30.11.2021 - 11:46 Uhr
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Pro und Contra: (K)ein Held am Herd

Die Einen lieben es, die Anderen hassen es: Kochen. Auch die Redakteurinnen Laura Schertl und Julia Hammer könnten in dieser Hinsicht nicht unterschiedlicher sein. Ein kulinarisches Pro und Contra.

Ein wahrer Held am Herd ... nicht jeder kann das von sich behaupten.
von Julia Hammer Kontakt Profil

Julia Hammer: Kein Held am Herd

Man nehme eine Prise Unwissenheit, zwei gehäufte Teelöffel Ungeschick, 50 Gramm fehlendes Augenmaß und zwei Packungen mangelndes Talent – et voilà, fertig ist die Küchen-Katastrophe.

Richtig. Diese Küchen-Katastrophe – bin ich. 1,70 Meter geballte kulinarische Inkompetenz. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die es entspannt, stundenlang Zutaten zu schnippeln oder wissenschaftlich-komplexe Rezepte zu befolgen, um dann in präziser Feinarbeit einen Kuchen zu verzieren, der kurze Zeit später sowieso gegessen wird. Nicht, dass ich es nicht versucht hätte. Ich habe den Töpfen und meinem Backofen immer wieder Chancen gegeben. Beispiele? Pfundweise! Fangen wir mit meinem persönlichen Albtraum an: dem Backen. Wobei der Horror schon bei der Rezeptsuche beginnt. Ich klicke mich durch Unmengen von Back-Webseiten und suche nach den wichtigsten Kriterien: wenige Zutaten. Kurze Vorbereitungszeit. Schwierigkeitsgrad: sehr leicht. Lange Recherche ist notwendig, Spaß stelle ich mir aber anders vor. Dann wird es schwierig. Ich erinnere mich an meinen letzten Back-Versuch. Ein Marmorkuchen. Was soll da schon schief gehen? Sogar ich kenne alle Zutaten. Bei den Mengenangaben bin ich zuversichtlich. 500 Gramm Mehl – also grob eine halbe Packung. 3 Eier bekomme ich hin. 150 ml Milch kann ich abschätzen. Und 220 Gramm Zucker – wenn es ein paar Gramm mehr sind, was soll’s. Warum das Augenmaß? Weil ich weder Küchenwaage noch Messbecher besitze. Wofür auch? Für einen Kuchen pro Jahr?

Ich vermische alle Zutaten und schon steigt mein Puls. Eine hartnäckige Eierschale in der Masse, der Teig wird nicht fest – und auch 100 Gramm Zusatzmehl machen es nicht besser, sondern klebriger. Nervös kippe ich also die Kaugummi-Masse in die runde Backform (ich habe mich gegen den Kasten und für die runde Form entschieden, weil sie schöner aussieht). 2/3 schaffen es, 1/3 verteilt sich über meine Küche. Wunderbar. Zeit für Amaretto. Nicht für den Kuchen, sondern für mich. Nach 30 Minuten im Backofen zerbricht meine Illusion endgültig. Der Kuchen geht nicht auf. In meiner Verzweiflung rufe ich eine Freundin alias Backexpertin an. „Bist du wahnsinnig? Wenn da Kastenform steht, musst du die auch nehmen. Abgemessen hast du auch nichts, oder? Versaut. Zerbrösel den Teig und mach Créme drauf. Dann wird er eben gelöffelt.“ Er wurde gelöffelt – dieser traurige Nicht-Kuchen, mit dem ich meine Backkarriere endgültig beendete.

Ob mich Kochen mehr entspannt? Na, rate. Essen: definitiv. Aber Kochen – ich glaube, das liegt in meinen Genen. Als ich zehn war, hat mein Papa Nudeln im Topf anbrennen lassen. So stark, dass der Rauchmelder auslöste. An diesem Abend gab es Lieferpizza. Den Lieferdiensten bin ich treu geblieben. Für lange Kochabende alleine habe ich weder Zeit noch Geduld. Ich hasse es, mich in Rezepte einzulesen, lange Einkaufszettel zu schreiben. Apropos Einkauf. Als Single-Haushalt habe ich mein System perfektioniert. Ich weiß, was ich brauche, kaufe die richtigen Mengen und finde mich im Supermarkt meines Vertrauens zurecht. Es sei denn, mein System wird gestört. Die Folge? Komplette Hilflosigkeit – wie vor einigen Tagen. Ich habe mit einer Freundin einen Kochabend geplant. Kochen in Gesellschaft finde ich gut. Einige Zutaten haben noch gefehlt. „Wir brauchen Tonka-Zucker, Chavroux Tendre Bûche und eine Topinambur-Knolle.“ Keines, wirklich KEINES dieser Dinge kenne ich. Ich laufe durch den Laden, suche in Regalen und bin völlig verloren. Genervt bleibt mir nichts anderes übrig, als sie anzurufen und mich durch das Geschäft navigieren zu lassen.

Ob meine Küche immer ungenutzt bleibt? Nein. Ich besitze vier verschiedene Geräte, um Kaffee zu kochen. Das kann ich gut. Auch Pizza und Pasta funktionieren. Für alles andere habe ich ein Rezept entwickelt: Ich nehme eine Prise gut kochende Freunde, eine Handvoll Lieferdienst-Nummern und reichlich Restaurant-Abende. Et voilà – so funktioniert Genuss ganz ohne Küchen-Katastrophen.

Laura Schertl: Held am Herd

Morgens eine Butterbreze im Auto, mittags den fertigen Salat vom Supermarkt, abends schnell was vom Chinesen – klar, unser Leben ist oft hektisch. Dann noch Kochen? Für viele klingt das wie eine Utopie. Kein Wunder, dass Trinkmahlzeiten, Fertigprodukte und allerlei Riegel einen wahren Boom erleben. Eines unsere Grundbedürfnisse – Essen – ist zu einem lästigen Punkt auf unserer To-Do-Liste geworden.

Dabei muss Kochen nichts zu tun haben mit seitenlangen Rezepten und exotischen Zutaten. Denn Zeit für stundenlange Vor- und Zubereitung haben nun wirklich die wenigsten – auch ich nicht. Trotzdem finde ich es seltsam, dass wir uns einerseits fast durchgehend mit unserer Gesundheit beschäftigen, auf Instagram dem Hashtag #fitlife folgen und Unsummen für Cremes und Wunderpillen ausgeben – und andererseits völlig vernachlässigen, dass der eigene Traumkörper und das eigene Wohlbefinden an genau einem Ort beginnen: Unserem Teller. Und für den gebe ich mir wirklich gerne Mühe.

Denn auch, wenn ich keine überdurchschnittlich gute Köchin oder Bäckerin bin, habe ich doch ziemlich viel Spaß beim Ausprobieren und Experimentieren. Immer sonntags plane ich jede einzelne Mahlzeit für die nächste Woche und gehe dann Montagmorgen dafür einkaufen. Ich freue mich, wenn ein Rezept auf Anhieb gelingt – und oft fallen mir spontan noch Ideen ein, die ich unbedingt umsetzen muss. Noch schnell eine Marinade für den Tofu zusammenrühren oder ein Roggenbrot backen, nur um zu sehen, ob das klappt? Das kommt bei mir recht häufig vor.

Das heißt nicht, dass ich Schokolade auf ein Grad genau temperieren oder ein Steak perfekt medium rare braten könnte (schon allein, weil ich kein Fleisch esse) – aber ich finde es toll, neue Techniken kennenzulernen und auszuprobieren. Denn das erweitert nicht nur mein Skill-Set, es vergrößert auch den Pool an Rezepten, die ich kochen könnte. Aber auch, wenn ich Spaß am Ausprobieren und Testen habe, gerade unter der Woche muss es einigermaßen schnell und praktisch sein. Da tut es auch mal die Gemüsemischung aus dem Tiefkühlfach. Am Wochenende wühle ich mich allerdings durchaus gerne mal durch seitenlange Anleitungen und suche im Supermarkt nach der einen, seltsamen Zutat, die ich noch nie irgendwo gesehen habe. Ergänzend dazu habe ich mittlerweile zwei Blumenkästen mit selbst gezogenem Basilikum (das in diesem Jahr wirklich gewachsen ist wie Unkraut) und einen mit Schnittlauch und Salbei.

Ganze zwei Sommer habe ich gebraucht, bis ich verstanden habe, wie ich mich um das Basilikum kümmern muss, damit es nicht eingeht. Dafür habe ich mühevoll Zweige abgeschnitten, in Wasser gestellt, bis sich Wurzeln bilden und dann wieder eingepflanzt. Drei Gläser Pesto konnte ich mir daraus machen. Und auf die Gefahr hin, jetzt nach Hausfrau zu klingen: Selbstgemacht schmeckt eben schon oft am besten.

Diese Regel gilt aber nur eingeschränkt. Denn wenn ich eines gelernt habe: Gerichte von Mama schmecken beim Nachkochen nur annähernd so gut. Mein heiß geliebter Gemüsereis hat mich schon mehrere verzweifelte Anrufe bei meiner Mama gekostet und auch ihr Salatdressing habe ich noch nie so hinbekommen. Aber sind wir mal ehrlich: Sogar ein geschnittener Apfel schmeckt besser, wenn Mama das gemacht hat. Ein normaler Apfel und ein geschnittener Apfel von Mama sind zwei völlig verschiedene Obstsorten. Deshalb gilt im Zweifelsfall: Nicht verzagen, Mama fragen. Und viel ausprobieren. Denn Kochen lernt man nur durchs Kochen. Trotzdem kann ich verstehen, dass nicht jeder gerne in der Küche steht und sich durch komplizierte Anleitungen kämpft. Ihr Nicht-Köche, die ihr beim gemeinsamen Kochabend nur am Tisch sitzt und darauf wartet, ob ihr was schneiden sollt: Ihr seid herzlich eingeladen. Auf ein Glas Wein mit irgendwas zu Essen. Kein Fünf-Gänge-Menü, aber ein mit viel Liebe gekochtes Gericht. Ich kann nicht versprechen, dass es auch schmeckt. Ich koche gerne, aber ich habe nie behauptet, dass ich es besonders gut kann.

LEO Blog: Unvernünftig glücklich

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