14.07.2020 - 09:28 Uhr
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Tatkräftig gegen Corona: Stimmen und Stimmung

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Innovativ, schnell, nachhaltig - so hat das Handwerk immer reagiert, wenn es darum ging, Krisen zu meistern. Doch in Corona-Zeiten sind Herausforderungen vielfältiger.

Sogenannte Amerikaner mit jeweils einem Mundschutz aus Zuckerguss liegen in einer Bäckerei.
von Alexander Rädle Kontakt Profil

Wenn in den vergangenen Monaten etwas klar geworden ist: Das Corona-Virus hat unsere Gesellschaft und unser Leben komplett erfasst - zwar nicht in biologisch-medizinischem Sinn, aber doch ökonomisch. Insbesondere verbrauchernahe Branchen, etwa Kfz-Werkstätten oder das Lebensmittelhandwerk, waren vom Lockdown deutlich betroffen und konnten oftmals nur einen Bruchteil ihrer Geschäftstätigkeit weiterlaufen lassen. Auf dem Bau hingegen ging die Arbeit weitgehend störungsfrei weiter. Dennoch: Aufs Jahr 2020 gesehen - und quer durch alle Branchen - rechnen Vertreter des Handwerks mit einem Abschwung. Wie ist die Lage bei den Handwerksbetrieben in der Region? Wie haben sie bislang auf die Krise reagiert? Und wie geht's weiter? Vier Beispiele:

Autosattler Lothar Spranger stellte in Weiherhammer in kürzester Zeit einen Teil der Produktion auf Community-Masken um.

Von Planen zu Masken

Der Weiherhammerer Polsterer und Sattler Lothar Spranger hat im März schnell reagiert und Teile der Produktion umgestellt. „Einige meiner Beschäftigten kommen aus Tschechien. Dort gab es ja schon früher als bei uns eine Maskenpflicht“, berichtet Spranger. Die Probleme hüben wie drüben: Schutzmasken jeglicher Art waren Mangelware – und die genormten FFP-Masken ohnehin nur dem medizinischen Personal vorbehalten. Doch in Weiherhammer konnte man sich immerhin selbst behelfen. Denn zumindest für die Herstellung von „Community“-Masken verfügte der Betrieb Sprangers sowohl über passendes Material als auch über die richtigen Maschinen. Baumwollstoffe, Vlies, Fäden, Gummibänder – all diese Dinge braucht Spranger regelmäßig in seiner Autosattlerei und Polsterei. Tagtäglich im Einsatz sind natürlich auch Nähmaschinen, wenn beispielsweise Überzüge für Polster angefertigt oder repariert werden sollten. Also nähten die Spranger-Mitarbeiter „Community“-Masken – zuerst nur für den Eigengebrauch. Aber auch die externe Nachfrage stieg schnell. Das benachbarte Pilkington-Werk etwa fragte an, ob Spranger Mund-Nase-Schutz liefern könne. Er konnte – und zwar nicht nur an Pilkington. Unter den Firmen, die ja alle vor ähnlichen Herausforderungen standen, sprach sich schnell herum, dass Spranger Masken anfertigen kann. Und nicht nur das: Nicht zuletzt war Spranger auch in der Lage, den Mund-Nase-Schutz zu individualisieren. Zum Beispiel mit dem Firmenlogo. Corporate-Identity also auch in Krisenzeiten. Schließlich ist gerade in diesen Zeiten Zusammenhalt gefragt. In den ersten Corona-Wochen ruhte der Normalbetrieb zwar nicht komplett, dennoch nutzten die Mitarbeiter einen guten Teil ihrer Arbeitszeit für das Nähen von Nase-Mund-Schutz. Am Schluss dürften es schon rund 15 000 Stück gewesen sein, die über die Nähtische gingen – und von dort aus direkt ohne weite Lieferwege zumeist an Abnehmer in der Region.

Daniel Hirsch, Obermeister der Metzgerinnung Amberg-Sulzbach

Die Kantinenküche bleibt kalt

In der Metzgerei von Daniel Hirsch in Hohenkemnath bei Ursensollen (Kreis Amberg-Sulzbach) haben Partyservice und der Betrieb von Kantinen große Bedeutung. "Dieser Zweig ist komplett weggebrochen", berichtet Hirsch, der auch Obermeister der Metzger-Innung Amberg-Sulzbach ist. In normalen Jahren sind Frühjahr und Sommer die Zeit für Sommerfeste, Dult, Kirwa und Bergfest. "Das ist jetzt alles tot. Zum Glück haben wir noch den Laden. Die Metzgerei war während des Lock-Down immer geöffnet, als Teil der Grundversorgung. "Da haben wir höheren Zulauf feststellen können als vor Corona", so Hirsch. So mancher Kunde wollte wohl Menschenmassen meiden - und habe deshalb die Metzgerei dem großen Supermarkt vorgezogen. Weil Gaststätten, Kantinen und viele Betriebe geschlossen hatten, kochten viele Menschen zu Hause - und kauften eben zuvor beim Metzger ein. Zwischenzeitlich habe sich dieser Trend aber wieder abgeschwächt. Dennoch hofft Hirsch natürlich, dass sich langfristig wieder mehr Menschen auf den Kauf beim Metzger vor Ort zurückbesinnen. Zumindest kurzfristig würde das der Metzgerei helfen, die Belastungen etwas abzumildern. Für 20 Leute, die vor allem in Kantinen und im Partyservice beschäftigt sind, habe Hirsch Kurzarbeit anmelden müssen. "Wir haben versucht, einen Ausgleich durch das Ladengeschäft zu schaffen, wir konnten aber nicht alles auffangen." Zwischenzeitlich sei der Betrieb in den Kantinen mit den gleichen Auflagen wie in der Gastronomie angelaufen, allerdings sehr schleppend. Bei einem Umsatzvolumen von einem Drittel im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit und stabilen Fixkosten sei das aber nicht rentabel. "Die harte Zeit kommt erst noch", zeigt sich Hirsch besorgt. Freilich habe der Staat mit Sofort-Hilfen schnell und gut reagiert. Angesichts schrumpfender Rücklagen in den Unternehmen seien die Staatsgelder aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Bei allen Sorgen kann Hirsch aber auch von positiven Erfahrungen berichten: Hygieneregeln seien von der Kundschaft ohne Murren und Knurren eingehalten worden. "Alle waren vernünftig." Viel gegenseitiges Verständnis gebe es auch innerhalb der Firma. Die Mitarbeiter stünden zu ihr, hätten Verständnis für die Situation.

Dr. Georg Haber, Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, über Corona, Krisenresilienz und den "Club of Rome".

Mit Maske in die Backstube?

Mit Maske in die Backstube? "Das geht nicht. Da hat es Minimum 25 Grad drin", sagt Bäckermeister Alfred Schuller, gleichzeitig Obermeister der Amberger Innung. Er und seine Bäcker an den Öfen haben deshalb vor allem auf die Abstandsregeln geachtet. Handschuhe zu tragen war hingegen weniger problematisch. "Damit haben wir sowieso gearbeitet." Noch mehr als eine hygienische ist für die Bäcker Corona vor allem eine wirtschaftliche Herausforderung. Sie belieferten Gaststätten und Schulen. "Das ist weggefallen." Weil Kirchweihen, Bergfest und viele Fest abgesagt worden sein, fehle auch dieser Umsatz. Zwar würden Brot und Semmeln nach wie vor gebraucht, doch zumindest Schuller habe nicht viel gespürt, dass sich mehr Menschen zu Hause versorgen mussten. "Die ersten vier Wochen war im Laden nachmittags nichts los." Eine Ursache dafür, so vermutet Schuller, könnte gewesen sein, dass in der medialen Berichterstattung vor allem Supermärkte im Fokus gestanden hätten. Trotz aller Lockerungen: "Die meisten Leute sind angespannt." Das sei schon daran zu sehen, dass sich kaum jemand in Cafés setze. Um das Geschäft anzukurbeln, hat Schuller zum Beispiel Verkaufsaktionen gestartet. Um die Einbrüche zumindest teilweise abfangen zu können, hat Schuller Soforthilfe bekommen. Kurzarbeit für seine 16 Beschäftigten musste er nicht beantragen. Sie bauten stattdessen Urlaub und Überstunden ab. Schuller übt sich in pragmatischem Optimismus: "Wir stehen das alles durch. Wir haben motiviertes Team. Wichtig ist: Man darf den Humor nicht verlieren."

Endlich normale Auslastung

Stefan Fütterer (rechts) auf einer Baustelle.

„Wir spüren Corona arbeitstechnisch nicht“, sagt Stefan Fütterer, Geschäftsführer der Fütterer Stahl- und Metallbau GmbH aus Neustadt/WN. In der Baubranche habe es die vergangenen Jahre geboomt, die Auslastung habe sich zwischen 120 und 150 Prozent bewegt. Nun rechnet der Chef von 15 Beschäftigten damit, dass es in Zukunft „ein wenig ruhiger wird“. Das bedeutet: 90 bis 95 Prozent Auslastung – und damit eigentlich Normalbetrieb, da jeder an seiner Leistungsgrenze angelangt ist. Noch aber ist es nicht soweit: „Wir haben letztes Jahr Aufträge bekommen, die sich über die Zeit ziehen und jetzt ausgeführt werden.“ Es gilt, die zahlreichen Aufträge, die viele Betriebe der Baubranche aus Kapazitätsgründen vor sich herschieben, abzuarbeiten. Für die Handwerker bedeutet das nun eine zusätzliche Herausforderung: Sie müssen die Corona-Regeln einhalten. „Wir haben feste Trupps, die zusammenarbeiten. Wir wechseln nicht durch“, erklärt Fütterer. Die Arbeiter hätten Hygiene-Artikel dabei. Die Fahrzeuge seien mit Händedesinfektionsmitteln und jeweils mehreren Boxen an Mundschutz bestückt. Auch die Auftraggeber, Architekten und Bauherren achteten darauf, dass die gängigen Corona-Regeln auf den Baustellen eingehalten werden. Nicht zuletzt liegt das auch im Interesse der Firma. „Wir wollen niemanden gefährden“, so Fütterer. Bislang sei sein Betrieb „vernünftig durchgekommen“. Niemand in der Belegschaft sei krank gewesen. „Keiner hat sich beschwert. Alle haben an einem Strang gezogen. Da bin ich richtig stolz auf meine Leute.“ Auch seine Frau erwähnt er, die derzeit die beiden grundschulpflichtigen Buben tagsüber zu Hause betreut und nach Kontrolle der Hausaufgaben mit den Buchhaltungsarbeiten im Büro beginnen kann. Hierfür richteten die Fütterers ein Homeoffice ein, um die Büroarbeiten von daheim aus zu managen. Insgesamt ist Fütterer optimistisch und möchte im nächsten Jahr wieder investieren.

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