29.06.2020 - 09:41 Uhr
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Transplantationskoordinator: Zwischen Trauer und Hoffnung

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Xaver Bayer ist Transplantationskoordinator. Er organisiert nicht nur den Ablauf und den Transport einer Organspende, er kümmert sich auch um die Angehörigen. Eine Arbeit zwischen Feingefühl und Tatkraft.

Anrufe erreichen Xaver Bayer Tag und Nacht.
von Laura Schertl Kontakt Profil

Wenn ein Mensch sein Leben lässt, löst das nicht selten Trauer und Hoffnung zugleich aus. Trauer, weil Angehörige einen lieben Freund und Verwandten verloren haben. Hoffnung, weil der Verstorbene Organe spenden und damit anderen, schwerkranken Menschen ein neues Leben schenken könnte. Weil Trauer und Hoffnung nicht immer gut zusammenpassen, gibt es Xaver Bayer und seine Kollegen. Sie koordinieren Organspenden. Von Anfang bis Ende. Oder eher – von Ende bis Anfang.

Wann die Arbeit von Xaver Bayer beginnt, ist ungewiss. Manche Kliniken rufen ihn an, wenn vieles schon geregelt wurde. Wenn der irreversible Hirnfunktionsausfall (Hirntod) bereits festgestellt und ein Organspendeausweis vorhanden ist. Aber manchmal kommt es auch ganz anders. „Hin und wieder brauchen Kliniken Unterstützung bei der Hirntoddiagnostik. In solchen Fällen vermitteln wir erfahrene Fachärzte, die den Tod feststellen können“, erklärt der 55-Jährige. Die Vorgaben zur Feststellung des Hirntods sind strikt festgelegt. Zwei besonders dafür qualifizierte Ärzte müssen unabhängig voneinander die notwendigen Untersuchungen durchführen. Mindestens einer von ihnen muss Facharzt für Neurologie oder Neurochirurgie sein. nicht jedes Klinikum hat diese Kapazität. Auch nicht für Gespräche mit den Angehörigen. „Das kommt auch vor, das sich Krankenhäuser von uns einfach Unterstützung bei den notwendigen Angehörigen-Gesprächen wünschen. Dem kommen wir natürlich gerne nach. Aber am besten ist es für uns, wenn wir schon früh mit ins Boot geholt werden.“ Früh, das heißt manchmal schon, bevor der Hirntod endgültig festgestellt wurde. So können die Koordinatoren mit dem nötigen Wissen und Feingefühl nicht nur die Krankenhäuser, sondern vor allem auch die Angehörigen unterstützen.

Reicher Erfahrungsschatz

Xaver Bayer bringt viel Erfahrung in seine Arbeit ein. Nach einer Ausbildung zum Krankenpfleger in Regensburg macht er eine Zusatzausbildung für Anästhesie und Intensivmedizin. Es folgt ein zweijähriger Aufenthalt in der Schweiz und eine Zusatzausbildung für internistische Intensivmedizin. Zuletzt arbeitet er in Weiden. „Zwingend nötig sind die ganzen Zusatzausbildungen nicht. Aber viel Erfahrung ist absolut notwendig. Gerade wenn es um Intensivmedizin geht“, erzählt Xaver Bayer. Seitdem ist er Koordinator der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), der bundesweiten Koordinierungsstelle für postmortale Organspenden in Deutschland. Der Arbeitsalltag: Vielfältig. „Unsere Hauptaufgabe ist das Koordinieren von Organspenden. Ein Teil ist Büroarbeit, zum Beispiel das Schreiben von Briefen an die Angehörigen. Aber wir besuchen auch regelmäßig die Transplantationsbeauftragten der Krankenhäuser, um uns auf dem neuesten Stand zu halten.“ Dazu kommen Vorträge und Unterricht an Krankenpflege- und Intensivpflegeschulen. Der Arbeitsalltag von Xaver Bayer ist nicht nur schwer vorhersagbar, er ist auch sehr umfangreich. „Man hat sehr viel mit Menschen zu tun, ist aber auch medizinisch sehr gefordert.“

Authentische Entscheidung

Vor jeder medizinischen Untersuchung steht allerdings das Gespräch mit den Angehörigen. Auch wenn der Verstorbene der Spende bereits mit einem Ausweis zugestimmt hat. „Ich finde es wichtig, den Angehörigen zu erklären, wie der Prozess abläuft. Das hilft vielen dabei, den Prozess zu verstehen“, erklärt Xaver Bayer. Oberstes Gebot: Der Wille der Verstorbenen. „Gerade wenn es keinen Ausweis gibt, versuchen wir im Gespräch herauszufinden, was der Verstorbene gewollt hätte.“ um diesen Willen so authentisch wie möglich zu erhalten, werden für diese Entscheidung nur Angehörige zu rate gezogen, die in den letzten zwei Jahren regelmäßig Kontakt zum Verstorbenen hatten. Aber auch wenn keine Einigung besteht, zum Beispiel eine Erlaubnis zur Organspende vorliegt, die Hinterbliebenen aber dagegen sind, oder anders herum: Was letztlich gilt, ist der Wille des Verstorbenen. „Wer einen Organspendeausweis ausfüllt kann sich darauf verlassen, dass dem Folge geleistet wird“, erklärt Xaver Bayer. Bekommt Xaver Bayer grünes Licht für eine Organspende, kann er mit den notwendigen Untersuchungen beginnen. Zahlreiche Blutabnahmen für die Bestimmung der Blutgruppe und Virologie des Verstorbenen sind eine der ersten Maßnahmen. „Wir möchten sozusagen jedes Organ so gut wie möglich beschreiben können.“ Dafür wird obligatorisch ein Ultraschall des Bauches, ein Röntgen der Lunge und ein EKG durchgeführt.

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Wichtige Datenerfassung

„Weitere Untersuchungen hängen davon ab, welche Organe gespendet werden sollen. „Ab einem bestimmten Alter braucht man zum Beispiel noch einen Herzkatheter“, erklärt Xaver Bayer. Mit der sorgfältigen Datenerfassung sollen mögliche Infektionen und Erkrankungen des Spenders erkannt werden, um den Empfänger nicht zu gefährden. Die Ergebnisse überträgt der Koordinator anschließend in ein Computerprogramm, das eine Meldung an die Vermittlungsstelle Eurotransplant weiterleitet. Zusammen mit der Deutschen Stiftung Organtransplantation ist sie eine der drei Säulen der Organtransplantation. „Wir von der DSO sind für die Spende zuständig, Eurotransplant für die Vermittlung der Organe und die Transplantationszentren für die Operationen.“

Auswahl des Empfängers

Hat Xaver Bayer die Daten der zur Spende freigegebenen Organe anonym an Eurotransplant weitergegeben, sucht dort ein Computerprogramm nach passenden Treffern. "Das Programm sucht nach passenden Empfängern. Dabei spielen Aspekte wie Dringlichkeit, Gewebeübereinstimmung und Erfolgsaussicht eine wichtige Rolle", erklärt der 55-Jährige. Für diese Berechnung braucht Eurotransplant zwischen vier und sechs Stunden, dann bekommt Xaver Bayer die Information, wo und in welcher Klinik die Organe transplantiert werden. Es wird ein Zeitpunkt für die Organentnahme festgelegt, Operationen geplant und Chirurgenteams zusammengestellt.

Transport im Flugzeug

Für den Transport nutzen die Koordinatoren nahezu jede Möglichkeit. „Eine Niere zum Beispiel kann bis zu 24 Stunden nach den Richtlinien der Bundesärztekammer außerhalb des Körpers überleben. Die wird dann oft per Linienflug ins Transplantationszentrum gebracht. Ein Herz kann hingegen nur vier bis sechs Stunden überleben, das wird dann oftmals von kleinen Flughäfen aus geflogen, die extra für uns öffnen. Da sind wir immer sehr dankbar.“ Aber auch mit Auto oder Bahn werden Spenderorgane transportiert. Xaver Bayer selbst ist bei den Transporten nicht dabei. Das übernehmen spezielle Entnahmeteams der jeweiligen Kliniken. Xaver Bayer bleibt beim Organspender im Operationssaal. „Meine Arbeit ist erst beendet, wenn der Leichnam ordentlich versorgt ist. Auf Wunsch begleite ich die Angehörigen dann noch beim Abschied nehmen.“

Persönlicher Abschied

Den Verstorbenen nach der Organentnahme noch einmal zu sehen, ist für viele Angehörige wichtig. „Bevor die Organe nicht entnommen wurden, werden die hirntoten Patienten weiterhin intensivmedizinisch versorgt. Das heißt, sie bekommen Sauerstoff und der Kreislauf wird aufrechterhalten. unser Herz funktioniert auch ohne unser Gehirn. Wenn es also Sauerstoff bekommt, pumpt es unbeirrt weiter.“ Die Folge: Die eigentlich schon hirntoten Patienten sind warm, haben rosige Haut. Der Brustkorb hebt und senkt sich. „Für viele ist es dann schwer, den Tod zu akzeptieren. Dann den Leichnam nach der Organentnahme nochmal zu sehen, lässt die Angehörigen verstehen.“ Außerdem sehen die Hinterbliebenen, dass mit ihren Liebsten pietätvoll umgegangen wurde. „Viele wünschen sich zum Beispiel bei verstorbenen Kindern, dass die Kuscheltiere bei der Organentnahme dabei sein dürfen. Das wird auf jeden Fall umgesetzt. Die Operationswunden werden sorgfältig verschlossen und der Leichnam wird würdevoll übergeben.“

Die Arbeit von Xaver Bayer ist wichtig und oftmals nicht einfach. Doch ein vorhandener Organspendeausweis macht nicht nur seinen Beruf etwas leichter. „Auch für die Angehörigen ist es besser, denn dann müssen sie diese Entscheidung nicht für einen treffen. und auch wenn man nicht spenden möchte ist der Ausweis wichtig, denn in manchen Ländern ist man je nach Gesetz ohne einen Widerspruch auf dem Ausweis automatisch Spender.“ Auch wenn Xaver Bayer nicht allzu lang Kontakt zu den Angehörigen hat, auch die kurze Zeit ist oftmals sehr intensiv. „Wir hören uns die Geschichten der Menschen an, informieren und nehmen Ängste. Ich versuche immer, vor allem zuzuhören. Jeder Mensch trauert anders. Manche werden wütend, andere schweigen nur. Man kann die Trauer niemandem abnehmen, aber man kann die Menschen begleiten.“

Tröstliche Mitteilungen

Wer möchte, kann nach der Transplantation nach beidseitigem Einverständnis anonym erfahren, wie es dem Empfänger mit dem neuen Organ geht. „Das ist ein Angebot, das sehr gerne angenommen wird. und diese Ergebnisbriefe zu schreiben ist auch eine der schönsten Aufgaben“, erzählt Xaver Bayer. „Für viele ist es auch ein Trost zu wissen, dass die Organe weiterleben. Gerade bei Eltern verstorbener Kinder. Da konnte ein schlimmer und sinnloser Tod zumindest noch etwas Gutes bewirken.“

Menschen sterben nicht nur tagsüber. Xaver Bayer und seine Kollegen stehen rund um die Uhr für die Krankenhäuser zur Verfügung. um den Willen der Verstorbenen herauszufinden. um anderen vielleicht ein neues, gesundes Leben zu schenken. Einen neuen Anfang. Hoffnung. Die Entbehrungen und Schwierigkeiten seines Berufs nimmt er dafür gerne in Kauf. „Es gibt kein schöneres Gefühl, als nach einer erfolgreichen Spende nach Hause zu fahren und zu wissen: Heute hat einfach alles geklappt.“

Hintergrundinformation:

Deutsche Stiftung Organtransplantation

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) ist die Koordinierungsstelle für die postmortale Organspende in Deutschland. Die gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Frankfurt am Main setzt sich gemeinsam mit Entnahmekrankenhäusern und Transplantationszentren dafür ein, möglichst vielen Patienten auf Wartelisten mit einem geeigneten Spenderorgan ein neues Leben zu ermöglichen. Besonders wichtig ist den Mitarbeitern der sorgfältige, respektvolle und verantwortungsvolle Umgang mit Verstorbenen und Angehörigen. Der Wille der Verstorbenen und ihrer Familien steht im Zentrum jedes Organspendeprozesses und ist oberstes Gebot der Deutschen Stiftung Organtransplantation. Für die Angehörige bieten die DSO außerdem ein weitreichendes Betreuungsangebot. Durch strukturierte und transparente Arbeitsprozesse kann die Stiftung nicht nur eine hohe Erfolgsaussicht und Sicherheit für die Transplantation gewährleisten, sie stärkt damit auch das Vertrauen in das System der Organspende. www.dso.de

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