24.04.2019 - 18:37 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Kommt der Alex oder nicht?

Drei Versuche, um nach Leipzig zu gelangen. Eine Stunde später als geplant bei den Enkeln. Viele Passagiere regen sich über den Alex-Zug auf, weil er zu spät fährt oder ganz ausfällt. Warum ist der Service so schlecht?

Der Alex auf dem Bahnhof in Weiden. Zu häufig kommt der Zug verspätet - manchmal auch gar nicht
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Drei Versuche, um in den Tiergarten Leipzig zu gelangen. Gabriele und Wolfgang Wohlrab hatten mit dem Alex vor einigen Wochen kein Glück. Zwei Mal haben sie es mit dem "Schönes-Wochenende-Ticket" (50 Euro für zwei Personen bundesweit einen Tag im Nahverkehr) an zwei Samstagen versucht, mit dem Alex von Weiden nach Hof, von dort mit der Erfurter Bahn nach Leipzig zu gelangen. Doch weit gefehlt. Einmal fiel der Alex, den die Länderbahn betreibt, ab Weiden um 7.17 Uhr aus, beim zweiten Mal hatte er 30 Minuten Verspätung. Der Anschluss in Hof war nicht zu schaffen, ein Termin in Leipzig nicht einzuhalten. "Die Fahrt musste daher wieder ausfallen", sagt Wolfgang Wohlrab. Immerhin hat sich die Länderbahn damals per E-Mail entschuldigt.

"Wir wollten mal in den Tiergarten ... Aber wir sind einfach nicht hingekommen", ärgert sich Gabriele Wohlrab. Beim dritten Mal fuhr das Paar mit dem Auto nach Marktredwitz und von dort mit dem Regionalexpress der Deutschen Bahn nach Hof. "Einwandfrei hat das geklappt", freut sie sich. "Man stelle sich vor, ich will zum Flughafen Leipzig fahren wegen eines Flugs und muss das rechtzeitig alles planen, was derzeit von Weiden aus nicht möglich ist", schimpft ihr Mann.

15 Jahre pendeln

Ärgern kann sich auch eine Vohenstraußerin, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Seit 15 Jahren fährt sie jede Woche für zwei Tage nach München, um sich dort um ihre Enkel zu kümmern. Seit etwa fünf Jahren werde der Service immer schlechter, berichtet sie. Der Alex, der von Hof über Weiden, Schwandorf und Regensburg nach München fahren sollte, fällt an jenem Dienstag aus - wieder einmal. Eigentlich sollte ein Ersatzbus die Fahrgäste von Weiden nach Schwandorf bringen, dort soll ein Alex weiterfahren. Der Bus kommt nicht, die Passagiere nehmen die Oberpfalzbahn und sind eine Stunde später als geplant am Ziel.

Die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG), die Länderbahn und der Fahrgastverband Pro Bahn machen verschiedene Probleme beim Alex aus:Personal:2014 habe die Regentalbahn Strecken des Alex-Süd (München-Lindau/Oberstdorf) übernommen. "Seitdem kämpft man mit Personalproblemen. Das hat zu Qualitätsverlusten geführt", erklärt Lukas Iffländer. Er ist stellvertretender Bundesvorsitzender bei Pro Bahn. Jörg Puchmüller von der Länderbahn verweist auf einen "sehr hohen Krankenstand". Um dem Personalmangel entgegenzuwirken, hat die Länderbahn sogar mit einer Eisenbahnschule eine Kooperation geschlossen.

Material:Länderbahn-Pressesprecher Puchmüller nennt die Gründe: Er spricht von "Kapazitätsengpässen bei der Infrastruktur auf deutscher und tschechischer Seite", außerdem von 40 Großbaustellen in Deutschland entlang der Strecke des Alex-Nord - zwischen München und Hof beziehungsweise Pilsen, verweist auf Witterungsschäden und auf die vielbefahrene, eingleisige Strecke Schwandorf-Pilsen (75 Prozent mehr Verkehr seit 2017).

Letzteres bestätigt Iffländer, der aus Neunkirchen bei Weiden stammt. "Der dicke Brocken ... kam im Dezember 2017." Seitdem fahren die Züge München-Prag und München-Hof durchgängig bis Schwandorf. In Schwandorf werden sie dann geteilt und auf der Rückfahrt wieder gekoppelt. "Zusätzlich wurde zwischen Prag und München auf ein zweistündliches Angebot verdichtet. Während neue Wagen beschafft wurden (die leider sehr anfällig sind), wurden keine zusätzlichen Lokomotiven beschafft", klagt Iffländer.

Bei den Beschwerden, die Pro Bahn erreichen, gehe es hauptsächlich um die Waggons. "Vor allem die zugekauften italienischen Wagen - erkennbar an der dunkleren Farbe - fallen häufig aus." Fahrgäste würden sich oft über Probleme bei der Wartung (defekte Toiletten, gestörte Türen) beklagen. Laut Länderbahn seien dies Einzelfälle.

Kaum Reserven

Auf den Dieselabschnitten gibt es für den Alex elf Lokomotiven, wie Iffländer weiß. Die BEG vergibt die Aufträge für den öffentlichen Personennahverkehr auf der Schiene. Ihr Geschäftsführer Thomas Prechtl zählt neun für den Alex zwischen München und Hof/Pilsen, davon eine als Reserve. Die Länderbahn habe laut Iffländer für das gesamte Alex-Netz zwar zwei permanent einsatzbereite Ersatzloks samt Lokführer als sogenannte Pünktlichkeitsreserve, aber null Loks in der Wartungsreserve. "In der Annahme, dass ein Fahrzeug in der Wartung ist, fehlt bereits bei der ersten Störung ein Fahrzeug im Betrieb. Insgesamt also zu knapp kalkuliert. In letzter Zeit waren öfter zwei oder mehr Loks defekt, was zu größeren Störungen führte." Die Länderbahn teilt mit, zehn bis zwölf Dieselloks würden benötigt, sie habe fünfzehn, eine für die Pünktlichkeit, zwei für die Wartung.

Pünktlichkeit:Die BEG führt Buch über Alex' Pünktlichkeit. Beim Alex von München Richtung Norden "kam es bei einem kompletten Bestellumfang von 2 769 092 Kilometer für das Jahr 2018 zu Ausfällen von 51 660 Kilometer, dies entspricht etwa 1,9 Prozent der gesamten beauftragten Leistung", informiert Prechtl. Puchmüller: "Es ist leider festzustellen, dass im Schnitt nur etwa zwei Drittel der Züge im Nordast pünktlich sind. Das ist ehrlich gesagt für uns kein akzeptabler Zustand."

Ein Problem sei das Kuppeln in Schwandorf. "Hat ein Zugteil Verspätung, kumuliert sich das schnell", erläutert Iffländer. Dadurch würden Verspätungen entstehen, und wenn der Zug eh schon zu spät dran ist, werden Anschlüsse in Regensburg und München nicht erreicht. Insgesamt sei der Alex Richtung Hof pünktlicher als Richtung München. "Selbstverständlich erwarten wir, dass die von uns bestellten Züge pünktlich verkehren", beteuert Prechtl. Die BEG verlange die Einhaltung von Mindestpünktlichkeitswerten, andernfalls drohen Strafen. Das gleiche gelte für Zugausfälle.

Gegenmaßnahmen:Die BEG habe die Länderbahn mehrfach aufgefordert, Maßnahmen zur "Stabilisierung des Betriebs" zu ergreifen. In Gesprächen würde das kontrolliert. Iffländer und Prechtl berichten, dass die BEG der Länderbahn einen externen Gutachter aufgedrückt hat. "Dabei werden insbesondere die Wartung und Instandhaltung der Fahrzeuge im Betriebswerk, die Personalplanung sowie die Umsetzung von Maßnahmen zur Verbesserung der Betriebsstabilität (vor allem Pünktlichkeit) untersucht", erläutert Prechtl.

Lukas Iffländer, stellvertretender Bundesvorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn.

Schnelle Besserung?

Schnelle Verbesserungen sind wohl kaum in Sicht. Iffländer erwartet, dass sich die Lage erst mit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2020 entspannen wird. Dann übernimmt die DB Regio das Netz südlich von München, wodurch Lokomotiven für die Strecke von München nach Hof und Prag frei werden. "Aus diesem Grund konnten wir uns leider auch mit dem Wunsch nicht durchsetzen, dass weitere Dieselloks angeschafft werden."

"Wir haben jetzt eine Alex-Taskforce, die sich nahezu täglich mit der weiteren Optimierung des Betriebs beschäftigt", sagt Puchmüller. Iffländer macht ebenfalls Hoffnung, allerdings ist noch Geduld gefragt: "Nach Auslaufen der aktuellen Ausschreibung (12/2022) werde das Kuppelkonzept in Schwandorf aufgegeben ... Es verkehren dann zwar weiter zweistündlich Züge von München nach Hof und nach Prag, diese werden aber getrennt geführt, wodurch sich zwischen Schwandorf und München etwa ein Stundentakt ergeben soll."

Die Oberpfalzbahn schneidet beim Qualitätsranking der BEG 2018 sehr gut ab.
Qualitätsranking:

Oberpfalzbahn top, Alex ein Flop

Viechtach. (esa) Die Unzufriedenheit der Kunden mit dem Alex macht sich auch in einem Qualitätsranking bemerkbar. In der Studie für 2018 landen Alex-Nord und -Süd auf Platz 25 von 29 und „bleibt unter den Erwartungen der BEG“, wie diese mitteilt. „Natürlich ärgern wir uns auch über die schlechte Platzierung im BEG-Ranking, aber auf der anderen Seite motiviert uns natürlich auch die gute bis sehr gute Platzierung der Oberpfalzbahn, der Waldbahn und der Berchtesgadener Land-Bahn“, so Länderbahn-Pressesprecher Jörg Puchmüller. An der Spitze des Rankings steht – zum siebten Mal in Folge – das Netz Agilis-Nord. Rang zwei erreicht die Oberpfalzbahn/Waldbahn. Mit dem Qualitätsmesssystem der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG) werden Kriterien zur Sauberkeit und Funktionsfähigkeit der Ausstattung der Fahrzeuge, Fahrgastinformation sowie Service von unabhängigen Testern kontrolliert. Außerdem werde die Kundenzufriedenheit mittels Befragungen erfasst, erläutert die BEG.

Angemerkt:

Von wegen noch mal kuscheln

Noch mal kuscheln statt am Bahnsteig warten. So wirbt die Deutsche Bahn für ihre App „Navigator“. Doch von wegen. Gerne wäre ich eine Stunde länger im Bett geblieben, hätte mich nach einer Woche Spätdienst noch mal umgedreht. Aber die App zeigt an: Die gebuchten Züge nach Berlin werden heute pünktlich sein. Also raus aus den Federn. Als ich zum Bahnhof aufbreche, schaue ich noch mal nach: Wieder zeigt die App: „Alles in Ordnung.“ Sieben Minuten vor Abfahrt stehe ich am Bahngleis. Fünf Minuten vor Abfahrt des Alex’ ertönt eine Durchsage: „Heute zirka 60 Minuten später.“ Meine Anschlüsse in Hof und Leipzig sind damit futsch. Zehn Minuten später steht auf der Anzeige: „Zug fällt aus.“ Meine nächste Reisemöglichkeit ist eine Stunde später. Zu wenig Zeit, um noch mal unter die Bettdecke zu kriechen.

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