30.09.2019 - 11:50 Uhr
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Tote Hose in der Kiste

Sex soll ja die schönste Nebensache der Welt sein. Doch was tun, wenn in der Kiste nur noch Flaute herrscht?

Wenn Flaute im Bett herrscht, kann oft ein Paartherapeut weiterhelfen.
von Anne Sophie Vogl Kontakt Profil

Ungeklärte Fragen stehen im Raum. Unausgesprochene Vorwürfe an den Partner und sich selbst belasten die Beziehung. Das Schlimmste in diesem Fall ist Resignation. Doch so weit muss es gar nicht kommen. Im Interview mit Volontärin Anne Sophie Vogl klärt die Sexualtherapeutin Silvia Prechtl-Seitz aus Amberg auf, warum der Verlust der Lust Mann und Frau gleichermaßen betrifft, und warum Pornos vor allem jungen Paaren oft das Liebesleben versauen.

ONETZ: Frau Prechtl-Seitz, Paare in langen Beziehungen haben wenig bis gar keinen Sex mehr. Wahrheit oder Klischee?

Sexualtherapeutin Silvia Prechtl-Seitz: Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten, allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass Alltag und Vertrautheit im Laufe von langen Beziehungen oftmals dazu führen, dass Sexualität eine geringere Wertigkeit bekommt oder gefühlt sogar „mit Arbeit“ verbunden ist.
In einer längeren Beziehung wird die gemeinsame sexuelle Zeit oftmals richtig geplant, während es in der Phase höchster Verliebtheit häufig zu spontanem Sex kommt. In meiner Praxis erlebe ich, dass erste Probleme diesbezüglich besonders bei jungen Eltern auftreten, die kleine Kinder haben, den beruflichen Alltag meistern müssen und unter anderem ihre Wohnsituation vergrößern (etwa ein Haus bauen). Da kann dann schon die Lust auf der Strecke bleiben, weil weder viel Zeit für sich, noch Zeit als Paar bleibt. Allerdings kennen die meisten Menschen in festen Beziehungen, dass die Lust aufeinander unterschiedlich stark ist. So ist es auch völlig normal, wochen- oder monatelange Phasen ohne gemeinsamen Sex zu haben, vor allem wenn die Entwicklung auf Gegenseitigkeit beruht.

ONETZ: Verklärt das Internet unsere Sicht auf den Sex?

Sexualtherapeutin Silvia Prechtl-Seitz: Durch die unglaublich große Flut an Pornografie, die im Internet jederzeit verfügbar ist, geraten gerade junge Menschen schnell unter den Druck, diesem unnatürlichen Ideal riesiger Brüste, gigantischer Penisse, ungewöhnlicher, zum Teil schmerzhafter Sexualpraktiken und ständiger Lust nicht gerecht zu werden. Gleichzeitig ist es natürlich eben diese Gruppe, die ihre Probleme am ehesten verheimlicht, weil sie eben nicht in das Bild der perfekten Sexmaschine passen. Sie haben immer öfter Probleme, einen Weg zu einem erfüllten Sexualleben zu finden

ONETZ: "Tote Hose in der Kiste" lautet ja unser Titel: Da denkt jeder sofort an den Mann mit Erektionsstörung. Dabei kann es Frauen ebenso betreffen, oder?

Sexualtherapeutin Silvia Prechtl-Seitz: Bei Männern sind die auffälligsten Symptome sexueller Probleme die Erektionsstörung, aber auch die Ejaculatio Praecox (vorzeitiger Samenerguss). Hier sind die Schwierigkeiten natürlich auch schnell erkennbar. Eine Frau mit diversen Störungsbildern dagegen kann das durchaus manchmal verheimlichen, was aber nicht bedeutet, dass sie weniger von sexuellen Störungsbildern betroffen ist. Frauen leiden zum Beispiel unter Libidoverlust oder Unlust, Orgasmusstörung, Dyspareunie (Schmerzen beim Sex) oder Vaginismus (muskuläre Verspannungen der Vagina).

ONETZ: Was ist das häufigste Problem, das Paare im Bett haben?

Sexualtherapeutin Silvia Prechtl-Seitz: Vor allem der Libidoverlust (Mangel an sexuellem Verlangen) häuft sich in den letzten Jahren und ist wohl eine der häufigsten Sexualstörungen die gleichermaßen bei Mann und Frau auftritt. Die starke Unlust kann ein Schutz vor Angst, Versagen, Verletzung, Verantwortung, eine Form der Selbstbestrafung, oder auch ein Ausdruck eines ungelösten Konfliktes gegenüber des Partners sein. Manchmal sind Auslöser für sexuelle Störungen (etwa Orgasmusstörungen) Ängste und Stress, Sorgen im Beruf, sowie partnerschaftliche Probleme. Besonders bei Frauen ist es häufiger so, dass sie sich immer wieder die Frage stellen, ob sie gut genug aussehen und sich zudem nicht zugestehen wollen, auch einmal die Kontrolle zu verlieren. Traumatische Erfahrungen, besonders im Bereich sexueller Gewalt, können natürlich auch zu erheblichen Störungen der eigenen Sexualität führen. Diese sind aber sicherlich gesondert zu betrachten und zu behandeln, da sie tief in der Persönlichkeit des Betroffenen verankert sein können.

ONETZ: Was raten Sie Paaren, die unglücklich mit Ihrem Sex-Leben sind? Oder anders gefragt: Wie kann man die "tote Hose" wieder zum Leben erwecken?

Sexualtherapeutin Silvia Prechtl-Seitz: Paare einigen sich sexuell meist auf den kleinsten gemeinsamen Nenner und trauen sich häufig nicht, ihre Wünsche und Fantasien dem Anderen mitzuteilen. Zwei Menschen haben zwei unterschiedliche sexuelle Profile, so wie man auch optisch, charakterlich und mit seinen Erfahrungen, die man in der Vergangenheit gemacht hat, Unterschiede aufweist. Gewisse Vorlieben, manches erotische Detail und diverse Praktiken werden dem Partner nicht mitgeteilt, weil die Sorge besteht, von diesem verlassen oder verachtet zu werden. Offenheit dem Partner gegenüber, kann die Beziehung neu entfachen. Allerdings kann es auch weise sein, dem Anderen nicht alles zu erzählen, denn grundsätzliche Offenheit, die sich manches Paar vornimmt, kann auch naiv sein.

Info:

SO ARBEITET EIN SEXUALTHERAPEUT:

Die Grenzen zwischen Paar- und Sexualtherapie sind oftmals sehr fließend. Viele, nicht körperlich bedingte sexuelle Störungen sind auch in Problemen der Partnerschaft verankert. Auf der anderen Seite kommt es auch immer wieder vor, dass sich partnerschaftliche Probleme auf ein gestörtes Sexualleben zurückführen lassen, bzw. auf ein schwindendes körperliches Interesse, was sich dann eben im nachlassenden Sexualleben äußert. Das Gespräch eines Sexualtherapeuten kann helfen, der Ursache auf den Grund zu gehen und Lösungsansätze zu erörtern. Oftmals hilft es schon, wenn die Betroffenen erfahren, dass sie mit ihren Problemen – egal ob partnerschaftlich, oder sexuell – nicht alleine sind. Ziel der Therapie ist es, kommunikative Hemmungen in allen partnerschaftlichen Bereichen möglichst abzubauen und zu lernen, Probleme wertschätzend miteinander zu besprechen.

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