Musikerin Josie Paulus

Weiden in der Oberpfalz
Kommentar:

Parkour: Urbaner Hindernislauf

und bewältigt durch kombinierte Bewegungen möglichst effizient Hindernisse wie Mauern, Laternen oder auch Vorsprünge. Diese Sportart ist nicht neu. Schon in den späten 1980ern entwickelte Raymond Belle zusammen mit seinem Sohn diese scheinbar schwerelose Fortbewegungsart. Große Aufmerksamkeit erlangte Parkour in den 1990ern und 2000er Jahren. Filmproduzenten nutzten es für Spielfilme und Werbung. Inzwischen ist Parkour längst auch in der Oberpfalz angekommen. Ein Trendsport, der fordert, aber auch unglaublich viele Möglichkeiten bietet

"Es ist alles eine Frage der Technik." Richard Polter (25), Parkour-Trainer beim FC Schwarzenfeld.


"Parkour ist eine Lebenseinstellung." Wolfgang Grabinger (27), Parkour-Trainer beim FC Schwarzenfeld.


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