05.06.2018 - 09:55 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Aufrütteln durch "Armutszeugnis"

"Wir wollen mit der Plakataktion das Thema Kindesmisshandlung in die Köpfe der Leute bringen", sagt Ralf Kiener, Vorsitzender des Vereins "Karolina". "Vielleicht ruft der Nachbar ja dann endlich an, wenn wieder etwas passiert."

Tina und Ralf Kiener haben selbst zwei Söhne und machen sich als Vorsitzende des Vereins "Karolina" für misshandelte Kinder stark.

(ps) Über sein Kindermädchen, das ehrenamtlich für das Jugendamt tätig war, hat das Ehepaar Tina und Ralf Kiener von misshandelten Kindern erfahren und spontan geholfen. Die Zahl der Fälle stieg, sie warben auch bei Freunden und Bekannten um Spenden. Im November 2016 gründeten sie schließlich den Verein Karolina, um die Hilfe auf eine professionelle Basis zu stellen. Weil sie bei ihren Recherchen auf das tragische Schicksal der kleinen Karolina aus dem Landkreis Neu-Ulm gestoßen sind, die nach wochenlanger Folter im Alter von drei Jahren gestorben ist, war der Vereinsname schnell gefunden. Mit je fünf Großplakaten in Weiden und Amberg macht der Verein seit Freitag auf schockierende Schicksale von Kindern aus der Oberpfalz aufmerksam.

ONETZ: Bisher hat "Karolina" eher mit netten Familienaktionen, Spiel und Unterhaltung auf sich aufmerksam gemacht. Warum jetzt diese schockierenden Plakate?

: Tina Kiener: Wir haben lange überlegt, ob wir das machen sollen. Aber bei unseren Veranstaltungen und in Gesprächen haben wir festgestellt, dass viele Leute leider sehr stark abgestumpft sind. Man kommt auf nette Art an bestimmte Leute einfach nicht mehr ran. Mitglieder anderer Vereine haben uns erzählt, dass sie deshalb einmal im Jahr mit krassen Aktionen an die Öffentlichkeit gehen. Das ergibt einen gewissen Aha-Effekt. Und auch wir haben festgestellt, dass die Plakataktion unter dem Motto "Armutszeugnis" viele Menschen eher anspricht.

ONETZ: Gab es denn schon Reaktionen auf die Plakate?

: Tina Kiener: Ja, und die waren bisher durchwegs positiv. Wir hatten schon Reaktionen auf Onetz und über Facebook. Es gab Anrufe, wie man bei uns Mitglied werden kann. Und am Montag gingen sogar schon erste Spenden ein.

ONETZ: Sind die Fälle, die Sie auf den Plakaten schildern, denn echt?

: Ralf Kiener: Leider ist alles Fakt, was auf den Plakaten steht. Nur die Bilder der Kinder sind natürlich gestellt. Die auf den Plakaten geschilderten Fälle haben sich alle in der Oberpfalz ereignet. Kindesmisshandlung ist leider weit verbreitet. Laut Statistik werden in der Bundesrepublik jedes Jahr 240000 Kinder misshandelt, wöchentlich sterben drei Kinder wegen Misshandlung, elf Kinder werden täglich krankenhausreif geschlagen und 30 bis 40 Kinder werden täglich sexuell missbraucht. Doch die wenigsten Fälle gelangen an die Öffentlichkeit. Es gibt eine sehr hohe Dunkelziffer.

ONETZ: Welcher Fall hat Sie besonders erschüttert?

: Tina Kiener: Natürlich der tragische Tod der kleinen Karolina, nach der wir unseren Verein benannt haben. Aber es gibt immer wieder neue Fälle, die uns erschüttern. Zum Beispiel den des knapp dreijährigen Jungen aus Regensburg, dem wir leider nicht mehr helfen konnten. Er ist von beiden Eltern geprügelt worden und starb schließlich an einem Genickbruch, weil er angeblich die Treppe hinab gestürzt ist. Diese Behauptung kann nicht widerlegt werden.

ONETZ: Wäre das Geld für die Plakate in der Hilfe für Kinder nicht besser angelegt?

: Ralf Kiener: Für die Aktion "Armutszeugnis" haben wir spezielle Spender, die genau diese Sache unterstützen wollen. Die Plakate sollen die Öffentlichkeit wachrütteln.

ONETZ: Sie planen auch die Verteilung von Flyern. Was ist da vorgesehen?

: Tina Kiener: Am 6. Juni werden 20000 Flyer der OWZ beiliegen. Außerdem legen wir die Flyer in Geschäften in Amberg und Weiden aus und hängen dort auch kleinere Plakate auf. Wir wollen auch in den Rathäusern noch nachfragen, ob wir dort Flyer auslegen können. Wer unsere Arbeit unterstützen will, kann das durch eine Spende bei der Volksbank Nordoberpfalz, Spendenkonto Karolina, IBAN: DE32 753 900 000 001 120 107.

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