02.03.2020 - 12:56 Uhr
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Zwischen Faschingstreiben und Spitzentanz - Ein Tag als Gardemädchen

Glitzernde Kostüme, wallende Perücken, zahlreiche Auftritte. Bei der Knappnesia Sulzbach-Rosenberg ist in der Faschingszeit ordentlich was los. Von tosendem Applaus bis zu kleineren Unfällen, alles ist möglich.

Der große Gardetanz ist das Highlight des Abends.
von Laura Schertl Kontakt Profil

Im Gang des Altersheims, gleich hinter dem Gesellschaftszimmer, tobt ein buntes Durcheinander. Kleiderhüllen stapeln sich auf dem Boden, Jacken, Schminkkoffer, Taschen daneben. Die Tänzerinnen schnüren Schuhe, binden Fliegen, flechten Haare. Es riecht nach Parfum. Letzte Absprachen , nervöse Blicke. Für die Bambinigarde geht es gleich zu ihrem großen Auftritt. Mittendrin: Romina Päßler. Die 26-Jährige gehört hier zu „den Großen“. Seit acht Jahren ist sie Teil der Knappnesia Sulzbach-Rosenberg. Die Leidenschaft fürs Tanzen hatte sie aber schon länger. „Bevor ich zur Garde gekommen bin, habe ich lange Ballett getanzt. Aber insgeheim wollte ich schon immer mal Faschingsprinzessin sein“, erzählt die hübsche junge Frau. Ihre Eltern waren von der Idee erst nicht begeistert. „Die haben mir immer gesagt, das kann ich machen, wenn ich achtzehn bin“, schmunzelt Romina und setzte genau das dann auch in die Tat um. Ihr Traum von der Faschingsprinzessin erfüllte sich 2017. Heute ist sie ein erfahrenes Mitglied der Knappnesia und Vorbild für die Kleinsten. In der Bambinigarde sind die Jüngsten gerade einmal fünf Jahre alt. Entsprechend sorgfältig kümmern sich Gardeausbilderin Heike Gradl und die anderen Mitglieder um den Nachwuchs. „Nicht trödeln“, schallt es immer wieder durch den Gang. Jetzt muss es schnell gehen. Strumpfhosen anziehen, Unterhemden sauber in die Röcke stopfen, Rouge und Glitzer auftragen. Auch Romina hilft mit. Sie zupft Kostüme zurecht, bindet Schleifen und gibt letzte Tipps. Bei den Kindern ist sie sichtbar beliebt. Die Kleinen erzählen Witze, spielen mit Rominas langen braunen Zöpfen. Aber auch unter den Erwachsenen ist die Stimmung ausgelassen. Sie trinken Sekt, Snacks stehen auf einem Servierwagen. „Hat jetzt jeder Lidschatten und Glitzer?“ Ein einstimmiges „Ja“ ertönt. Es kann losgehen.

Romina hilft den Kleinsten beim den Vorbereitungen.

Christian Kellner, Präsident der Knappnesia, begrüßt die Senioren und gibt das Signal zum Einmarsch. Romina ist bei den Auftritten am Nachmittag nur zur Unterstützung dabei. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Bambinigarde, die ihren eigenen Tanz aufführen. Heike Gradl kniet in der ersten Reihe zwischen den Stühlen und tanzt den Kindern die Choreografie mit den Händen vor. Das Publikum ist begeistert, die Freude der Senioren ansteckend. Als Christian Kellner zur Schunkelrunde aufruft, gibt es kein Halten mehr. Die Gardemädchen, Prinz und Prinzessin mischen sich unter die Leute, haken sich ein und schunkeln kräftig mit. Die meisten der Bewohner können den Text des Ohrwurms „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ lückenlos. Bei „Heute blau und morgen blau“ singen zwei nebeneinander sitzende ältere Damen besonders laut – und lachen herzlich. Es folgt eine Polonaise durch den ganzen Raum, angeführt von Präsident Christian Kellner. Als sich die irgendwann unabsichtlich trennt und die hintere Hälfte in eine völlig andere Richtung steuert, schmunzelt er nur. Auch kleine Pannen werden bei der Knappnesia mit Humor genommen, etwas anderes wäre für eine Faschingsgesellschaft wohl auch unpassend. Nach dem Ausmarsch, begleitet von lautem Applaus, knüpft die lockere Stimmung des Auftritts nahtlos an die emsige Hektik der Vorbereitung an. Die Bambinigarde hat ihren Job für heute erledigt, alle anderen ziehen weiter. Ab ins nächste Altenheim. Drei Stück stehen heute insgesamt auf dem Plan. Die Zeitfenster sind eng. Insgesamt hat sie Knappnesia in der Faschingszeit über 50 Auftritte. Romina zieht nur eine Jacke über ihr Kostüm, schlüpft in andere Schuhe und klemmt sich die Taschen unter die Arme. Weiter geht’s. Ist dieser straffe Terminkalender nicht manchmal anstrengend? „Die Auftritte sind schon sehr aufwändig und man hat nicht viel vom Wochenende, manchmal fehlt die Motivation. Aber sobald man auf der Bühne, steht ist das wieder vergessen“, erzählt sie. Zwei Mal pro Woche trainieren die Tänzerinnen ab Ende Juli. In der Faschingszeit findet nur noch ein mal pro Woche ein lockeres Training statt.

Haare kämmen, Zöpfe flechten - hier hilft man sich gegenseitig.

Es sind nur ein paar Minuten Autofahrt bis zum nächsten Altersheim. Hier hat die Kindergarde ihren Auftritt. Mit dem Showtanz „Unter dem Meer“. In Fischkostümen warten die meisten schon in der Umkleidekabine im Untergeschoss. Als Romina eintrifft, wird sie sofort in Beschlag genommen. „Kannst du mir die Haare machen?, „Darf ich dir was zeigen?“, „Ich kenne einen super Witz!“. Auch bei der Kindergarde ist die junge Frau beliebt. Sie hilft den Kleineren, wo sie kann. Haare kämmen, flechten oder einfach nur zuhören. Doch Grenzen gibt es auch hier. „Die Schuhe binden kannst du dir schon selber. Du bist alt genug“, antwortet Romina einem Mädchen. „Dann frag ich eben wen anders.“ Auf einem Tisch stehen Krapfen, Kaffee und Limo. Eine willkommene Stärkung vor dem Auftritt. Wieder wird im Akkord geschminkt, es werden Kostüme festgesteckt und Glitzer aufgetragen. Christian Kellner begrüßt die Leute, Einmarsch, Showtanz der Kindergarde, Schunkelrunde, Polonaise, Ausmarsch, Umziehen, Weiterziehen. Beim dritten Mal läuft es ähnlich. Dann Ende. Vorerst. Abends steht der große Aufritt der Garde an, zusammen mit dem 25-minütigen Showtanz.

Glitzer, Rouge, roter Lippenstift: das Markenzeichen der Gardemädchen.

Um 20 Uhr treffen sich die jungen Frauen im Amberger Congress Centrum. Der Auftritt beginnt um 21 Uhr. „Treffpunkt ist immer eine Stunde vorher. Da haben wir dann genug Zeit, um uns umzuziehen, zu schminken und uns aufzuwärmen“, erklärt Romina. Gerade für den Gardetanz ist das besonders wichtig: „Wir nehmen uns davor schon zwanzig Minuten Zeit zum Dehnen, damit wir uns nicht verletzen.“ In den Gängen stehen Kleiderständer mit Kostümen, die Garderobe ist voll. Für den großen Showtanz bereiten die Frauen ihre Kostüme vor. Jede muss während des Tanzes in wenigen Minuten bis Sekunden ihr Outfit wechseln. Behilflich sind ihnen dabei ihre Kolleginnen. Als sogenannte Umzieherinnen halten sie die Kleider bereit, sprechen mit den Tänzerinnen die Reihenfolge durch und helfen beim Rein- und Rausschlüpfen. „Ohne sie würden wir nicht rechtzeitig auf der Bühne stehen, weil es schon mal vorkommen kann, dass man nur 30 Sekunden hat um vom einen in das andere Kostüm zu wechseln“, erzählt Romina. Die bekommen die Tänzerinnen umsonst, sie bleiben Eigentum des Vereins und werden nach den Auftritten dem Vereinseigenen Kostümverleih zur Verfügung gestellt. „Wir haben das große Glück, dass wir bei der Knappnesia eine Schneiderin haben. Mittlerweile helfen aber auch drei unserer Tänzerinnen mit. Die Ideen für unsere Kostüme kommen von Heike Gradl, auch die Stoffauswahl. Für jeden von uns werden die Stücke dann nach Maß geschneidert“, erzählt Romina.

Der Gardetanz ist schnell und anspruchsvoll.

Das Publikum am Abend ist wesentlich größer, die Tänze anspruchsvoller. Noch vor dem Beginn bringen die jungen Frauen die Kostüme in einen Raum neben der Bühne. Auf den Gängen wird sich gedehnt und aufgewärmt. Der erste Tanz ist, wie immer, der Gardetanz. Bis zur Hälfte läuft alles nach Plan, dann stoßen zwei der Tänzerinnen beim Radschlag zusammen. Mit dem Fuß tritt eine der Frauen der anderen ins Gesicht. Sie bleibt stehen, greift sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an die Nase. Eine der umstehenden Mitglieder zieht die Verletzte sofort aus dem Tanz und führt sie weg von der Bühne. Die Tänzerinnen machen weiter. Wie heißt es so schön? The show must go on. Als die Frauen nach dem Tanz in der Garderobe ankommen, sitzt die Getroffene auf der Bank. Sie hat bereits ihr nächstes Kostüm an. Es ist nichts schlimmeres passiert, zum Glück. „Sowas passiert uns sonst nie“, sagen die Tänzerinnen, „Wir hatten so viel Platz, und trotzdem stoßen wir zusammen.“ Auch solche Pannen gibt es. Romina erinnert sich an einen ähnlichen Fall: „Wir hatten vor ein paar Jahren ein Tanzpaar. Bei einem Auftritt ist sie von ihrem Partner abgestürzt, als sie auf seinen Schultern stand. Da war im ganzen Saal Totenstille, aber nach ein paar Minuten haben die beiden an der Stelle weitergetanzt, an der der Unfall passiert ist.“ Tänzerin bei der Garde zu sein ist eben nicht nur Spaß und Heiterkeit, manchmal ist es schmerzhaft, vielleicht sogar gefährlich. Was echte Gardemädchen aber ausmacht ist, dass sie weitermachen. Und genau das tun sie. Der Showtanz beginnt, alles klappt reibungslos. Die verletzte Tänzerin steht wieder auf der Bühne und begeistert das Publikum mit einem akrobatischen Paartanz. Romina ist Teil eines wunderschönen modernen Tanzes mit dem Titel „The Rose.“ Ihr Lieblingstanz. Wallende Stoffe und eine elegante Choreografie bezaubern die Zuschauer. Im Scheinwerferlicht glitzern die Kostüme der Tänzerinnen. Tosender Applaus beendet die Aufführung.

Bei der Garde gibt es ein bisschen von Allem. Klassisches Ballett auf Spitze, Hip Hop, Modernes. Vielseitigkeit macht die Tänze der Knappnesia aus. Auch wenn die Wochenenden in der Faschingszeit oft lang sind, der Spaß überwiegt. „Sobald man auf der Bühne steht, ist der Stress vergessen und man freut sich, wenn man das Publikum mit seiner Leistung begeistern kann“, erzählt Romina. Für sie und ihre Kolleginnen endet hier ein Tag voller Auftritte. Ein Tag zwischen Faschingswirbel und Spitzentanz.

Die Kostüme beim Showtanz sind aufwändig und maßgeschneidert.
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