21.08.2019 - 16:29 Uhr
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Seniorin stürzt im Heim - und keiner sieht es

Die Oma kommt aus der Kurzzeitpflege wieder nach Hause. Sie ist massiv verletzt: gebrochene Rippen, kaputtes Schlüsselbein. Das Heim bestreitet jede Verantwortung. Und das Gericht? Weist die Klage zurück. Der Grund: fehlende Beweise.

In Seniorenheimen wird die Pflege in der Regel lückenlos dokumentiert. Fehlt jedoch der entsprechende Eintrag, kann ein Vorfall auch nicht mehr nachvollzogen werden. Diese Erfahrung machte jetzt ein Angehöriger.
von Joachim Gebhardt Kontakt Profil

Der Vorfall ereignete sich vor über zwei Jahren in einem Seniorenheim im Landkreis. Rudolf P. (Name von der Redaktion geändert) gibt seine 88-jährige Mutter zur Kurzzeitpflege für vier Wochen dorthin, weil zu Hause das Bad behindertengerecht umgebaut werden soll. Als das Taxi sie wieder nach Hause bringt, sieht die alte Dame schlimm aus: Blaue Flecken überall an Armen und Oberkörper, große Schmerzen.

Der sofort verständigte Hausarzt weist die Seniorin ins Krankenhaus ein, dort diagnostiziert man sieben gebrochene Rippen, ein gebrochenes Schlüsselbein, zahlreiche Hämatome. Sofortige Rückfrage im Heim ergibt: Dort hat niemand etwas gesehen oder bemerkt. Das müsse beim Transport im Rollstuhltaxi oder zu Hause nach der Ankunft passiert sein - so das Heim.

Das wollen die Angehörigen aber nicht hinnehmen. Sie verklagen die Einrichtung auf Schmerzensgeld. Doch das Amtsgericht weist bei der Verhandlung in seinem Urteil die Klage ab. Begründung: Es könne keine Pflichtverletzung nachgewiesen werden. Denn in der Dokumentation der Patientin ist nichts über einen solchen Zwischenfall vermerkt.

Wenigstens Hilfe leisten

"Sie muss aber gestürzt sein, ob aus dem Rollstuhl oder Bett, auf jeden Fall in der Einrichtung", ist sich Rudolf P. ganz sicher. Die demente Frau hatte sogar ein Schutzgitter am Bett, das aber aus rechtlichen Gründen nicht angebracht werden durfte.

"Jedem und überall kann ja etwas passieren", meint er, aber dann solle man auch dazu stehen und Hilfe leisten oder holen.

Solche Fälle seien bestimmt Ausnahmen, gibt P. zwar zu, "aber Fakt ist, dass es vorkommt. Und dass aus Personalmangel, Zeitproblemen oder vielleicht auch, um Ärger zu vermeiden, bestimmte Vorkommnisse nicht vermerkt werden." Deswegen seien sich auch die meisten Experten einig, "dass die Dokumentation als Beweismittel völlig untauglich ist".

Seine Mutter wäre alleine gar nicht mehr hochgekommen, wenn sie gefallen sei. Und wenn man sich nicht um sie gekümmert hätte, dann wäre das zumindest unterlassene Hilfeleistung gewesen, meint er. Wie auch immer: Zu beweisen war nichts. Im Heim hatte niemand etwas bemerkt. Für Rudolf P. ist das absolut unverständlich. "Dabei sagte man mir, man hätte meine Mutter vor der Abreise noch geduscht. Doch dabei hätten ja zumindest die riesigen blauen Flecken auffallen müssen, und dass die Mutter nicht über Schmerzen geklagt hat - unvorstellbar!"

Kosten trägt der Kläger

P. wandte sich auch an den durchs Fernsehen bekannten Münchner Sozialpädagogen Claus Fussek - dieser benennt seit 30 Jahren Missstände der Pflegebranche unter dem Motto "Empört euch! Schämt euch! Beendet das Schweigen! Solidarisiert euch!". "Fussek sagte zwar, man müsse sich wehren, aber das sei in einem solchen Fall ohne Beweise natürlich schwierig", berichtet Rudolf P. bei dem Gespräch.

Die Seniorin ist übrigens noch im Jahr des Vorfalls verstorben. Und die Gerichtskosten? "Trägt der Kläger", steht im Bescheid. Rudolf P. wendet sich jetzt, nach dem Ende der juristischen Klärung, an die Öffentlichkeit - aus einem einfachen Grund: "Ich will nicht, dass so etwas wieder passiert. Und dazu müssen einige Missstände abgestellt werden."

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