12.02.2019 - 15:15 Uhr
PlößbergOberpfalz

Begegnungen, die bleiben

Jutta Frankenhäuser war als "Hospitaliera" auf dem Jakobsweg. Bereits vor zehn Jahren pilgerte die Plößbergerin nach Santiago de Compostela und wollte dem Weg etwas zurückgeben. Über Ostern wird sie ein zweites Mal Herbergsleiterin.

Jutta Frankenhäuser erzählt von ihrer Zeit, als sie für drei Wochen eine Pilgerherberge auf dem Jakobsweg in Pamplona leitete.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Nach dem ersten Mal auf dem Jakobsweg ist Jutta Frankenhäuser infiziert. Bereits 2008 ging die heute 65-Jährige die letzten 250 Kilometer bis nach Santiago de Compostela. Warum sich Pilger auf den Jakobsweg machen? Das frage man nicht. Der christliche Grundgedanke sei zwar da, aber viele Pilger würden eine Auszeit aus dem hektischen Alltag suchen oder ihre Grenzen ausloten wollen. So war es auch bei ihr. "Ich wollte diese Zeit für mich." Der Weg hat die Plößbergerin in zehn Jahren nicht losgelassen: "Ich hab mir immer wieder gedacht, dem Weg etwas zurückzugeben." In Rente möchte sie sich als Herbergsmutter am Jakobsweg engagieren, nimmt sie sich vor.

Seit Oktober 2017 ist Frankenhäuser nun in Rente. Als ihre Tochter fragte: "Was ist denn nun mit deinem Traum?", recherchierte sie im Internet und in Facebook-Foren. Dort fand die Oberpfälzerin die Jakobsfreunde Paderborn. Der Verein betreibt in Pamplona - eine Partnerstadt Paderborns - eine Pilgerherberge. "Ich hab' dort angerufen und mich vorgestellt." Frankenhäuser wird Mitglied bei den Jakobsfreunden und reist im November 2017 zur Jahreshauptversammlung, wo die Herbergsleiter eingeteilt werden. Voraussetzung für diese Tätigkeit ist, dass der Bewerber selbst den Jakobsweg gegangen ist. "Das deutsche Wort Herbergsmutter trifft's eigentlich nicht. ,Hospitaliera' ist der spanische Begriff für Herbergsleiterin", erklärt die Mutter von drei erwachsenen Kindern.

Zunächst macht Jutta Frankenhäuser, die auch die Nachbarschaftshilfe in Plößberg leitet, im Januar 2018 mit 15 weiteren Neulingen einen Einführungskurs in der Pilgerunterkunft in Pamplona. Vormittags lernen die Teilnehmer Spanisch, nachmittags die Herberge und die Stadt besser kennen. "Es kommen ja die unmöglichsten Fragen: Wo ist der nächste Schuster, ein gutes Restaurant oder eine Bank. Man soll die Leute auch beraten können", sagt Frankenhäuser. Das Haus "Albergue Casa Paderborn" ist eine städtische Pilgerherberge. Der Verein füllt das typisch spanische Haus am Stadtrand Pamplonas mit Leben. In fünf Zimmern ist Platz für 26 Pilger, die dort in Hochbetten untergebracht sind. Geöffnet ist von März bis Oktober. Die Übernachtung kostet 7 Euro, das Frühstück 3 Euro. Immer zwei Herbergsleiter des Vereins sind für drei Wochen ehrenamtlich im Einsatz.

Engagement kein Urlaub

Mitte August fliegt die 65-Jährige dann nach Bilbao, von dort geht es eineinhalb Stunden mit dem Bus nach Pamplona. Dort trifft sie ihre Partnerin Rita, sie hat bereits Erfahrung als Herbergsleitung. Die beiden sind im gleichen Alter. "Wir haben uns auf Anhieb sehr gut verstanden", sagt die Oberpfälzerin über ihre Bielefelder Kollegin. "Auch wenn sich Rita nicht an meinen Dialekt gewöhnen konnte", scherzt Frankenhäuser und lacht.

"Anfangs dachte ich: Ein bisschen Haushalt, ein bisschen Pilger betüdeln. Aber es war wirklich anstrengend. Man ist morgens die Erste und abends die Letzte. Nach den drei Wochen war ich ziemlich kaputt", sagt die dreifache Oma über ihre Zeit als Herbergsleiterin. Weil sie über 20 Jahre eine Ferienwohnung vermietete, habe sie zwar Erfahrung, aber die Arbeit im Norden Spaniens sei anders. "Es ist fordernder, man muss immer präsent sein." Es gibt kein Wochenende, keinen freien Tag. "Viele denken ,Ach schön, drei Wochen Urlaub in Spanien'. Aber so ist das nicht." Dennoch: "Ich war drei Wochen so erfüllt mit allem. Ich möchte keinen Tag missen." Heimweh hatte sie nicht. "Dazu war gar keine Zeit." Ein bisschen Ruhe und Privatsphäre habe sie vermisst. "Aber schlimm war das nicht." Für die Leiterinnen gibt es immerhin je ein eigenes kleines Zimmer und ein gemeinsames Bad.

Über 30 Nationalitäten

Der Tag in der "Casa Paderborn" beginnt für Frankenhäuser um 5.30 Uhr. Um 6 Uhr werden die Gäste mit Musik geweckt. Dann gibt es Frühstück. Bis 8 Uhr etwa sollten die Pilger aus dem Haus sein. Jeder darf nur eine Nacht bleiben. Verabschiedet werden die Pilger mit einer Umarmung - wer will - und dem typischen Gruß "Buen Camino" - einen guten Weg. "Dieser schöne Pilgergruß hat mich bei meinem ersten Mal auf dem Jakobsweg beeindruckt. Dass dir jeder einen guten Weg wünscht."

Zwischen 8 und 12 Uhr wird dann geputzt, Geschirr gespült und jede Menge gewaschen. "Manchmal haben wir gegen 10 Uhr nochmal eine kleine Frühstücksrunde gemacht, eine halbe Stunde nur für uns", erinnert sich Frankenhäuser an seltene Verschnaufpausen. Um 12 Uhr standen schon die nächsten Pilger vor der Türe. "Wir waren jeden Abend ausgebucht." Leute aus über 30 Nationen beherbergt die Plößbergerin im "Casa Paderborn" während ihrer Zeit dort. Aus Südkorea, Skandinavien, Ungarn, Südafrika, Deutschland, Madagaskar, Spanien. Trotz der Vielfalt sei Herkunft, Beruf oder Hautfarbe egal. "Das, was uns sonst so wichtig scheint, zählt dort nicht. Nur der Mensch." Alle werden geduzt. Die Verständigung war kein Problem. Die meisten jungen Leute sprechen Englisch, und Frankenhäuser hat Grundkenntnisse in Spanisch und Italienisch. Ihre Kollegin Rita spricht etwas Französisch.

Manchmal kommt sich die 65-Jährige in Pamplona wie eine Einheimische vor, wenn sie in die Stadt zur Bank oder zum Einkaufen geht. Weil sie beruflich in der Lohnbuchhaltung tätig war, führt sie das Pilgerbuch, die Registrierung und Kassenangelegenheiten.

Pilgeralltag

Auch mit dem Pilgeralltag kennt sie sich aus: "Man konzentriert sich auf Essen, Trinken, Schlafen und vielleicht noch Duschen. Und man denkt auf eine gesunde Art nur an sich selbst", reflektiert die 65-Jährige. Man finde automatisch zu sich selbst, auch wenn man nicht will. Die meisten Pilger starten in Frankreich in St. Jean Pied de Port und sind etwa am fünften Tag in Pamplona - und haben noch über 700 Kilometer vor sich. Deshalb haben die wenigsten Gäste ein Problem damit, wenn ab 22 Uhr Nachtruhe in der Herberge angesagt ist und die Haustüre zugesperrt wird. Wer 30 Kilometer zu Fuß hinter sich hat, möchte lieber schlafen als sich die Nacht um die Ohren schlagen. Höchstens unabsichtlich, wenn ein Schnarcher mit im Zimmer liegt. Nur einmal musste Frankenhäuser auf eine kleine Gruppe warten. "Wenn die jetzt betrunken zurückkommen, gibt's Ärger", dachte sich die Oberpfälzerin. Aber die Gäste hatten sich verlaufen. Zudem gibt es eine Notmatratze. "Für den letzten Pilger am Tag soll man ein Bett freihalten, weil der es am dringendsten benötigt. Das stimmt auch", erklärt Frankenhäuser. Die Matratze werde doch ein paar Mal gebraucht. Meist kommen diese Gäste erst gegen 20 Uhr und haben besondere Geschichten im Gepäck.

Über die Arbeit als Herbergsleiterin sagt sie: "Man muss flexibel sein, spontan und improvisieren können." Zum Haus gehört ein kleiner Garten. Einmal hielten die "Hospitalieras" eine Traubenlese. "Ich kochte tagelang Traubensaft, obwohl ich das noch nie gemacht habe." Wird schon werden, denkt sich Frankenhäuser. Abends sitzen in der lauschigen Weinlaube oft Gruppen, es wird Musik gespielt oder gesungen. "Die Verwandlung ist schön zu beobachten. Nachmittags kommen die Pilger erschöpft und abgekämpft an. Am Morgen verlassen sie uns frisch und motiviert."

Viel Fröhlichkeit

Die Herbergsleiterinnen kümmern sich um ein hübsches Ambiente. Den Zimmern haben sie anstatt Nummern Namen verpasst: Etwa "Honeymoon", "Riverside" oder "Girlsroom". Mit ihrer Fröhlichkeit zaubern sie den Pilgern nach einem langen Marsch ein Lächeln ins Gesicht. Den Frühstücksraum dekorieren die beiden liebevoll mit frischen Blumen aus dem Garten und Teelichtern. Dazu läuft im ganzen Haus Musik. Für jeden Pilger gibt es Wasser und Kekse, selbst wenn dieser keinen Platz mehr in der "Casa Paderborn" bekommt.

"Es ist faszinierend, man braucht nicht mehr, als man selbst tragen kann. Man beschränkt sich auf wesentliche Sachen", weiß die Plößbergerin aus Erfahrung. Ein junger Russe habe gefühlt seine halbe Küche dabei gehabt und ließ die überflüssige Camping-Ausrüstung im "Lost & Found"-Korb zurück. Daraus darf sich jeder bedienen. Wandersandalen, Isomatte: Was der eine nicht braucht, hilft dem anderen. "Mit dem Zeug hätten wir einen Pilger komplett ausstatten können."

"Camino-Wunder"

"Jeden Tag passieren kleine ,Camino-Wunder'", sagt Frankenhäuser. Ein Ehepaar ließ seine Fotokamera im Korb zurück. "Wir machen alle Bilder mit dem Handy", begründen die beiden. Gerade als sie weg sind, kommt ein junger Mann: "Mein Handy macht keinen Mucks mehr." Die Kamera war gerade recht. Neben vielen schönen Dingen passieren auch viele traurige Dinge. Wobei Blasen noch das geringste Übel sind: "Ich hab nie so viele Blasen in meinem Leben gesehen wie in diesen drei Wochen", erzählt die Plößbergerin.

"Pilgern ist eine Tätigkeit der Seele", fügt die Rentnerin an. Nach ihrer Zeit als Herbergsleiterin geht sie Anfang September selbst noch ein Stück auf dem Jakobsweg, etwa eine Woche. Das hat sie sich auch für ihren nächsten Einsatz in Pamplona vorgenommen. Fürs Frühjahr plant sie nur einen anderen Abschnitt. Frankenhäuser hilft im April über Ostern wieder in der "Casa Paderborn". Diesmal mit einem anderen Kollegen, der zum ersten Mal dort ist. Zwar hat ihn die Plößbergerin bei den Jakobsfreunden schon kennengelernt, allerdings findet sie es schade, dass "Dream-Team"-Kollegin Rita jemand anderem zugeteilt ist.

Ob als Pilgerin oder als Herbergsleiterin, die Vorbereitungen machen keinen großen Unterschied, stellt Frankenhäuser fest. "Der Weg gibt dir alles, was du brauchst." Gerade frischt sie ihr Spanisch in einem Volkshochschul-Kurs auf. "Man ist schon stolz, dass einen die Füße so weit tragen und dass man es geschafft hat. Aber es ist doch der Weg und nicht Santiago de Compostela das Ziel." Es sind die Begegnungen, die bleiben.

Die Herberge „Albergue Casa Paderborn“ in Pamplona mit Platz für 26 Pilger betreibt der Verein Jakobsfreunde Paderborn. Die Plößbergerin engagierte sich dort drei Wochen lang als Herbergsleiterin.
Jutta Frankenhäuser erzählt von ihrer Zeit, als sie für drei Wochen eine Pilgerherberge auf dem Jakobsweg in Pamplona leitete.
Jeden Tag kommen neue Pilger und bleiben für eine Nacht. Jedes Mal ist die „Casa Paderborn“ am Abend voll.
Jutta Frankenhäuser erzählt von ihrer Zeit, als sie für drei Wochen eine Pilgerherberge auf dem Jakobsweg in Pamplona leitete.
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